Verlagsgruppe Droemer Knaur



Als die Bilder laufen lernten… Die Dynastien der Kino-Frauen

Einleitung

Heidi Rehn schreibt über Frauen als Kino-Betreiberinnen

Als die Bilder laufen lernten, liefen Frauen als Kinobetreiberinnen ganz vorne an der Spitze mit

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Mal? Wann waren Sie zum ersten Mal im Kino? Welchen Film haben Sie da gesehen? 

So ganz exakt weiß ich das leider nicht mehr, schwanke zwischen „Bernhard und Bianca“ und „Schneewittchen“. In jedem Fall war es ein Zeichentrickfilm zur Kindervorführung Sonntag Nachmittags um zwei. Was ich aber noch genau weiß: an der Kasse saß eine Frau und hat uns die Karten verkauft. Ebenso hat uns eine Frau die Plätze gezeigt, das Eis und Konfekt aus dem Bauchladen vor dem Film angepriesen, die Lichter abgedreht sowie hinterher den Saal für die nächste Vorstellung durchgefegt. So ging das jahrelang. Bis ich zu groß für die Kindervorführung geworden bin und endlich abends ins Kino durfte. Geblieben ist bei mir bis heute die Verknüpfung Kino und Frau, auch wenn der Filmvorführer höchstwahrscheinlich männlich war. Den aber bekam man ja nie wirklich zu Gesicht. Das Sagen im Kino aber hatte eindeutig eine Frau. 

Überhaupt passt in einen solch wunderschönen Saal mit dunkelroten, weichen Samtpolstersitzen, ebenso dunkelrotem schwerem Samtvorhang und goldenen Leuchtkerzen am besten eine Frau als Chefin. Finden Sie nicht auch? Immerhin taucht man dort für knapp zwei Stunden in eine geheimnisvolle Welt ein, die einen zu mutigen Abenteuern verführt, geheimste Sehnsüchte weckt und lang gehegte Träume erfüllt, als stünde gleich neben der Leinwand die Märchenfee persönlich parat, um einen mit ihrem Feenstab anzutippen und zu verzaubern.

Von männlichen Pionieren wie Carl Gabriel ...

Dennoch wurde das Kino zu Beginn, als die Bilder laufen lernten und 1895 in Paris zur ersten öffentlichen Filmvorführung geladen wurde, eindeutig von Männern dominiert. Die Brüder Auguste und Louis Lumière waren es, die die Filmrollen zum Drehen und die Menschen damit zum Staunen brachten. Mit dabei war sehr früh auch Carl Gabriel, ein Schausteller aus München, der die lebenden Bilder schon 1896 an die Isar und bald schon als Attraktion aufs Oktoberfest holte. 1907 eröffnete er in der Münchner Dachauer Straße eines der ersten – und bis heute noch in Betrieb befindlichen - Lichtspieltheater der Stadt. Leider soll dort Ende 2019 Schluss sein mit dem faszinierenden Flimmern über die Leinwand.

Zunächst aber feuerten die „Gabriel Lichtspiele“ einige der gelungensten Startschüsse für die Erfolgsgeschichte des Kinos an der Isar ab. Carl Gabriels Beispiel folgten rasch andere waghalsige Geschäftsleute, ebenfalls vorwiegend aus dem Schaustellergewerbe, denn Kino galt in seinen Anfangsjahren trotz der ersten stationären Adressen noch lange als Jahrmarktattraktion und unterlag dem Reglement des Schaustellergewerbes. Viele zogen auch mit Wanderkinos übers Land und in die Dörfer. In den Städten aber schossen vor allem in ehemaligen Ladenlokalen die neuen Filmtheater aus dem Boden. In München existierten um 1910 schon knapp zwanzig, erstaunlich breit verteilt über das gesamte damalige Stadtgebiet. 

Rehn_Lichtspielhaus

… über die Vorstadtkinokönigin Maria Zach…

Schon 1909 trat mit Maria Zach an der Seite ihres Mannes Georg eine der ersten Frauen vor die Münchner Leinwände, die in den nächsten beiden Jahrzehnten eine der erfolgreichsten Kinobetreiberinnen sowie Filmverleiherinnen und -produzentinnen der Isarmetropole wurde. Und damit den Grundstein legte für eine Tradition, die bis heute fortdauert. 

Das erste Kino der Zachs befand sich in der Vorstadt Au. Rasch übernahm das Ehepaar Zach weitere kleine, bereits bestehende und gründete neue Kinos, führte auch große Filmtheater wie das „Regina“ oder die „Ostbahnhof Lichtspiele“ mit mehreren Hundert Plätzen. Aus Geldgründen beschränkten sie sich anfangs auf die günstigeren Angebote in den Vorstädten, bald konzentrierte sich Maria Zach aus wirtschaftlichem Kalkül auf diese Gegenden und avancierte damit zur ungekrönten „Vorstadtkinokönigin aus Haidhausen“. Überhaupt tauchte sie ab etwa 1914 als alleinige Unternehmerin in den Geschäftsbüchern auf, denn „bei den Zachs müssen die Frauen arbeiten“, wie sie einmal ihrer Tochter Maria gesagt haben soll.

… hin zu den fiktiven Romanfiguren Zenzi und Elsa

Mit diesem Zitat und ihrer Leidenschaft fürs Kino- und Filmgeschäft, die sie bald auch Filmtheater in Regensburg, Straubing, am Tegernsee und sogar in Garmisch-Partenkirchen übernehmen sowie einen eigenen Filmverleih und eine Filmproduktion gründen ließ, ist Maria Zach das reale Vorbild für meine Figur Zenzi Donaubauer, die in meinem Roman „Das Lichtspielhaus“ die treibende Kraft der fiktiven Kinobetreiberdynastie Donaubauer in München darstellt. Ihr zur Seite steht die schöne und kluge Schwiegertochter Elsa, die nach ihrer Ausbildung als Schauspielerin an der Wiener Burg in der Leitung der Donaubauer Lichtspiele die Rolle ihres Lebens findet.

So wie diesen beiden fiktiven Frauen ging es in München und in anderen Städten vielen historisch belegten weiblichen Kinobetreiberinnen. Die meisten standen – wie Mathilde Weinmann, Rosina Haller oder Margarete Habeder – gemeinsam mit ihrem Mann den Lichtspielhäusern vor. Viele aber führten die Kinos auch schon in den 1920er und 1930er Jahren ganz allein, so etwa Senta Schiele, Betty Pirtsch oder Käte Wolf. Von den Kriegsjahren natürlich ganz zu schweigen.

Als 1945 die Amerikaner in München einrückten und zunächst die Vorhänge vor den Leinwänden schlossen, erteilten sie im ersten Nachkriegssommer eine der ersten Kinolizenzen an eine Frau: Lonny van Laak. Unter den Nazis hatte sie ihrer jüdischen Wurzeln wegen ihre Lizenz verloren. Sie übernahm die „Luitpold-Lichtspiele“ in der Brienner Straße von der Ufa und betrieb bald auch das „Filmcasino“ am Odeonsplatz. Bei der „Information Control Division“ war sie im Auftrag der amerikanischen Militärregierung für die Vergabe der Lizenzen zuständig. 

Wie es anschließend mit den Lichtspielhäusern an der Isar weiterging und welch erfolgreiche, tonangebende Rolle auch dabei die Frauen als Kinobetreiberinnen, Filmverleiherinnen und -produzentinnen wieder spielten, das dürfen Sie dann im Frühjahr 2020 im zweiten Teil meiner Saga um „Das Lichtspielhaus“ der fiktiven Familie Donaubauer nachlesen.

Heidi Rehn, April 2019

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