Verlagsgruppe Droemer Knaur



Sabine Ebert: "Selbstbestimmung war im Mittalter undenkbar."

Einleitung

Die Bestseller-Autorin Sabine Ebert hält sich in ihren spannenden Romanen immer an die historische Wirklichkeit

Berühmt geworden ist Sabine Ebert mit ihrer 5-bändigen Mittelalter-Saga um die Hebamme Marthe. Danach veröffentlichte die 1958 in Aschersleben in Sachsen-Anhalt geborene Autorin einen Roman-Zyklus über die Leipziger Völkerschlacht. Im Frühjahr 2017 hat sie mit einer neuen Mittelalter-Reihe begonnen. „Schwert und Krone“ spielt in der Welt der Fürsten, die mit Kriegen und Intrigen um die Vormacht im damaligen deutschen Reich streiten. Im November 2017 ist der zweite Band unter dem Titel „Schwert und Krone. Der junge Falke“ erschienen.

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„Wir hätten nie gedacht, dass man deutsche Geschichte so spannend erzählen kann!“ Das ist der Tenor ihrer Leser, wie Sabine Ebert ihn nach beinah jeder Veranstaltung und in jeder Leserpost zu hören bekommt. Und das macht die Autorin von bisher neun historischen Romanen stolz. Denn sie hat sich den hohen Anspruch gesetzt, keine Abenteuer vor historischer Kulisse zu erzählen, sondern ein Stück deutsche Geschichte mit den Mitteln des Romans. Historische Genauigkeit bis ins Detail, gepaart mit einer fesselnden Story: das ist der Stoff, aus dem Eberts Romane sind. Und der Erfolg gibt ihr Recht: Alle ihre Bücher sind Bestseller vom Debut 2006 an, der mittelalterlichen Saga um die Hebamme Marthe, und mittlerweile mit einer Gesamt- Auflage von 3,5 Millionen. 

Ihre literarischen Zeitreisen führen die gelernte Journalistin immer streng entlang der historischen Wirklichkeit. Wenn sie reale Figuren benutzt, versucht sie, den Originalen gerecht zu werden, zumindest soweit die Fakten reichen. Alles Fiktive muss sich plausibel in die verbürgte Geschichte einfügen. Auch ihr neuer Romanzyklus „Schwert und Krone“ spielt wieder im Hochmittelalter. Friedrich Barbarossa, der schon im ersten Band als ehrgeiziger junger Ritter auftritt, greift jetzt in Band Zwei nach der Krone. Dabei versucht er seine ungeliebte Frau loszuwerden, die er auf Befehl seines Vaters geheiratet hat. Liebesdramen, Machtkämpfe und Intrigen erzählt Sabine Ebert hier aus der Sicht von Fürsten, Edeldamen und Königen. Sie will dieses Mal einen Blick hinter die Kulissen werfen, sagt sie. Anders als in der Hebammen-Reihe, wo sie bewusst die Perspektive der kleinen Leute eingenommen hat. Und weil die adeligen Protagonisten einen ganz anderen Bewegungsradius haben, kann sie dem reisenden Hofstaat an die Schauplätze des Geschehens folgen, die sich über ganz Deutschland ausdehnen - von A wie Aachen bis W wie Würzburg. 

Sie selbst wäre früher übrigens ganz unbedeutend gewesen, räumt Sabine Ebert lachend ein. „Mein Vater hat mal 500 Jahre zurückgeforscht: Unsere Vorfahren waren Leute im Harz, Bergleute und Schäfer.“ Dass es ihr gelingt, dem einen wie dem anderen historischen Milieu spannende Plots zu entlocken, hat wohl mit einer besonderen Spürnase zu tun. Immer wieder liest sie bei ihren intensiven Recherchen buchstäblich neue Geschichten auf, erkennt mit geübtem Auge in einer für Laien staubtrockenen Abfolge von Schlachten und Belagerungen den Romanstoff. Ein solcher Fund war der sogenannte Wendenkreuzzug, der im Mittelpunkt des neuen Bandes steht. Der Kriegszug fand parallel zum zweiten Kreuzzug statt und hatte offiziell zum Ziel, die Slawen im Norden des Reiches zu christianisieren. Tatsächlich handelte es sich wohl um einen listigen Schachzug dreier eigentlich verfeindeter  Fürsten, die nicht am Kreuzzug des Königs teilnehmen wollten, meint Ebert, die daraus ihren Plot konstruiert hat. „Dafür haben sie sogar ein Zweckbündnis geschlossen und einen Plan für einen Kreuzzug gegen die Heiden vor der eigenen Haustür entwickelt. Nach ein paar Wochen waren sie wieder daheim und hatten sich gute Gebiete und Tributzahlungen von den Slawen gesichert. Während die anderen Kreuzfahrer noch immer durch die sengende Hitze zogen und bald auch elendiglich starben“. Ein Novum und ganz besonderes Bonusmaterial ist die eigens für das Buch von einem Spezialisten angefertigte Karte vom Wendenkreuzzug. „Die gab es bisher selbst in der Fachwelt nicht“, freut sich die Autorin, die sich regelmäßig mit einem Historikerteam berät. Ihr Maßstab ist stets der neueste Forschungsstand.

Große Anerkennung brachten Sabine Ebert so auch ihre Romane über die Leipziger Völkerschlacht ein. Für die Bände „1813. Kriegsfeuer“ und „1815. Blutfrieden“ arbeitete sie sich durch 50.000 Seiten Dokumente: Schlachtordnungen, historische Zeitungsjahrgänge, Tagebücher, Augenzeugenberichte. Dank ihrer akribischen Recherchen konnte sie sogar mit etlichen Mythen aufräumen. Dafür bekam sie Lob von Historikern.

„Ikone der Mittelalterszene“

Sabine Eberts Passion für Geschichte reicht weit zurück. „Ich bin in Berlin aufgewachsen und habe in meiner Kindheit und Jugend sehr viel Zeit im Pergamonmuseum verbracht“, sagt die heute 59jährige, „auch viel über Geschichte gelesen. Das prägt.“ Sie studierte Lateinamerikawissenschaften, zog Anfang der 80-iger Jahre als Journalistin ins sächsische Freiberg, schrieb Reportagen und Sachbücher zur Regionalgeschichte. Und dabei stieß sie auf den Stoff für ihren ersten Roman: die abenteuerliche Gründungsgeschichte der Stadt Freiberg. Ihre Hauptfigur sollte die junge Kräuterkundige Marthe sein, die sie mit dem Zug fränkischer Siedler Richtung Osten schicken wollte, um dort ein besseres Leben aufzubauen.  Zeit, die Idee umzusetzen, hatte die vielbeschäftigte Reporterin allerdings erst, nachdem Sohn und Tochter, heute beide über 30, aus dem Haus waren. Über fünf Jahre hat sie am „Geheimnis der Hebamme“ gearbeitet. Mit kleiner Auflage (12.000 Exemplare) und ohne Werbung ging ihr Debut an den Start. Und entwickelte sich von Band zu Band zu einer größeren Erfolgsgeschichte, die ihr schließlich anerkennende Beinamen wie ‚Ikone der Mittelalterszene‘ – bei den späteren Völkerschlacht-Romanen – „deutscher Ken Follett“ einbrachte.

Wie reinigt man ein verrostetes Kettenhemd?

Man kann Sabine Eberts Arbeitsweise durchaus ganzheitlich nennen: sie schreibt mit solidem Wissen im Hintergrund und Einfühlung. Das sieht schon, wer ihr Arbeitszimmer betritt: an den Regalen voller Fachliteratur hängen historische Gewänder, die sie bei ihren Lesungen trägt. Auf dem Schreibtisch steht obligatorisch, neben Blume und Kerze, ein Symbol aus der Zeit, über die sie jeweils schreibt. Aktuell ist das ein schlichter Tonbecher aus dem 12. Jahrhundert, eine Replik natürlich, wie sie lachend betont.  „Aber als ich über die Völkerschlacht schrieb,  habe ich mir eine Original-Mokkatasse aus dem Antiquitätenladen gegönnt“. Für dieses insgesamt rund 2000 Seiten umfassende Epos ist sie um der Authentizität willen sogar eigens nach Leipzig gezogen. Um die historischen Schauplätze in Augenschein zu nehmen, wie sie sagt, und um Details, wie etwa Sichtachsen, prüfen zu können. 

Das Einzigartige an den Ebertschen Recherche-Methoden sind allerdings ihre eigenen Zeitreisen. Wenn sie nämlich Jeans und Lederjacke gegen den Bliaut tauscht – ein Gewand mit weit ausgestellten Ärmeln, das sowohl Frauen als auch Männer bei Hofe trugen - und als adelige Dame Mittelalter live erlebt. Reenactment nennt sich das mit einem Fachausdruck und meint die Inszenierung und Darstellung einer historischen Epoche. Kontakt zu der Szene bekam sie durch einen begeisterten Leser, der sie  zu einem Historienspiel der „Interessengemeinschaft Mark Meißen 1200“ einlud. Die „Mark Meißen“, der Ursprung des heutigen Sachsens, war der Schauplatz ihrer Hebammen-Romane. Längst ist sie selbst Mitglied der Interessengemeinschaft und nimmt regelmäßig an den Lagern teil, wo nach historischen Quellen gekämpft und gekocht wird. Selbstverständlich in originalgetreuer und handgefertigter Kleidung. 

Die Historienszene habe ihr Leben und Schreiben verändert, sagt die Erfolgsschriftstellerin. Sie habe neue Freundschaften gewonnen und vor allem viel für ihre Romane gelernt. Sie kann ihren Lesern jetzt sehr plastisch beschreiben, wie die Kleidung damals aussah oder wie verrostete Kettenhemden gereinigt wurden - nämlich indem man sie in einem Sandsack durch den Burghof rollte. Die Gruppe berät sie, wenn es um Detailwissen wie Pfeilschussweiten oder die Pflege von Pferden geht: „Jede Belagerung, die in meinen Büchern stattfindet, wird erst einmal durchdiskutiert.“ Manchmal treten die Freunde auch bei ihren Lesungen auf und führen dem staunenden Publikum einen Schwertkampf vor. „Erzählstunden“ trifft den Charakter ihrer Veranstaltungen besser, denn sie liest nie nur stur aus dem Buch vor.  „Das können die Leute zu Hause auf dem Sofa viel bequemer haben“, sagt sie. Nach ein paar vorgetragenen Szenen gewährt sie stattdessen Einblick in ihre Werkstatt, „das interessiert die Leser immer am meisten“ und erzählt, wie die mittelalterlichen Menschen gelebt haben.

 „Emanzipation war im Mittelalter undenkbar“

Der Alltag war hart, besonders für die Frauen. Sabine Ebert will zeigen, wie schutzlos und ausgeliefert an die Gewalt der Männer gerade Frauen von niederem Stand waren. Und da erspart sie ihren Leserinnen und Lesern (fast) nichts. „Ich zeige das, damit die Leute sehen, wie gut es uns heute geht.“ Selbst die adligen Frauen, Protagonistinnen in ihrer Barbarossa-Saga,  seien nur mehr oder weniger rechtlose Spielfiguren in der höfischen Heiratspolitik gewesen. Sie konnten sich nicht dagegen wehren, „dass sie mit 12 an viel ältere Adlige weggegeben wurden, um die zu heiraten“. Einfühlsam und berührend schildert sie das Schicksal blutjunger Mädchen, die sich in der höfischen Welt behaupten mussten. Das Mittelalter sei die Zeit der starken Männer gewesen, erläutert die Autorin sachlich, das muss sie berücksichtigen:  “Ich kann die Frauen nichts tun lassen, was gegen die damaligen Sitten verstößt. Ich lasse sie viele Dinge denken, aber nicht sagen!“ Im Adel habe es auch starke Frauen gegeben, die sogar Einfluss auf die Politik genommen haben. Die spielen in ihrem neuen Roman natürlich eine wichtige Rolle. Mit Emanzipation oder gar Selbstbestimmung hatte das allerdings nichts zu tun. „Undenkbar“, wehrt Sabine Ebert ab, „Die Vorstellung gab es nicht einmal. Selbst der Kaiser hatte kein selbstbestimmtes Leben, alles war von Gott bestimmt.“

Was meint die Bestsellerautorin zu der Erwartung, dass im Unterhaltungsroman die Guten immer siegen sollen?  „Das gibt’s nur im Märchen, das ist nicht mein Genre!“ widerspricht sie sehr bestimmt „Es war eine grausame, blutige Zeit, und wenn die Schurken Macht und Einfluss hatten, war es nicht die Regel, dass sie für ihre Missetaten bestraft wurden. Ein Happy End ist im Mittelalter denkbar selten.“ Aber natürlich entlässt Sabine Ebert ihre Leser nicht ohne Hoffnung. Und so wird man sich gerne wieder von ihr in die Vergangenheit entführen lassen, wenn sie zur Vorstellung des neuen Romans in ihren Bliaut aus orangeroter Seide schlüpft, den eigenhändig mit Perlen bestickten Gürtel anlegt und von trickreichen Haudegen und gewitzten Damen erzählt.

Die Bestseller von Sabine Ebert

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