Verlagsgruppe Droemer Knaur



Marie Matisek: Ein Sommer wie Limoneneis

Einleitung

Oder auch: die Amalfi-Zitrone und ich

Ich kann mich noch sehr gut an meine erste Amalfi-Zitrone erinnern. Vor fünf Jahren lag sie zusammen mit ihren monströsen Verwandten in einer Holzkiste bei meiner Obsthändlerin.

„Was ist das denn für eine Gen-Manipulation?“, frage ich Frau Fuchs, deren Expertise in Sachen Obst und Gemüse ich vollauf vertraue. Bei ihr bekomme ich immer superfrische Ware, Erdbeeren im Januar sind für sie ebenso ein „No go“ wie wässrige „Zuchthaus“-Tomaten. Deshalb wundere ich mich über die aufgepumpten Zitrusfrüchte in Grapefruitgröße. Die Obsthändlerin meines Vertrauens schüttelt belustigt den Kopf über meine Unwissenheit. Sie nimmt eines dieser Monster in die Hand und hält sie mir vor die Nase. 

„Riechen Sie“, sagt sie, „das ist die sfusato amalfitana.“

Davon habe ich noch nie gehört, nehme die Zitrone und rieche. Tatsächlich geht ein betörender und intensiver Duft von ihr aus – ganz anders als von den kleinen harten Zitronen, die man sonst bei uns bekommt. Frau Fuchs erklärt mir, was es mit der Zitrone auf sich hat, dass man die dicke weiche Schale mitessen kann, dass es die sfusato nur selten in Deutschland zu kaufen gibt, und dass der echte Limoncello aus ihr gemacht wird. Ich bin neugierig und nehme zwei der Riesenfrüchte mit nach Hause. Dazu ein original italienisches Vorspeisenrezept, bei dem die in Scheiben geschnittene Zitrone mit Mozzarella und Tomaten im Ofen gebacken wird (in meinem Buch bereitet Marco es für seinen Pappa zu). Auch meine Familie guckt befremdet, als ich verkünde, dass die Zitronenschale mitgegessen wird, aber es duftet so betörend zitrusfrisch von den Tellern, dass sich alle am Tisch brav darauf einlassen. Nach dem ersten Bissen sind wir verliebt! Und wir verstehen, was das Besondere an der Zitrusfrucht von der Amalfiküste ist: sie ist zitronig frisch, besitzt aber nicht die aggressive Säure, bei der sich alles im Mund zusammenzieht.

Eine durchschnittlich große Amalfi-Zitrone ist locker so groß wie Männerhände!

Und mit den ersten Bissen von dem köstlichen Gericht kommen auch die Erinnerungen. Erinnerungen an einen Sommerurlaub in Italien.

Ich war zehn Jahre alt, als meine Eltern mit mir und einer befreundeten Familie, ebenfalls mit Tochter, nach Positano fahren. Es ist mein erster Urlaub am Mittelmeer, die Sommerferien verbringen wir immer auf Amrum, der Insel, der für immer mein Herz gehören wird. Tatsächlich kann mich das Meer in Italien nicht begeistern, auch als Kind nicht. Die schmalen, übervölkerten Strände mit Steinen gefallen mir nicht besonders, auch die leise plätschernden Wellen des ziemlich warmen Wassers finden nicht mein Gefallen. Aber! Das Essen! Die Menschen! Die Berge! Der Blick! Die Sonne! Es ist Anfang Juni und wir laufen morgens schon mit unseren duftigen Sommerkleidchen barfuß durch die Stadt, um Cornetti zu holen, die kleinen Hörnchen, die ich ausnahmsweise mit Nutella essen darf (das gibt es zu Hause nicht). Die gesamte Woche über scheint strahlend die Sonne, das Meer reflektiert das Licht, es schimmert in allen Blau-Schattierungen. Zum Mittag gibt es Eis und am Abend noch einmal. Und was für Eis! Rückblickend habe ich das Gefühl, nie wieder so großartig cremiges Eis gegessen zu haben. Sorten, die ich von zu Hause nicht kannte: Pistazie, Aprikose, Gianduia. Wir Mädchen dürfen plötzlich bis tief in die Nacht aufbleiben und mit den anderen Kindern in der warmen Luft herumtoben, denn unsere Eltern sitzen draußen auf der Veranda, mit Blick auf das Lichtermeer der Küste und trinken Rotwein aus der Korbflasche, sie reden und gestikulieren, krümeln mit den Grissini herum, lachen und sagen nicht ein einziges Mal: „Jetzt aber ab ins Bett!“

Italien: Berge, Wasser, Zitronen und Sonne satt!

Tagsüber flitzen wir die steilen Treppen, die in die Berge führen auf und ab, versuchen, die Eidechsen, die sich auf den warmen Steinen sonnen, zu fangen (gelingt nie) und springen zwischendurch ins Meer. Am Abend gibt es immer Nudeln, manchmal Pizza – und wir sind im Kinderhimmel.

All diese Gefühle kann ich sofort abrufen, wenn ich an der köstlichen Amalfi-Zitrone rieche, all diese Gefühle haben mein Bild von Italien, das wunderbare Land, das ich später so gerne und oft bereise, geprägt.

Einige Tage nach meiner ersten Begegnung mit der sfusato amalfitana kaufe ich mir die Zeitschrift „Flow“ – und wie es der Zufall will, ist darin der wunderbare Bericht eines Mannes, der in Amalfi die Zitronen-Plantage seines Vaters übernommen hat. Noch bevor ich den Bericht zu Ende gelesen habe, weiß ich, wovon mein nächstes Buch handeln wird ...

Marie Matisek im März 2018

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