Verlagsgruppe Droemer Knaur



Charlotte Roth im Interview über ihren Roman "Wir sehen uns unter den Linden"

West-Berlin, Insel der Seligen?

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Wie haben Sie persönlich das geteilte Deutschland und den Mauerfall erlebt? Haben Sie etwas davon in Ihren Roman einfließen lassen? 

Als gebürtige Berlinerin des Jahres 1965 waren die Teilung und die Mauer für mich eine Selbstverständlichkeit. Während meines Studiums in Süditalien bin ich von Kommilitonen ständig gefragt worden, wie das denn möglich sei, eine Mauer, die quer durch unsere Stadt verliefe, und weshalb wir das erlauben und nichts dagegen tun. Ich habe darauf nie eine gute Antwort gewusst. Ich kannte es ja nicht anders. Meine Großmutter hatte einen Bruder im Ostteil, den ich sehr mochte, und einmal im Monat bin ich mit ihr „rüber“ gefahren. Wir haben immer Kaffee mitgenommen, und mein Onkel hat für uns Figuren aus dem Erzgebirge besorgt. Ich fand das als Kind immer schön. Wie Weihnachten. Das lange Procedere mit der Beantragung der Visa, dem Geldumtausch, den Kontrollen gehörte eben dazu. Wenn wir als Familie den Transit benutzten, hatte ich oft Angst, weil meine Brüder sich über die „Grepos“ lustig machten, die Frage „Haben Sie Waffen, Munition, Sprengstoff?“ mit „Wieso, brauchen Sie welchen?“ beantworteten etc. Aber ansonsten war das einfach unser Alltag. Von vielen von uns „Mauerkindern“ habe ich später gehört, dass die Stadt, in der wir aufgewachsen sind, dieses seltsame Konstrukt Westberlin, die „Insel der Seligen“ mit ihren endlosen Sonderverordnungen im Grunde nicht mehr existiert, ein Atlantis, von dem bereits meine Kinder nicht mehr ganz sicher sind, ob es sie überhaupt gab. Ich bekenne, ich gehörte nicht zu denen, die den Fall der Mauer mit einhelligem Jubel begrüßt haben. Mir hat er viel Angst gemacht. Das Grauen über den Faschismus in Europa und die Angst vor einer möglichen Wiederkehr faschistischer oder faschistoider Tendenzen sind mein Lebensthema. Dass man mit der Wiedervereinigung auf einmal Deutschlandfahnen aus den Fenstern hängen und die Nationalhymne grölen durfte, hat mich bis ins Mark erschreckt. Aber natürlich gab es auch etliche zutiefst berührende, hoffnungsvolle Momente. Zu der Abteilung meiner Partei, deren Vorsitz ich damals innehatte, nahmen Mitglieder der neu gegründeten SDP aus Ost-Berlin auf, die wir am 11. November bereits zu einem Besuch bei uns abholten. Als sie von ihrer Arbeit berichteten, die von Hand vervielfältigten Flugblätter zeigten, Gefahren und Konsequenzen schilderten und dabei immer wieder zu weinen begannen, war das für uns tief beeindruckend. Wenige Monate später reisten wir als Wahlhelfer zu den ersten innerparteilichen Wahlen in unseren Partner-Kreis Köpenick und waren wiederum beeindruckt – diesmal von der Erregung und Begeisterung über etwas, das für uns selbstverständlich war – freie und geheime Wahlen. Da kam Hoffnung auf, dass vielleicht doch etwas Gutes daraus erwachsen könnte, nichts, das Wunden heilt, denn das ist unmöglich, aber etwas, das mit ihnen umgeht. Auf rein privater Ebene ist mir unvergesslich, dass mein erstgeborener Sohn, damals knapp zwei, aus schwer erklärlichen Gründen in diesem Winter begonnen hatte, den Weihnachtsmann mit einem Wort zu bezeichnen, das wie „Lenin“ klang. Wenn ich mit ihm durch den Supermarkt zog und er Schokoladenweihnachtsmänner entdeckte, rief er selig: „Lenin fangen!“, und der gesamte mit Besuchern aus Ost-Berlin gefüllte Supermarkt brach in Gelächter aus. Noch unvergesslicher ist mir, dass in der Nacht, in der die Mauer fiel, unser zweites Kind gezeugt wurde und dass unsere Genossen darauf bestanden, es müsse zu Ehren von Krenz den Namen „Egon“ erhalten. Unser Kind hat sich dem entzogen. Es ist eine Lilly geworden. 

Sie fühlen sich mit ihrer Geburtsstadt Berlin verbunden, obwohl Sie seit über zwanzig Jahren in London leben. Können Sie Susannes Hartnäckigkeit nachvollziehen nicht aus ihrem geliebten Ost-Berlin wegziehen zu wollen? Oder besteht sie rein aus politischer Überzeugung auf ihren Wohnort? 

Selbstverständlich. Mit den Themen Emigration, Flucht, Heimatverlust habe ich mich im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus aber auch aufgrund der aktuellen Not von Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten müssen, intensiv beschäftigt. Sowohl mein Mann als auch ich entstammen Migrantenfamilien, und ich bin ja selbst einer. Die ersten vier Jahre weg von Berlin, das war so schlimm, dass ich dachte, ich hätte nicht die Kraft, die Vitalität, durchzuhalten – und das, obwohl London meine Wunschheimat war und ist und ich nach Berlin jederzeit reisen sowie meine Freunde und Verwandte auf Besuch empfangen konnte, was bei zahllosen Emigranten nicht im Mindesten gegeben ist. Da wird Heimat zum Identitätsverlust. Es fühlt sich an, als wäre ein Teil der eigenen Existenz abgeschnitten worden und man taumele haltlos durch eine bedrohliche Fremde. In einer Situation, die entfernt (!) mit der von Susanne vergleichbar ist, bin ich im Grunde heute: London ist der einzige Ort, an dem ich mich je ganz und gar zu Hause gefühlt habe, mein Leben ist hier, meine Kinder und Enkel, meine Freunde, meine Arbeit, mein Haus, die Orte, die für mich Zuhause ausmachen. Dennoch scheint es in der politischen Situation mehr und mehr ratsam, zu gehen, in ein neues – für mich das vierte – europäisches Land zu wechseln, und die Möglichkeit dazu hätten wir. Dass wir trotzdem bleiben (und zwar auf meinen Wunsch, nicht auf den meines britischen Mannes), ist nicht leicht zu erklären. Es käme mir vor, als ließe ich einen Freund, der für mich da war und mich aufgenommen hat, als es mir elend ging und ich ihn brauchte, jetzt, wo es ihm elend geht und er mich braucht, im Stich. Für Susanne kommt hinzu, dass sie ihr ganzes Erwachsenenleben lang für diesen Staat gekämpft hat, dass ihre Lebensenergien, ihre Träume darin stecken. Würde sie ihn hinter sich lassen, müsste sie diesen Teil zum Irrtum erklären, zumindest scheint es ihr so. Und ihren Vater verraten. Dazu fehlt ihr die Kraft. 

Haben Sie viel vor Ort recherchiert? Wie arbeiten Sie mit geschichtlichen Hintergründen für Ihre Romane? 

Ich bin ein Autor ohne Fantasie und recherchiere immer viel vor Ort, sodass ich alles, was ich beschreiben will, mal in der Hand hatte, draufgeklopft und dran gerochen habe. In Berlin war das besonders einfach, weil ich ja noch viele Verwandte und Freunde dort habe und mich gut auskenne. Trotzdem war es spannend und neu, denn die Fünfziger Jahre waren für mich neues Terrain. Genauso angewiesen bin ich bei dieser Alltagsrecherche natürlich auf Museen mit einer plastisch-sinnlichen Ausrichtung – und bei einem Roman der in den Fünfzigern spielt, konnte ich natürlich wunderbar Interviews mit Zeitzeugen nutzen. Für die Recherche der Fakten nutze ich Bücher, wissenschaftliche Arbeiten und Zeitungsarchive, das Internet vorwiegend, um Bild- und Tondokumente zu sehen und zu hören, was eine wundervolle Möglichkeit ist, sich in eine Epoche einzuschleichen. 

Wie sind die Romanfiguren entstanden? Haben sie im Laufe der Geschichte verselbstständigt oder sich nach Plan entwickelt? 

Meine Figuren entstehen, indem ich sehr viel biographisches Material real existierender Menschen lese und daraus dann die Figuren, die ich brauche, aussuche oder zusammenstelle. Meine Figuren verselbstständigen sich nicht. Wäre schön, wenn sie das täten – dann könnten sie für mich die Arbeit erledigen und ich bräuchte nur noch vor dem Computer zu sitzen und zuzusehen, wie sie die Seiten füllen. Leider sind sie aber genauso von mir abhängig wie die Marionetten vom Spieler. Höre ich mit der Tipperei auf, ist in ihnen kein Leben mehr. 

Warum haben Sie sich für einen angehenden Gourmetkoch als Partner für die sozialistische Susanne entschieden? 

Ich wollte jemanden, der sehr anders als Susanne mit seinen traumatischen Erlebnissen umgeht. Dass die Generation der im Nationalsozialismus aufgewachsenen Kinder eine stark traumatisierte ist, deren zu großen Teilen verdrängte Traumata und bis heute prägen, ist ja ein interessantes Thema (zumindest finde ich das ...). Ich habe mich sehr fasziniert mit den Quellen von Resilienz beschäftigt und bin immer wieder darauf gestoßen, dass Menschen, die über eine künstlerische Begabung und damit über ein Ventil, eine Ausdrucksmöglichkeit verfügen, häufig mehr Resilienz entwickeln als Menschen, denen dieser Weg nicht offensteht. Ich wollte einen Gegenpart für Susanne, der auf solche Weise mit seinem Trauma umgeht – künstlerisch, kreativ und dabei sinnlich, voller Lebensfreude und Lebensgenuss. Durch meinen jüngsten Sohn, der selbst begeistert kocht, kam ich mit einem Meisterkoch in Kontakt, der mich sofort gefesselt hat. Sein Schicksal ist ein ganz anderes als das von Kelmi. Aber ihre Bewältigung ist ähnlich. Ich fand den sprühenden, zärtlichen, fantasievollen Kelmi als Gegenpart ideal für die extrem durch Verstand und Gewissen gesteuerte Susanne und mochte diese Figur und ihre Liebesgeschichte sehr gern, weil die beiden so viel voneinander profitieren und lernen konnten. Der Roman beschäftigt sich mit Formen von Freiheit und Unfreiheit. 

Was bedeutet für Sie der Begriff der Freiheit und sehen Sie sie in der heutigen Zeit manchmal gefährdet? 

Stanislaw Lem soll einmal gesagt haben, manche Begriffe seien so groß, dass man ganze Völker darin verschwinden lassen kann. Ich habe dieses Zitat für Lem nie nachweisen können, aber ich mag es und wenn er es nicht gesagt hat, hätte er es sagen können, scharfsinnig, weitsichtig und Pathos-frei, wie er war. Ich schreibe Romane auch, um so etwas für mich selbst auszuloten. Aber eben auszuloten, Fragen zu stellen, ihnen nachzuforschen, dabei aber von Beginn an zu wissen, dass ich keine griffige Antwort finden werde. Also muss ich hier passen. Den Begriff Freiheit möchte ich nicht definieren. Einigen Gedanken um das Thema habe ich versucht in meinem Roman nachzugehen, auch der Frage, ob es ein Zuviel an Freiheit gibt oder präziser, ob es eine Freiheit gibt, mit der wir (noch?) nicht umgehen können und/oder wie sinnvoll es sein kann, Freiheit zugunsten anderer Werte (temporär?) zu beschränken. Auch all dieses ohne griffige Antwort! Gefährdet sehe ich – zu meinem Entsetzen – heute so ziemlich alles, was wir für erkämpft und relativ (!) gesichert gehalten haben, unsere Würde, unseren Anstand, unsere Unversehrtheit, unsere zumindest begrenzte Abwesenheit von Krieg und ja, auch unsere verschiedenen Freiheitsrechte. Ich möchte aber auch darauf vertrauen, dass gerade die erprobten, geübten Demokratien dem etwas entgegenzusetzen haben und weniger krisenanfällig sind als z.B. die Republik von Weimar. Ein Thema, das mich in diesem Zusammenhang sehr gefesselt hat, war der Umgang Großbritanniens mit seinen faschistischen Ansätzen in einer Zeit, als diese überall in Europa – und nicht nur dort – sich schneller ausbreiteten als die Pest. Ich habe darüber immer gedacht: Aha. So geht das also in einer gefestigten, eingespielten Demokratie. Und ich hoffe (und will darauf vertrauen), dass die derzeitige Entwicklung meine These und meine Freude darüber nicht ad absurdum führt.

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