Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Maria Bachmann

Von einer, die auszog, ihr Leben zu leben

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Frau Bachmann,  was hat Sie motiviert, ein Buch über Ihren Lebensweg zu schreiben?

Ich möchte die Leserinnen und Leser mit meiner Geschichte für ihre eigene Vergangenheit interessieren. Oft gerät die eigene Kindheit und Jugend in Vergessenheit, schwierige Erinnerungen werden verdrängt. Mir liegt daran, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, die eigene Lebensgeschichte zu würdigen und heute nochmal neu durchzustarten. In der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, also in den 1960er- und 70er-Jahren, lag der Zweite Weltkrieg zwar schon in der Vergangenheit und uns fehlte materiell an nichts, doch auf emotionaler Ebene lag vieles im Argen.  In meinem Elternhaus standen Pflichterfüllung und Arbeit an erster Stelle. Meine Eltern hatten nicht die Möglichkeit, über ihre Bedürfnisse zu reflektieren. Es gab ja immer etwas zu tun und dann natürlich auch noch die anderen Leute im Dorf – die sollten nicht schlecht über einen denken. Was die Generation meiner Eltern beschäftigte und quälte, musste weggesteckt und verschwiegen werden. Was sollte man sonst machen? Doch das Unverarbeitete sucht nicht nur einen selbst auf gespenstische Weise heim, es wird auch an die nächste Generation vererbt. So etwas prägt: die Großeltern, die Eltern und uns  – die Kinder. Ich bin eines dieser Kinder und bin einen langen Weg zu mir selbst gegangen, um mich von den Einschränkungen der Erziehung der damaligen Zeit los zu lösen. Ich habe früh gemerkt, dass ich dem Lebensmotto von „Was sollen die Leute denken!“ oder „Das macht man nicht!" nicht folgen will. Und doch kam ich da erst mal nicht raus, ohne die Liebe meiner Eltern dabei aufs Spiel zu setzen. Heute weiß ich, dass man in jedem Alter das Lebensruder noch einmal kräftig umdrehen kann. 

Was meinen Sie damit: „Das Lebensruder noch einmal kräftig umdrehen?"

Ich meine damit, dass es nie zu spät ist, seinem  Leben eine neue Richtung zu geben. Indem man sich selbst kennenlernt, seine über viele Jahre eingeschliffenen, unbewussten Angewohnheiten und Einstellungen überprüft, vor allem die, die einen hindern, das zu tun, was man für richtig hält. Das setzt allerdings den Mut voraus, sich selbst anzuschauen. Dann kann man aussortieren: Taugt mir diese Lebenseinstellung oder nicht? So gelangen auch Wünsche und Träume wieder in Reichweite. In meinen Coachings begegnet mir das immer wieder: Durch Kindheitsprägungen, wie „Tu dich nicht hervor!“, „Schuster bleib bei deinem Leisten“,  wird man ausgebremst. Irgendwann wird das zur akzeptierten Realität und man findet sich damit ab: „Ich war schon immer so zurückhaltend." Das ist schade, denn wir haben nur ein Leben.

Wie kamen Sie darauf das Buch zu schreiben?

Ich habe mich schon immer gewundert, wenn andere von ihrer Kindheit erzählten und sie sich zurück gewünscht haben. Ich hingegen konnte nicht früh genug erwachsen werden. Vor einigen Jahren kam dann das Thema „Kriegsenkel“ auf, mit dem ich nichts anfangen konnte. Denn bei uns zu Hause war ja alles "ganz normal" gewesen. Aber irgendwann konnte ich den Bezug zwischen mir – und meinen Problemen – und der Kriegsgeneration meiner Eltern herstellen, die ja selbst auch stark von der damaligen Zeit, den strengen Erziehungsmethoden, von Armut und sogar von den Schatten des 1. Weltkriegs geprägt waren. Dass sich deren Ängste und Sicherheitsdenken, ihre vorsichtige Lebenseinstellung weiter vererben könnte, so, dass sie mich ausbremste, war mir bis dahin nicht klar gewesen. Dieses neue Verständnis, aber auch die lange Reise, die ich bis dahin unternehmen musste, waren für mich Ansporn, meine Geschichte für andere Menschen aufzuschreiben.  

Sie selbst haben ja keinen Krieg erlebt.

Zum Glück nicht. Meine Eltern haben mir davon erzählt. Ja, man könnte meinen, man "jammert auf hohem Niveau." Das ist genau die Falle, in die ich auch getappt war. Ich hatte immer den Satz im Kopf: "Du kannst froh sein, dass du keinen Krieg erlebt hast!“ Es ist unvorstellbar, was unsere Eltern und Großeltern erleben mussten, ohne es verarbeiten zu können. Aber durch diesen Satz ist jedes eigene Bedürfnis, jeder Wunsch ungültig, nichtig und unpassend. Im Vergleich zur damaligen Zeit haben wir heute keinerlei Schwierigkeiten. Durch diese Einstellung steckt man aber auch vieles weg, passt sich an. In Relation zu den Kriegserlebnissen der Vorfahren ist man selbst ein Kind des totalen Luxus und sollte keine Probleme haben. Erst jetzt, seit ca. 15 Jahren, werden die Auswirkungen, die die damalige Zeit auf die Eltern und uns Kinder hatte, ernst genommen und auch in den Medien thematisiert. Es geht bei uns nicht mehr um Leben und Tod, aber es geht um Selbstbestimmtheit und Lebenskraft und um die Freiheit, über den Tellerrand zu schauen und entsprechend zu handeln. Und das ist in der heutigen Zeit besonders wichtig.

Worin äußern sich diese unerwünschten Prägungen denn beispielsweise?

Zum Beispiel daran, dass man seiner eigenen Wahrnehmung misstraut, kein Vertrauen ins Leben hat, sich falsch fühlt, das Gefühl hat, nichts verdient wirklich zu haben, obwohl man sich anstrengt, sich nicht entspannen kann, von ständigen Schuldgefühlen gebeutelt wird, den Eindruck hat, sich alles erkämpfen zu müssen usw. Ich bin in einigen Kriegsenkelgruppen auf Facebook und lese immer wieder von ähnlichen Schwierigkeiten. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich empfinde es als große Chance, wenn jemand entdeckt, dass er unter etwas leidet – jetzt kann er dafür sorgen, dass es ihm besser geht. Es erschließt sich ein neues Lebensgefühl: vielleicht eines, das unsere Eltern nie hatten. Wir dürfen uns das jetzt ohne Schuldgefühle erlauben. 

Hatten Sie Schuldgefühle gegenüber Ihren Eltern?

Ja, sehr, nicht nur den Eltern gegenüber, allen gegenüber. Nichts war gut genug, ich habe viel an mir gezweifelt und mir damit selbst Steine in den Weg gelegt, auch beruflich. Ich dachte immer: "Wenn meine Eltern ein so schweres Leben mit vielen Entbehrungen hatten, kann es mir doch nicht so einfach gut gehen!" Ich konnte doch nicht plötzlich Schauspielerin werden, ein Beruf, der auch noch Spaß macht! Ich wollte ihnen den Gefallen tun, so zu sein, wie sie sind. Damit sie merken, dass ich sie liebe und ich dafür auch von ihnen geliebt werde. Ich habe mich durch diese Notfall-Strategie – sowas läuft ja unbewusst ab – jahrelang selbst sabotiert. 

Was können denn Menschen für sich tun, die bei sich diese Schuldgefühle und Blockierungen entdecken?

Allein das Erkennen ist ja schon ein großer Fortschritt. Man muss erkennen, dass Schuldgefühle niemandem helfen und keinen Sinn machen, außer, dass man sich gewaltig schlecht fühlt. Miteinander offen reden hilft. Und heute gibt es viele Möglichkeiten zur Unterstützung: spezialisierte Psychologen, Traumatherapie, Körpertherapie, Selbsterfahrungsgruppen, verschiedene Methoden, wie EMDR, Somatic Experience, kognitive Verhaltenstherapie, Biografiearbeit.

Was wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir, dass wir nichts mehr verschweigen müssen, wie unsere Vorfahren, und dass wir unsere Defizite erkennen und verarbeiten können, statt sie zu übersehen, zu verleugnen oder zu sagen: „Das war halt damals so, da kann man jetzt nichts mehr ändern.“ Denn damit – und dieser idealistische Gedanke beflügelt mich – lösen wir auch den letzten Rest von Schweigen, Kriegsschatten und Selbstverleugnung auf, der möglicherweise in unseren Genen und unserer Psyche herumschwirrt. So können wir dann auch mit voller Kraft für uns, für unsere Einzigartigkeit stehen. 

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