Verlagsgruppe Droemer Knaur



Karl Marx und das Jahrhundert der Dienstmädchen

Einleitung

Claudia und Nadja Beinert sind auf den Spuren eines berühmten Mannes unterwegs

Im 19. Jahrhundert strömten junge Mädchen aus kinderreichen, armen Landfamilien – geübt in Genügsamkeit, Anpassung und Unterordnung – voll der Hoffnung auf Freiheit und Auskommen in städtische Haushalte und wurden sehr oft bitter enttäuscht. Ein Jahrhundert der Desillusion junger Mädchen, eingepfercht in Schlafkojen, 16 Stunden-Arbeitszeit/7 Tage pro Woche und ohne familiäre Liebe. Dienstmädchen bildeten im 19. Jahrhundert die größte weibliche Beschäftigungsgruppe. 

„Redliche Dienstboten geben Leib und Leben für das Wohl ihrer Herrschaft. Dienstboten sind nicht neugierig, plaudern nicht aus dem Hause und niemals äußern sie sich nachteilig über ihre Herrschaft, denn die Ehre der Herrschaft ist ihre eigene.“ (Preußische Gesindeordnung vom 8ten November 1810)

Anders als heute galt im 19. Jahrhundert als arm, wer sich nicht einmal ein Dienstmädchen leisten konnte. Viele Handwerkerfamilien, Bauern und Kaufleute sowieso hatten ein Mädchen „in Stellung.“ Die Familie von Westphalen aus unserem historischen Roman „Revolution im Herzen“ natürlich auch. Ludwig von Westphalen und seine zweite Ehefrau Caroline sind die Eltern von Jenny, der späteren Ehefrau von Karl Marx. Bei den Westphalens diente unser Lenchen in Jugendjahren. Später dann, als das junge Ehepaar Marx wegen politischer Verfolgung Paris verlassen und in Brüssel ein neues Leben beginnen musste, schickt Caroline „ihr treues Lenchen“ in den Brüsseler Haushalt ihrer Tochter. Lenchen war zu dieser Zeit ca. 26 Jahre jung und unverheiratet. 

Die meisten Dienstmädchen arbeiteten nicht in adligen Haushalten, wo es Silber zu putzen und Rüschen zu bügeln galt, sondern bei weniger wohlhabenden Familien, wo gewaschen und schwer geschleppt werden musste. Im 19. Jahrhundert war der Haushalt arbeitsintensiver als heute. Fernwärme, elektrisches Licht, Kühlschrank mit Eisfach und viele andere Erfindungen wie die Waschmaschine ersparen uns heute Holz zu hacken, Kohlen zu schleppen, Lebensmittel umständlich haltbar zu machen und vor allen Dingen nicht in einer mehrtätigen, schweißtreibenden Prozedur Wäsche waschen zu müssen. Dienstmädchen im 19. Jahrhundert zu sein, bedeutete, enorme körperliche Anstrengungen durchzuhalten. In den meisten Haushalten gab es keine Mannschaft an Dienstboten (Sammelbegriff für die gesamte Dienerschaft), sondern nur ein Dienstmädchen (auch Alleinmädchen genannt), im Idealfall konnte sich eine Familie noch eine Köchin leisten. 

Auszug aus dem Tagesplan eines Dienstmädchens

„Die Herrschaft ist schuldig, dem Gesinde Lohn und Kleidung zu den bestimmten Zeiten ungesäumt zu entrichten. Ist auch Kost versprochen worden; so muß selbige bis zur Sättigung gegeben werden. Offenbar der Gesundheit nachtheilige und ekelhafte Speisen kann das Gesinde anzunehmen nicht gezwungen werden.“ (Preußische Gesindeordnung vom 8ten November 1810)

Das Leben inmitten der Familie (wenn auch räumlich getrennt) förderte die Auffassung der Herrschaft, dass die Mädchen zeitlich uneingeschränkt arbeitsbereit waren, erheblich. Das Dienstmädchen stand vor der Herrschaft auf und ging oft nach der Herrschaft ins Bett. Viele Dienstmädchen hatten nur an Sonntagen für den obligatorischen Kirchgang frei und für einige müßige Stunden danach. 

„Ohne Vorwissen und Genehmigung der Herrschaft darf sich das Gesinde auch in eigenen Angelegenheiten vom Hause nicht entfernen.“ (Preußische Gesindeordnung vom 8ten November 1810)

Lenchen Demuth, unsere Heldin aus „Revolution im Herzen“, blieb bis zum Tod von Karl Marx im Jahr 1883 als Dienstmädchen an seiner Seite, was sehr unüblich für die damalige Zeit war. Unter Dienstboten herrschte eine hohe Fluktuation. Die meisten Mädchen heirateten zudem und hatten ab diesem Zeitpunkt ihren eigenen Haushalt und Familie zu versorgen. Lenchen wurde in den gemeinsamen Jahrzehnten Jenny Marx zur Freundin und Karl zur Gesprächspartnerin und ihm auf besondere Weise verbunden. Sie folgte den Marxens überall hin, nach Köln, Paris, Brüssel und London. 

Wilhelm Liebknecht, ein Zeitgenosse und Wegbegleiter von Karl Marx sagte über sie:

„Lenchen hatte die Diktatur im Hause, Frau Marx die Herrschaft. Und Marx fügte sich wie ein Lamm dieser Diktatur. Lenchen hätte sich für Karl geopfert. Sie kannte ihn mit seinen Launen und Schwächen, und sie wickelte ihn um den Finger.“ 

Den Lebensweg dieses besonderen Mädchens, das zum Dienen vom Land in die Stadt kam und einen Karl Marx um den Finger wickelte, zeichnen wir in unserem neuen Roman nach. Nachweislich gebar Lenchen dem großen Philosophen und Kapitalismuskritiker einen Sohn. Durch Lenchens Augen lernen Sie, liebe Leserinnen und Leser, Karl Marx verzweifelt, vor Liebe gerührt und vom Tod geschüttelt kennen und tauchen in das spannende 19. Jahrhundert ein. Das Jahrhundert der Revolutionen. Der Beginn unserer Moderne, der Industrialisierung, des Massenkonsums und der Globalisierung. Die Zeit, in der die so genannte „Soziale Frage“ in den Vordergrund trat. Die Frage, unter welchem Bedingungen soziale Gerechtigkeit in einer Gesellschaft herrschen kann. Eine Frage, die heute aktueller ist denn je. 

Von Dr. Claudia und Nadja Beinert

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