Verlagsgruppe Droemer Knaur



Katja Bohnet: Tod dem Brei!

Einleitung

Oder auch: Erstkontakt mit einer Hauptfigur

Ich traf Viktor an einem Tag, an dem er noch gar nicht existierte. Er trat aus dem Nebel heraus, der hier morgens über den Feldern liegt. Aus diesem Nebel, der so dicht ist, dass man auf der Landstraße die Scheinwerfer eines Autos keine fünfzig Meter weit sehen kann. Er hätte alles sein können: Wanderarbeiter, Säufer, Spätheimkehrer, Pendler oder Flüchtender, Suchender oder Polizist. Jemand hat mal behauptet, dass wir uns gegenseitig verdienten. Dass unser Zusammentreffen schicksalhaft war. Ich bestreite das. 

Schicksalhaft? Nein. Unausweichlich? Ja.

Was?

Was wollte ich von ihm? Was habe ich von Viktor eigentlich verlangt? 

Nichts. Nicht einmal, dass er funktionierte.


Tod dem Brei!

Ein Ei, dachte er. Ein Ei wäre jetzt gut. Es war ihm nach einem Ei. Das, was vor ihm stand, sah eher aus wie Brei. Das Brot sah alt aus - er hatte es in guter Absicht vor zwei Wochen gekauft und nie angeschnitten. Es war hart wie ein Backstein. Brot ohne Geld-Zurück-Garantie, darin bestand das Problem. Deshalb aß er Haferflocken. Er hatte sich keine Gewissheit über das Haltbarkeitsdatum verschafft. Dazu gab es Milch. H-Milch aus dem Tetrapack. Wenigstens die war frisch. So frisch, wie das Glas Honig, das seit Jahren auf dem Regal stand, so frisch wie die Bettwäsche, die seit drei Wochen darauf wartete, gewechselt zu werden, so frisch wie sein Anblick im Spiegel heute morgen. Vielleicht doch kein Ei. Vor Jahren war einmal eines schlecht gewesen. Er erinnerte sich an den mineralischen Geruch. Hätte es faul gerochen, er hätte es gemerkt. Einen Vorteil hatte die Situation: Er musste damals nicht kommen. 

Jetzt war es still, nur das Geräusch seines Löffels im Brei. Er stellte sich sein Frühstück vor, so wie es vor sechs Monaten gewesen war. Wie er die Kaffeemaschine anwarf. Wie sie asthmatisch das Wasser zog, wie ihm das Röcheln einen Kick versprach: Koffein. Ein Hoch auf Koffein! Sein Arzt war ein Idiot: Er untersagte ihm die schönsten Dinge. Wahrscheinlich empfahl er Brei. Viktor fühlte sich müde, aber wenn er der Müdigkeit nachgab, würde sein Handy vibrieren. Es vibrierte ständig. Manchmal hatte ein Vibrieren nichts Erregendes, es war einfach nur ein stiller Klingelton. Die beigefarbenen Flocken rannen vom Löffel und Viktor sah plötzlich keinen Grund mehr, sich zu ernähren. Seine Fantasie wuchs und präsentierte ihm Bilder von reichhaltigen Buffets, Rührei in glänzenden Warmhaltewannen. Was ist das heute mit mir und dem Ei?, fragte er sich. Sonst drängten sich Eier nicht in den Vordergrund, heute schien er davon besessen zu sein. Das bin nicht ich, dachte er. Es ist mein Kopf oder etwas darin. Leere wäre traurig, das Unbekannte nicht minder erschreckend. Ich darf nicht daran denken, ermahnte er sich. Denken, nur ein klitzekleines Bisschen an den Tumor zu denken. Danach ein Feuerwerk an den Synapsen, die knackten, knickten, als sei der Tumor ein beleidigter alter Mann, der einfach nur in Ruhe gelassen werden wollte, dem man nicht dumm kommen durfte: AUS! Er wollte hier nicht gefunden werden, Gesicht im Brei, unter sich eine Lache aus Urin. Wenn sein Hirn pausierte, gab alles an ihm, in ihm nach. Der Vorteil daran: Jemand anderes musste kommen. 

Aber nicht Gunnar. Wenn Gunnar kam, war nichts vorteilhaft. Sein Chef war ein Pfau. Sollte er doch im Büro herumstolzieren! Aber Viktors Küche war tabu. Nicht Gunnar. Auch Lopez nicht. Nein. Nicht Lopez. Jede andere, aber nicht sie. Giselle Bündchen oder Lady Gaga, von ihm aus auch Angela Merkel oder Hildegard Knef. Lebte die noch? Lebende oder Tote, sollten sie doch kommen! Alle sollten sie ihn sehen - Gesicht im Brei - aber Lopez nicht. Er wollte ihr den Anblick ersparen. Er wusste, hoffte, dass sie es schrecklich fände. Unendlich traurig wäre. Und hoffte doch, dass er ihr gerade das nicht zumuten würde. Für andere wäre er nur ein Mann im Brei, aber für Lopez wäre er ein Freund im Brei. Schwach, vielleicht auch tot. Das machte einen Unterschied. Er sah sich auferstehen – Mann aus Brei – ein Clown, nur für sie. Die rote Nase stand ihm, wie er fand. Aber alles andere war mehr, als er ertrug: das weiße Gesicht, die bunte Kleidung. Er hatte das richtige Maß verloren. Im Leben sowie in seiner Fantasie. Sein Kopf produzierte schiefe Bilder. Für einen Clown war er zu groß, zu grob, zu furchteinflößend. Ein Gruselclown. Die Kinder auf einer Party würden flüchten, schreien. Er hätte sich im Voraus bezahlen lassen. Auch bei Clowns gab es keine Geld-zurück-Garantie. Eier, Clowns – was würde als Nächstes kommen?, fragte er sich und hatte im gleichen Atemzug schon keine Lust mehr, die Antwort zu erfahren.

Viktor schob die Schale mit den aufgeweichten Haferflocken von sich weg. Lopez hätte sie einfach weggeschossen. Sie hätte vor seiner Tür stehen können, hätte lässig mit der Waffe über die Schulter gezielt: Peng!, ein Schuss, ein Treffer. Der Brei: tot. Verspritzt in alle Richtungen. Tod dem Brei! Lopez war ein Phänomen. Keine schoss wie sie. Aber sie war nicht hier. Er war allein. Viktor, Schüssel, Brei. Der Löffel klapperte gegen das Porzellan. Seine Hand lag auf dem Tisch, so groß wie ein Pfannkuchen. Wieder Eier. Aus dieser Nummer komme ich nicht mehr heil heraus, dachte er. Viktor seufzte. Er hatte sich sein Frühstück leichter vorgestellt. 

Als sein Handy vibrierte, nahm er es erleichtert zur Kenntnis. Lopez. „Ja?“ Er lauschte und fragte wann und wo und was genau. Eine Leiche. Viktor legte sie in seinem Kopf sorgsam über Brei und Ei. Rot auf weiß. Rot war gut. Eine anständige Farbe. Noch freute er sich, dass die Tatwaffe, ein Messer, den Frühstückslöffel ersetzen würde. Er konnte nicht ahnen, dass er jemanden erkennen würde, dass er jemandem helfen musste, dass er in einem Bett enden würde. Es hätte ihm nicht gefallen. In diesem Moment war das Vibrieren gut, die Nachricht erwünscht und eine Leiche besser als Brei. Er sagte es, wie andere „danke, gut“, oder „morgen mehr“ sagten. Er sagte einfach nur: „Ich komme.“ 

Katja Bohnet

↑ nach oben