Verlagsgruppe Droemer Knaur



Thomas Thiemeyer über seinen neuen Thriller Wicca

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Herr Thiemeyer, Ihr neuer Roman heißt »Wicca – Tödlicher Kult«. Was hat es damit auf sich? Gibt es diesen Kult wirklich?

Ja, die Wicca gibt es. Es ist eine neuheidnische Naturreligion, vorzugsweise im angloamerikanischen Raum, deren Mitglieder sich selbst als Hexen bezeichnen und die inzwischen weit über einer Million Mitglieder umfasst. In meinem Roman beziehe ich mich auf einen ursprünglichen und recht aggressiven Seitenzweig, der auf altüberlieferte Praktiken wie Tier- und Menschenopfer zurückgreift.

Warum haben Sie gerade diese Naturreligion als Thema für Ihren Roman gewählt?

Wer meine Romane kennt, weiß, dass mich das Thema Religion sehr beschäftigt. Nicht, weil ich selbst spirituell veranlagt wäre, sondern weil mich das emotionale und gesellschaftliche Konzept fasziniert. Welcher Drang verleitet uns dazu, den gesunden Menschenverstand auszuschalten und Heilsverkündern, Behauptungen und Mythen hinterher zu laufen? Ist es, weil wir nicht mit unbeantwortbaren Fragen leben können? Weil wir uns ansonsten verloren und einsam vorkommen? 

Der Mythos des Welten- oder Lebensbaums ist so einer. Kelten, Germanen, Griechen, Christen, aber auch Religionen anderer Kontinente kennen ihn. Er ist weltumspannend. Woher kommt er? Gibt es vielleicht doch einen realen Hintergrund, einen wahren Kern? Es ist dieses Spiel mit Fragen nach Herkunft und Wahrheitsgehalt solcher Mythen, das mich inspiriert.

Woher kommt Ihre Naturverbundenheit, die sich auch in Ihren früheren Romanen wiederfindet? Und woher die Faszination, diese Naturkulissen mit der Mystik uralter Legenden zu verbinden?

Kindliche Prägung vermutlich. Meine Eltern waren lange Jahre aktiv im Naturschutz tätig, so etwas färbt natürlich ab. Mit der National Geographic hatten wir eine Zeitschrift abonniert, in der oft Themen wie Archäologie, Astronomie und Geographie eine Rolle spielen. Doch es geht mir auch um etwas anderes. Wir leben in einer entmystifizierten Welt. So etwas wie echte, tiefe Geheimnisse gibt es nicht mehr. Jeder Punkt auf unserer Erde ist per Satellit ansteuerbar. Die weißen Flecken sind längst verschwunden. Zudem leben wir in einer Zeit fortwährender Beschleunigung. Wie gehen wir damit um, was macht das mit uns? In jedem von uns steckt so etwas wie eine Sehnsucht nach dem Wahren, dem Ursprünglichen und Spirituellen. Abenteuerthriller leben von exotischen Schauplätzen, dunklen Geheimnissen und Verschwörungen. Denen gehe ich nach. Gibt es vielleicht geheimes Wissen, das über die Jahrtausende verloren gegangen ist? Und wenn ja, reicht etwas davon bis in unsere Zeit? Das sind spannende, hypothetische Fragen, die letztlich in jedem meiner Romane auftauchen.

 

Im Zentrum der Handlung steht Hannah Peters – eine toughe, intelligente und selbstbewusste Frau. Warum haben Sie sich für eine so starke Frauenfigur als Protagonistin Ihrer Thriller-Reihe entschieden?

Weil man einer Frau gemeinhin nicht solche Strapazen und Entbehrungen zutraut – und weil ich gerne gegen die Erwartungen spiele. Mit einer Frau steht mir zudem eine größere Bandbreite an Emotionen zur Verfügung. Hannah ist durchaus bad-ass, darf aber auch mal schwach und verletzlich sein. Da sie auch Mutter ist, empfindet sie manche Sachverhalte anders und vielleicht intuitiver als ein Mann. Als Autor schlüpfe ich gerne in andere Personen, versuche die Welt aus einem veränderten Blickwinkel zu betrachten. Das ist ungeheuer informativ und lehrreich.

In Ihrem Buch verbirgt sich auch Gesellschaftskritik: der Klimawandel und dessen Auswirkungen werden angesprochen, aber auch die Terrormiliz IS. War es Ihnen wichtig, diese gesellschaftspolitischen Themen – die uns doch sehr real beschäftigen – in Ihrem fiktiven Mystery-Roman aufzugreifen? Wenn ja, warum?

Weil es mir in allen meinen Romanen um mehr geht als banale Unterhaltung. Ich möchte, dass meine Geschichten nachwirken, ich möchte Neugier wecken, die Leute ermutigen, hinter die Kulissen zu blicken. Zu verstehen, was wirklich vorgeht und dass der Schein nicht immer gleich dem Sein ist. Es geht um die Vernetzung von Informationen und die Frage nach den wahren Herrschern und Lenkern dieser Welt. Dass es nicht die Politiker sind, dürfte uns allen klar sein. Wer also dann? Wirtschaftsmagnaten, Banker, High-Net-Worth-Individuals? Es gibt einen Leitspruch: Want truth, follow the money. Das ist auch in meiner Geschichte so. Ich finde Fiktion nur dann interessant, wenn sie einen Bezug zu unserem realen Leben hat.

Sie haben für »Wicca« auch in Petra (Jordanien) recherchiert. Welche Eindrücke haben Sie von Stadt und Land mitgenommen? Wie wichtig ist Ihnen die Recherche vor Ort?

Sehr. Wann immer es mir möglich ist, besuche ich die Schauplätze meiner Romane. Man kann vieles zu Hause recherchieren, Feinheiten aber bleiben einem so verschlossen. Jordanien ist eines der letzten islamischen Länder, das sich dem Westen noch nicht verschlossen hat. Das Land bietet einen tiefen Einblick in eine faszinierende Welt. Mit freundlichen, stolzen Menschen, die gewillt sind, uns an ihrem reichen kulturellen Erbe teilhaben zu lassen. Außerdem gibt es mit der Felsenstadt Petra und dem Wadi Rum gleich zwei der spektakulärsten Schauplätze auf der Erde. Ideal für einen Abenteuerthriller!

Und eine letzte Frage: Angenommen der Baum des Lebens existiert wirklich, wo würden Sie ihn am ehesten vermuten?

Entweder im fernen Asien oder tatsächlich in England. Wir dürfen nicht vergessen, wir haben es hier mit der ehemals größten Kolonialmacht der Erde zu tun. Einer Insel voller begnadeter Gärtner. Da ist die Chance groß, dass ein Samen des Lebensbaums gefunden und mitgenommen wurde.

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