Verlagsgruppe Droemer Knaur



Gut Greifenau: eine besondere historische Trilogie

Einleitung

Der historische Hintergrund: Kaisersturz und das Ende der Monarchie

Am 9. November 2018 ist es genau 100 Jahre her, dass der deutsche Kaiser abgedankt wurde. Wilhelm II. ging nicht freiwillig. Das deutsche Kaiserreich endete von einer auf die andere Stunde. Heute würde man sagen, die Zeit war reif. Das Volk wollte es so.

Aber tatsächlich ist das Thema Kaisersturz bei näherer Betrachtung äußerst vielschichtig. Der Wandel des Kaiserreiches zur Republik war eine facettenreiche, recht holprige und überaus spannende Angelegenheit. Als mir einige Zusammenhänge des Umsturzes bewusst wurden, musste ich einfach eine Geschichte darüber schreiben. Aber ich greife vor.

Meine Geschichte beginnt im Mai 1913. Dieses Datum markiert das letzte große Zusammentreffen europäischer Adelshäuser. Die einzige Tochter von Kaiser Wilhelm II., Prinzessin Viktoria Luise, heiratete. Der russische Zar, Nikolaus II., ein Cousin von Kaiser Wilhelm, kam zur Hochzeit. Auch Georg V., Herrscher über das weltumspannende britische Empire, reiste an. Er war ein weiterer Enkel von Queen Victoria, die auch dem deutschen Kaiser eine geliebte Großmutter gewesen war. Schon damals war ein Treffen der herrschenden Adelshäuser eigentlich ein großes Familienfest. Was den knapp ein Jahr später folgenden Krieg nur umso unbegreiflicher macht.

Fast alle europäischen Ländern liebäugelten mit einem Krieg. Arrogant, wie mächtige ältere Männer gerne mal sind, hatte die deutsche Oberste Heeresleitung, kurz – das OHL, niemals einen Zwei-Frontenkrieg in Erwägung gezogen. Sie träumten von den drei siegreichen Kriegen ihrer Jugend und waren blind für die Gefahren eines möglichen großen Krieges. Der ebenfalls schon eingestaubte Schlieffen-Plan besagte, man würde durch Belgien einfach durchmarschieren. Frankreich würde im Sauseschritt erobert werden, das stand fest. Doch damit hatten sich die Militärs gründlich verkalkuliert. 

Belgien hatte mit Großbritannien ein Schutzabkommen. Als die ersten deutschen Militärstiefel über belgischen Boden marschierten, trat nicht nur Großbritannien in den Krieg ein. Auch die Belgier selbst waren sehr wehrhaft. Schon bald geriet das Heer ins Stocken. An einen Durchmarsch nach Frankreich war nicht mehr zu denken. Selbstredend hatte das OHL keinen Plan B in der Tasche. Und Soldaten wie Material musste nun zwischen der russischen und der Westfronten aufgeteilt werden. 

Im August 1914 gab das Militär die Parole aus, die Soldaten seien im Herbst zurück. Schon bald stellte sich eine ganz andere Wahrheit ein. Niemand war auf einen längeren Krieg eingestellt. Die Soldaten mussten erst noch mit Winterkleidung versorgt werden und die Menschen an der Heimatfront fingen bald an zu hungern. Doch ein Ende des Krieges war nicht in Sicht. Mit jedem Kriegsjahr gingen mehr Menschen auf die Straße, forderten Brot und Frieden. Sogar noch 100 Jahre später ist der Steckrübenwinter ein Synonym für den Hunger der deutschen Bevölkerung. Völlig überrascht von der Wirklichkeit des Zweifrontenkrieges, setzen die Regierung nun alles daran, den Krieg im Osten schnellstens zu beenden. Man versuchte alles Mögliche und langsam, über Jahre, keimte eine Idee.

Nach der russischen Februarrevolution 1917 regierte ein halbes Jahr lang eine gemäßigte bürgerlich-liberale Koalition. In der dann folgenden Oktoberrevolution übernahmen die Bolschewisten die Macht. Dass sie die Macht an sich reißen konnten, gelang vor allem durch die massive finanzielle Unterstützung der deutschen Regierung. Die Bolschewisten waren tatsächlich die einzige Partei in Russland, die versprach, den Krieg gegen Deutschland sofort zu beenden. Der deutsche Waffen- und Geldregen für die Bolschewisten ging natürlich äußerst geheim vonstatten. Der erste Teil des Planes ging auf. Als Lenin an die Macht kam, beendete er sofort die Kämpfe. Und obwohl genau das der deutsche Plan war, hatte sich die deutsche Regierung damit selbst ein Ei ins Nest gelegt. 

Das Ende der Monarchie in Russland - das Ende aller Monarchien?

Bis dahin kannten die Menschen im damaligen Europa kaum eine andere Staatsform als die Monarchie. Um sie herum gab es nur König- und Kaiserreiche. Das demokratische Amerika war weit weg, und damals noch alles andere als eine Weltmacht. Dann wurde der brutal herrschende Zar Nikolaus II. gestürzt. Die 300-jährige Romanow-Dynastie fand schlagartig ein Ende. Die Macht des russischen Zaren war sehr viel größer und allumfassender als die Macht des deutschen Kaisers. Konnte man den Zaren stürzen, konnte man jeden Herrscher stürzen. 

Zum Kriegsende im November 1918 war es natürlich die Forderung des damaligen amerikanischen Präsidenten Wilson, nur mit einem demokratisch gewählten Repräsentanten Deutschlands über einen Friedensvertrag verhandeln zu wollen, die die Abdankung von Kaiser Wilhelm unumgänglich machte. Doch seit dem Sturz des Zaren lag die Möglichkeit eines Endes des Kaiserreiches in der Luft – genährt von der tiefen Enttäuschung des deutschen Volkes über den verheerenden Verlauf des Krieges, die vielen gebrochenen Versprechungen des Kaisers und allem voran von der Hungersnot. Seit 1917 mischten sich auf Berlins Straßen unter die Rufe nach Brot und Frieden neue Stimmen. Immer mehr Menschen forderten das Ende von Kaiser Wilhelm. 

Lenin, finanziell nun gut gepolstert, rief alsbald zur Internationalen Revolution auf. Gerüchteweise floss ein Teil des kaiserlichen Geldes sogar über Russland zurück an die deutschen Sozialisten. Die Kräfte, die auch in Deutschland einen Umsturz herbeisehnten, wurden gefüttert. Indem unser Kaiser die Bolschewisten finanzierte, die das Ende des Zarenreiches für immer und ewig besiegelten, drehte er mit seinen Goldmark-Millionen an der Schraube, die letztendlich sein eigenes Ende als Herrscher herbeiführte.

Und nicht nur Nikolaus II. und Wilhelm II. traf es. In ganz Europa stürzten die Dynastien. Das riesige österreichisch-ungarische k-k-Reich wurde von der Landkarte hinweggefegt. Landesherrscher dankten in aller Eile ab, und verschwanden im ausländischen Exil. Viele hatten Angst um Leib und Leben. Selbst vom riesigen britischen Weltreich blieb bald nur noch ein Flickenteppich über.

Diese Geschichte: ein Fest für eine Autorin!

Für mich fällt das alles wunderbar in die Abteilung: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Was für ein herrlicher Ausgangspunkt für eine Geschichtenerzählerin wie mich.

Die Erkenntnis über die Vehemenz des plötzlichen Wandels und ihrer pikanten Details traf mich wie ein Blitz. Darüber wollte ich unbedingt einen Roman schreiben. Einen Roman, mit dem ich diesen Wandel mittels einem adeligen Landgut mit all seinen Bewohnern zeigen konnte – der Grafenfamilie und ihren Bediensteten. Eine Geschichte über die überaus spannenden Tage der Novemberrevolution 1918 und den folgenden Monaten, die zum Ende des deutschen Kaiserreichs führten, und damit zur ersten demokratischen Republik in Deutschland. Diese Jahre sind ein wahres Fest für eine Autorin, die gerne historische Romane schreibt. Neue Arbeiterrechte, Acht-Stunden-Tage und ein Wahlrecht, in dem nicht nur jeder Mann eine gleichberechtigte Wahlstimme bekam, sondern auch jede Frau – es war eine faszinierende Zeit. Ist es immer noch. Als Autorin kann ich da im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Vollen schöpfen.

Die Gut-Greifenau-Trilogie ist keine Geschichte über den Ersten Weltkrieg. Und es ist auch keine Erzählung, die in den herrschenden Adelshäusern spielt. Es ist vielmehr die Geschichte von einer typischen Landgrafenfamilie, deren Schicksal zum Spielball der Mächtigen wird. Es ist eine Geschichte über Menschen, die in der Zeit des Ersten Weltkrieges versuchen, ihr gewohntes Leben aufrecht zu erhalten. Zu lieben, Freundschaften zu schließen, Familie zu finden. Für einige wird es im Verlauf der Geschichte auch nicht ganz unwichtig, dass mit dem Kaiser auch der Adelsstand verschwand, und so der Weg für die Liebe über die unterschiedlichen Klassengrenzen hinweg freigemacht wurde.

Wenn Sie die Gut-Greifenau-Trilogie lesen, werden Sie feststellen, dass sich die vorher genannten historischen Begebenheiten alle eher im Hintergrund abspielen. Doch was ich geschrieben habe, und die Ereignisse, die ich namentlich benenne, sind alle äußerst akribisch recherchiert. Die Historie stimmt so, aber sie ist eingewebt in das Leben auf einem fiktiven Landgut in Hinterpommern, mit einer fiktiven Grafenfamilie und ihren Dienstboten. So, oder so ähnlich, wie in meinem Roman beschrieben, wird es für viele Menschen damals gewesen sein. Und geliebt und gehasst, integriert und verstoßen, ausgebrochen aus alten Leben und neue angefangen haben Menschen zu allen Zeiten.

Hanna Caspian

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