Verlagsgruppe Droemer Knaur



Katja Bohnet im Interview über ihre toughen Thriller

Oder auch: "Ich bin weich wie Badeschaum!"

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Wie und wann haben Sie erkannt, dass harte Spannungsstoffe in Ihnen stecken?

Kann man das jemals erkennen? Schreiben ist doch wie das Leben immer Skizze, Versuch. Außerdem schreibe ich Liebesgeschichten. Über enttäuschte Liebe, fehlgeleitete Liebe, zu große oder zu wenig Liebe, asymmetrische Liebe, perverse Liebe. Zu Menschen, Dingen, Institutionen, zu einer Ideologie. Konsequent folgt daraus Rache und Gewalt.

Was bewundern Sie an Ihren Ermittlern Viktor und Rosa am meisten?

Dass sie den Menschen immer zugeneigt bleiben. Sogar den größten Arschlöchern. Dass sie nicht totzukriegen sind. Dass sie mit nichts mehr rechnen, aber dennoch hoffen. Dass sie anders als alle anderen Polizisten sind und nichts darauf geben, ob und wem es gefällt.

Russland spielt in Ihren Thrillern immer wieder eine zentrale Rolle. Wieso? Warum nicht wie so oft im Thriller die USA?

In Moskau landete ich nur aus Protest. Einige Verlage hatten einen Western von mir abgelehnt, der (sic) in Texas spielt („Hausfrau, Deutsche, lieber nicht …“) Im Westen nicht willkommen? Es gibt vier Himmelsrichtungen. Moskau reizte mich schon immer. Die Reisebüros hypen den Osten nicht gerade. Da musste ich hin. 

Wie werden Sie als Autorin in der männerdominierten Thriller-Community willkommen geheißen?

Erst mal gar nicht. Danach wurde ich überrascht. Als die ersten guten Kritiken reinkamen, begrüßte man mich mit Wohlwollen. Manche Männer nahmen mich herzlich auf. Von anderen Kritikern und Autoren werde ich bis heute ignoriert. Was gar nicht so leicht und gleichzeitig total verständlich ist, weil ich mich von Anfang an dezidiert zum Thema Gender im Kriminalroman positioniert habe.

Sie muten Ihren toughen Charakteren einiges an Schmerz und Verlust zu. Ist Katja Bohnet auch so tough?

Ja und nein. Ich bin tough, wenn es darum geht, offen und direkt schwierige Themen anzusprechen. Tough beim Organisieren meines für mehrere Leben reichenden Daseins. Hart zu mir selbst, wenn es um Sport, Disziplin und minutiöse Vorbereitung geht. Ich ertrage tapfer Augenrollen und Missachtung, wenn ich das Wort „Feminismus“ laut ausspreche. Ansonsten bin ich weich wie Badeschaum. Muss ich, denn Figuren zu verletzen muss weh tun. Wem es keine Schmerzen bereitet, über Gewalt zu schreiben, sollte gar nicht erst damit anfangen. 

Wer sind Ihre Lieblingshelden in der Spannung?

In der Literatur: Claire DeWitt. Delpha Wade. Lisbeth Salander, Lady Bag. Jack Reacher. Immer: Arkadi Renko. 

Im Film: Nikita, Eric Draven (in Die Krähe), Roger „Verbal“ Kint (in Die üblichen Verdächtigen) Lisbeth Salander (Noomi Rapace in Verblendung), Frank Martin (in Transporter), der Fahrer (Ryan Gosling in Drive), Mathilda (in Leon der Profi).

Wer sind Ihre Lieblingsschriftsteller?

Ich habe keine LieblingsschriftstellerInnen, nur Lieblingsbücher. 

Für T. C. Boyle ist das Schreiben ein Drogenersatz. An dem Tag, an dem er nicht mehr schreiben kann, will er sich erschießen. Was bedeutet Ihnen das Schreiben?

Rückfrage: Gelten solche Schriftsteller vielleicht deshalb als Genies, während man Autorinnen eher als begabte Schreibmaschinen sieht?

Für mich ist es ein Job. Späte Bestätigung dafür, dass ich als Mutter nicht mehr auf dem Abstellgleis zu finden bin. Pure Erfüllung, wenn es läuft. Qualvoll, wenn ich mir im Weg stehe. Gipfelsturm und Talsohle. Vertraut wie ein alter Freund. Herausforderung. Volles Risiko. Eine Station. Abwechslung von meinen anderen Berufen. Mal Zuhause, mal Hölle, suchen Sie sich etwas aus.

Mord und Tod sind sozusagen Ihr tägliches Thema. Wie möchten Sie sterben?

Überhaupt nicht. Oder überraschend. Unsicher bin ich mir, ob langsam oder schnell. Vielleicht will ich noch etwas sagen (Rosebud), schreiben (The End) oder erledigen (Erdbeermarmelade einkochen). Zu altern ist schrecklich. Ein tägliches Verlustgeschäft. Vielleicht schreibe ich über den Tod, um mich Antworten zu nähern, um Szenarien durchzuspielen, um keine Zeit zum Nachdenken zu haben? Zu sterben beängstigt mich. Die Vorstellung, tot zu sein, ist der blanke Horror. Nur ewig zu leben wäre noch schrecklicher.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?

Humor, ein scharfer Körper, Zuverlässigkeit. 

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?

Humor, ein scharfer Körper, Zuverlässigkeit. Und wenn er seine eigene Wäsche waschen kann.

Ihr Motto?

Ich hasse Mottos. 

( … würde aber eine Ausnahme für „Fuck Nazis!“ machen.)

Ihre Lieblingstugend?

Aktuell: Toleranz. Morgen vielleicht: Solidarität. 

Vielen Dank!

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