Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Felix zu Löwenstein

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Schluss mit „All-You-Can-Eat“: In seinem Buch „Food Crash“ zeigt Felix zu Löwenstein, Öko-Bauer und Vorstandsvorsitzender des Bundes ökologischer Lebensmittelwirtschaft, warum wir unseren Umgang mit Lebensmitteln radikal ändern müssen – und was passiert wenn wir es nicht tun. Bereits heute hungern weltweit eine Milliarde Menschen, Tendenz steigend. Löwenstein sagt: „Wir werden uns ökologisch ernähren – oder gar nicht mehr“.

Der Titel Ihres Buches ist Programm: „Food Crash“. Was passiert, wenn wir uns weiterhin so ernähren wie bisher?
Genau genommen haben wir diesen „Food Crash“ schon heute. Weltweit hungern insgesamt eine Milliarde Menschen. Wenn wir so weiter machen würden wie bisher, wird sich dieser Zustand aber rapide verschlimmern.
Wie schnell werden wir die Folgen zu spüren bekommen, wenn wir unsere Ernährung nicht sehr schnell gründlich umstellen?
Das lässt sich relativ leicht errechnen. Bis 2050 wird sich die Weltbevölkerung von jetzt knapp sieben Milliarden auf etwa neun Milliarden Menschen erhöhen – wenn wir heute schon eine Milliarde Menschen nicht ernähren können, wie sollen wir das in den kommenden Jahrzehnten für immer mehr Menschen schaffen? Zudem erhöht sich, beispielsweise in China und Indien, die Anzahl der Menschen, die nach unserem westlichen Lebensstil leben und essen wollen. Diese beiden Entwicklungen zusammengenommen zwingen uns zum Handeln.
Ihre These lautet: „Wir werden uns ökologisch ernähren – oder gar nicht mehr“. Welche Umstellungen sind konkret notwendig?
Das muss auf zwei Ebenen passieren. Zum einen müssen die Verbraucher, also wir, verstehen, um was es geht und unsere Ernährung auf eine ökologische Grundlage stellen. Der Verbrauch von Eiern, Milchprodukten und Fleisch muss spürbar gesenkt werden, Lebensmittel dürfen nicht mehr in solchem Übermaß wie bisher verschwendet und weggeworfen werden. Zum anderen müssen die Staaten einen Rahmen schaffen, der der Verschwendung von endlichen Ressourcen Einhalt gebietet.
Sie beschreiben sehr deutlich die „All-You-Can-Eat“-Mentalität vieler Menschen. Wie kann man den Ess-Egoismus verhindern?
Abgesehen von den Menschen, die von sich aus einsichtig werden, wird man die anderen über den Preis für Lebensmittel überzeugen müssen. Stichwort: „Preise sprechen die ökologische Wahrheit“. Wenn sie den tatsächlichen Kosten entsprechen, werden sie auch die Lebens- und Ernährungsstile steuern. Wer einen angemessenen Preis für ein gutes Stück Fleisch bezahlen muss, der wird nicht die Mengen davon kaufen, die bei uns normal geworden sind. Um das zu erreichen, gibt es einen Hebel: der Stickstoff in Form von Düngemitteln und in Form von importierten Proteinen für die Tierhaltung. Denn er ist Voraussetzung für die Massenproduktion auf dem Acker und die Massentierhaltung im Stall – und damit für unsere bisherigen Ernährungsstile.
Wie wahrscheinlich ist es denn, dass die Industriestaaten gemeinsam neue, ökologische Lebensmittelrichtlinien festlegen?
Diese Frage ist ebenso schwer zu beantworten wie die, ob die Industriestaaten sich jemals auf eine globale Klimapolitik einigen können. Da sind sich alle einig, dass es ein Problem gibt und dass man handeln muss – nur die Umsetzung bleibt aus. Was den Klimawandel angeht, gibt es mittlerweile endlich ein Problembewusstsein, für die Bedrohung der globalen Ernährungssicherung entwickelt es sich erst. Es muss aber klar sein: Sowohl das Klima, als auch die Ernährung lassen sich nur durch ein entschlossenes übernationales Handeln in den Griff bekommen. Sonst werden wir erleben, dass auch in den Industrieländern die Spannung zwischen denen, die haben und denen, die nicht haben, zunimmt. Die jüngsten Krawalle in England sind ein Vorgeschmack auf das, was auf uns zukommen kann, wenn wir nicht zu Veränderungen bereit sind. Und es wäre verdammt gut, wenn wir es nicht so weit kommen lassen, sondern rechtzeitig handeln!
Sie als Öko-Bauer haben diese Umstellung schon lange vollzogen und sind anfangs noch belächelt worden …
Das ist richtig, wird aber zum Glück immer weniger. Die gesellschaftliche Akzeptanz von ökologischer Landwirtschaft ist in den letzten Jahren enorm angestiegen. Aber jeder zusätzliche Öko-Bauer ist ein verlorener Kunde für die Agrarindustrie, die mit Chemikalien ihr Geld verdient.
Haben Sie konkrete Anfeindungen seitens der Chemie-Industrie erlebt?
Oh ja! Erst gerade musste ich mir nach einem Vortrag auf einer Tagung anhören, dass wir natürlich mehr Öko-Landbau betreiben könnten, dann allerdings die Entwicklungsländer mehr ausbeuten müssten, weil bei uns nicht mehr genug Nutzfläche zur Verfügung stünde. Oder gar, dass jeder, der gegen Gentechnik ist, Schuld am Hunger in der Dritten Welt sei … Das sind Meinungen, die die Industrie öffentlich vertritt. Eine dreiste Verdrehung der Tatsachen!

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