Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Bernard Minier über seinen neuen Thriller "Nacht"

Wie viel Bernard Minier steckt in der Hauptfigur Servas?

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"Nacht" ist der vierte Kriminalroman um Ihren Ermittler Martin Servas. Wie sehr verschmilzt man über die Jahre mit seiner Figur?

Im Gegensatz zu Gustave Flaubert, der sagte „Ich bin Madame Bovary“, bin ich nicht Martin Servaz. Oft stellen mir Leser diese Frage. Manch einer denkt sogar, dass ich genauso aussehe wie mein Protagonist. Aber Fiktion muss an erster Stelle ein kreativer Prozess  sein. 

Martin Servaz teilt jedoch einige Eigenschaften mit seinem Erschaffer. Ich stehe – genauso wie Servaz - den neuen Technologien kritisch gegenüber  und ich betrachte diese Gesellschaft, die ständig online ist und von Smartphones abhängig, misstrauisch. Ich denke auch -  wie mein Protagonist - , dass ein gutes Leben zu führen weniger bedeutet, sich das beste Plätzchen im Leben zu sichern, sondern eher, sein Leben mit Würde zu führen – egal wie die Lebensumstände auch sein mögen. Aber es ist auch wahr, dass je mehr Jahre vergehen, ich immer mehr den Eindruck habe, Martin Servaz gut zu kennen und ihm nahe zu sein.

Servas bekommt in "Nacht" Unterstützung durch die norwegische Kommissarin Kirsten Nigaard. Wer ist sie und was verbindet die beiden?

Kirsten Nigaard ist eine norwegische Polizistin. Sie ist eine starke Persönlichkeit,  eine exzellente Polizistin, verankert im Beruf. Sie ist eine Frau, die zunächst kalt, um nicht zu sagen eisig, erscheint. Hinter dieser distanzierten Fassade verstecken sich aber andere Charakterzüge, die der Leser und Servaz Stück für Stück entdecken werden. Sie ist jemand, der sich nichts vormachen lässt. Das Duo Martin-Kirsten funktioniert am Anfang hervorragend.

Das Abgründige spielt in Ihren Romanen eine wichtige Rolle. Was fasziniert Sie daran?

Das Übel begleitet den Menschen von Anbeginn an. Was heißt das überhaupt, das Übel? Seit 2.500 Jahren beschäftigt diese Frage die Philosophen und sie haben es nicht geschafft, sie erschöpfend zu behandeln. Ist das Übel relativ oder absolut? Steckt das Übel in uns oder existiert es außerhalb von uns? Ist es metaphysisch? Moralisch? Ist das Übel nach Augustinus „Schwäche des Willens“ oder „eine einfache menschliche Erfindung“, wie Spinoza es glaubt? Handelt es sich um „das radikale Böse“, wie Kant es beschreibt, oder aber handelt es sich nach Hannah Arendt um die „Banalität des Bösen“? Oder aber ist das Böse, wie der Schriftsteller  W. H. Auden schreibt, „unspektakulär und stets menschlich. Es teilt unser Bett und sitzt mit uns am Tisch“? Das, was das Böse faszinierend für den Menschen macht, ist, dass man weiß, dass man eines Tages dazu in der Lage wäre, etwas Böses zu tun oder es aber schon getan hat. Die Frage ist, wie stark das Böse in jedem Menschen angelegt ist: Ich etwa wäre nicht in der Lage ein solches Monster wie Julian Hirtmann zu sein, dessen grauenvoll spektakuläre Verbrechen Auden einen Schwindler heißen würden. Aber selbst Servaz ist nicht frei von allem Bösen ...

Wie wichtig ist für Sie der Schauplatz? 

Ich habe nie eine Idee, ohne nicht auch gleichzeitig eine Kulisse oder eine Atmosphäre mit ihr zu verbinden. Schauplätze sind Protagonisten in meinen Romanen. Das erklärt sich durch meinen eigenen Lese-Geschmack. Ich habe das schon oft gesagt: Ich koche Gerichte so, wie ich sie gerne essen würde. Ich schreibe Bücher, die ich gerne lesen würde, und ich füge Zutaten hinzu, die ich gerne in einem Buch vorfinden würde. In meiner Eigenschaft als Leser liebe ich literarische Landschaften – Fiktion, in der sich tatsächliche Atmosphäre entwickelt, ein Klima im weiteren Sinne. 

Es gibt auch eine visuelle, filmische Seite. Ich habe die gleiche Obsession wie Hitchcock: Die Teilnahme des Publikums. Des Lesers. Ich will dem Leser nicht nur eine Geschichte erzählen, ich will, dass er sie lebt, dass er fühlt, was die Figuren fühlen, dass er Angst fühlt, Kälte, Hunger, Lust. Und die Kulisse, die Atmosphäre sind daran natürlich auch beteiligt. Jedes Detail zählt.

Es gibt auch eine spannende Szene auf einer Ölplattform. Wie haben Sie recherchiert, waren Sie schon auf einer?

Sehr amüsant, dass Sie mich das fragen. Ich bin tatsächlich in Oslo und Bergen gewesen – den Schauplätzen im ersten Teil des Buches. Ich habe nachts den Zug Oslo/Bergen genommen wie in der ersten Szene in meinem Buch, ich konnte die Kirche von Bergen sehen, in der die Leiche gefunden wird, die Polizei etc. Der einzige Ort, den ich nicht besuchen konnte, ist die Ölplattform. Ich habe es versucht, aber es war sehr kompliziert. Glücklicherweise machen es die Arbeiter auf Ölplattformen aber heutzutage wie jeder andere auf der Welt: Sie schreiben Blogs, sie filmen sich und stellen die Videos auf Youtube, sie erzählen von ihrem Alltag im Internet. Das hat mir sehr geholfen, diesen gefährlichen Beruf so nahe wie möglich an der Realität darzustellen und diese unglaubliche Atmosphäre wiederzugeben, die auf einer solchen  isolierten Plattform, mitten im Meer, 200 km von den Küsten entfernt, herrscht.

Seit "Schwarzer Schmetterling" sind Sie vielfach mit Preisen ausgezeichnet worden. Ist das ein Segen oder eine Last für das weitere Schreiben?

Weder noch. Ich bin sehr zufrieden damit, Preise bekommen zu haben, aber, wenn ich schreibe, denke ich an nichts anderes als an meine Geschichte, meine Figuren, meine Kulissen, mein Universum. In diesen Momenten denke ich weder an die Leser, noch an die Presse, noch an Preise ...

"Schwarzer Schmetterling" wurde unter dem Titel „Glacé“ verfilmt (auf Netflix zu sehen). Wie ist es als Autor, die Verfilmung zu sehen? Und ist eine Fortsetzung geplant?

Ich habe den Pilotfilm der Serie zum ersten Mal auf einem großen Bildschirm in einem wunderschönen Saal gesehen. Ich war von den ersten Bildern und den beiden Hauptdarstellern sehr beeindruckt. Etwas später hatte ich allerdings etliches  zum Drehbuch zu sagen (an dem ich nicht mitgewirkt hatte). Man wird sehen, wie das mit der Fortsetzung weitergeht ...

Ich würde es  lieben, wenn andere europäische Fernsehsender (und warum nicht das deutsche Fernsehen?) sich meine Figuren erobern. Es passiert heutzutage viel im Universum der Fernsehserien, überall ein bisschen was, sehr interessante und kreative Dinge. Ich selbst bin ein begeisterter Seriengucker und ich habe auch begonnen, für das französische Fernsehen zu schreiben ...

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