Verlagsgruppe Droemer Knaur



Heidi Rehn: Der Himmel über unseren Träumen

Einleitung

Ein Roman über Rückkehrer, Wiederaufbauer und die ersten Wirtschaftswunderjahre

Allmählich füllt sich „mein“ München. „Der Himmel über unseren Träumen“ ist nun schon der vierte meiner Romane, der vor allem in meiner Lieblings- und Heimatstadt spielt, dieses Mal in den Jahren 1954/55. So ist es natürlich kein Wunder, dass die ein oder andere Figur aus den vorherigen Büchern wieder auftaucht. Letztlich hat sich der Roman auch aus den Recherchen für die vorherigen ergeben und greift einige wichtige Gedanken auf, die mir dabei gekommen sind. 

Einige meiner Figuren haben einen jüdischen Hintergrund und mussten 1938 ihre Heimat verlassen. München, Bayern, Deutschland ist ihnen seit Generationen eine Heimat gewesen. Kamen sie zurück, als das Dritte Reich in Trümmern lag? Wenn ja, wie wurden sie in ihrer früheren Heimat aufgenommen? Wie sind sie selbst damit umgegangen, fortan möglicherweise Tür an Tür mit den Tätern zu leben?

Beklemmendes Schweigen 

Zeitzeugenberichte in Büchern wie „Leben im Land der Täter“ oder „Heimkehr in ein fremdes Land“ gewähren sehr erschütternde Einblicke in solche Schicksale. Von rund 280.00 emigrierten Juden kehrten überhaupt nur zwei bis vier Prozent nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurück, für München gelten ähnliche Zahlen. Von rund 10.000 vor 1933 in der Stadt lebenden Juden kehrten nicht einmal dreihundert nach 1945 an die Isar zurück. Freudig begrüßt wurden die Rückkehrer nur in Ausnahmefällen. Bestenfalls begegnete man ihnen mit Gleichgültigkeit, meist mit neuen (alten) Vorurteilen und Ablehnung. 

Eine erschütternde Reaktion. Das führte dazu, dass die Rückkehrer selbst oft über Jahrzehnte - manche sogar nie - nicht einmal im engsten Familien- und Freundeskreis über ihre Erlebnisse 1933-1945 sprachen, weder über die im Exil noch über die bei ihrer Rückkehr. 

Die Sprachlosigkeit über das, was gewesen war, das vehemente Verdrängen der Vergangenheit, ist das hervorstechendste Merkmal der Fünfzigerjahre. Sehr beklemmend, dass nicht nur die Täter sondern auch die Opfer geschwiegen haben. Niemand wollte von ihrem Leid hören, niemand interessierte sich dafür, was ihnen geschehen war. Im Gegenteil sah man in ihnen sogar eher Störenfriede. Letztlich gemahnte ihr Überleben, ihre Rückkehr unangenehm an die eigene Schuld, an das eigene Versäumnis, nicht geholfen zu haben. Dieses Schweigen prägt das Leben in der Bundesrepublik mindestens bis 1968, in vielen Bereichen sogar bis weit in die 1990er Jahre.  

Meine Hauptfigur Vera erlebt das mit den eigenen Eltern, aber auch in der Begegnung mit ihrer großen Liebe Arthur und ihren engsten Freunden. Fast zerbricht sie daran. 

1930 geboren, verlebt Vera in München zunächst noch eine glückliche und erstaunlich unbeschwerte Kindheit, bis sie 1938 mit ihrem jüdischen Vater, einem sozialdemokratischen Redakteur, und ihrer Mutter, die aus einer Berliner Kommunistenfamilie stammt, emigrieren muss. Für sie steht immer fest, dass sie in ihre Heimat zurückkehren wird. Als sie 1945 von der weitgehenden Zerstörung Münchens erfährt, beschließt sie, sich als Architektin aktiv am Wiederaufbau ihrer Heimat zu beteiligen. Im Jahr 1954 tritt sie ihre erste Stelle in einem Architekturbüro an. Damit beginnt der Roman.

Beschränken auf das Wesentliche

Als ich diese Eckpunkte gefunden hatte, setzte sich plötzlich eine Lawine in Gang: Mein Vater ist 1929 geboren, hat von 1949 bis 1954 an der TH Aachen Bauingenieur studiert. Keine Frage, dass meine Vera dort „seine“ Kommilitonin ist. Eine befreundete Architektin, die sich viel mit der Geschichte des Berufsstandes wie auch der Geschichte des Wohnungsbaus in Deutschland befasst, lieferte mir wertvolles Detailwissen über die Architektur des Wiederaufbaus. Bald begriff ich: Das Bauen nach 1945 ist weitaus mehr als ein Bombenlöcherfüllen und Zuschütten dessen, was zwischen 1933 und 1945 entstanden war. Es ging auch um ein Wiederanknüpfen an das Neue Bauen der 1920er Jahre und infolgedessen um eine bewusste Reduzierung von Formen und Materialien, um sich fortan auf das Wesentliche zu beschränken. 

Diese Haltung prägt jedoch nicht nur den Wiederaufbau sondern das gesamte Leben jener Jahre. Das Sich-Ausschweigen über das Vergangene ist letztlich auch eine Beschränkung auf das Wesentliche, was jetzt zählt: der Aufbau einer (besseren?) Zukunft.

Die 1-2-3-4 Formel

Aus den Gesprächen mit meinem Vater wurde mir schnell klar, dass weibliche Architekten in jenen Jahren wahre Exotinnen waren. Frauen in den Fünfziger Jahren träumten meist von anderem als von einer steilen beruflichen Karriere. Dazu muss man sich nur mal einige der vielen Ratgeberbücher wie etwa die von Lilo Aureden anschauen...

Beliebte Ratgeber-Bücher der 50er-Jahre; Copyright Heidi Rehn

… oder in einer der beliebten Frauenzeitschriften jener Jahre blättern wie etwa der Constanze. Zufällig ergatterte ich antiquarisch einen ganzen Schwung Hefte exakt aus der Zeit, in der mein Roman spielt. Natürlich las ich mir die zusammen mit meiner Mutter (Jahrgang 1936) durch, die sich beim Wiederentdecken der „Stil-Schnitte zum Selberschneidern“ oder der Rubriken „So macht das Wohnen Spaß!“, „Was ziehe ich da nur an?“ sowie von „Constanzes Leckerbissen“ in ihre Jugend zurückversetzt fühlte. Mit leuchtenden Augen schilderte sie mir von den Träumen, die sie und ihre Freundinnen damals hegten: den idealen Mann zu finden, sich einen eigenen, möglichst perfekten Haushalt einzurichten und ganz im Hausfrau- und Mutterdasein als dem Sinnbild einer besseren, schöneren Zukunft aufzugehen. Denn das, was hinter ihnen lag, war schlimm genug. Als Kinder hatten sie die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt. Sie wollten nur noch nach vorn sehen und es einfach besser machen als ihre Eltern.

Die Constanze - die Frauenzeitschrift der 50er-Jahre, Copyright Heidi Rehn

So hielten es damals fast alle: Sie konzentrierten sich ganz auf die Ausgestaltung des möglichst perfekten Alltags. Niemand sprach mehr über die Vergangenheit, alle konzentrierten sich auf die Zukunft. Der große Traum jener Jahre ließ sich in der 1-2-3-4-Formel fassen: „einen Ehepartner, zwei Kinder, drei Zimmer und vier Räder“. 

Wer das erreichte, hatte sein Glück gefunden. Dass das womöglich auf einer großen Lüge aufbaute, wurde verdrängt – und inständig gehofft, es käme nie heraus. Bei sehr vielen ist das erstaunlicherweise bis heute gelungen, zu welchem Preis, darüber wird meist immer noch geschwiegen.

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