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Nach jeder Dunkelheit kommt ein helleres Morgen

»Ich glaube, ein wiederkehrendes Thema in meinen Romanen ist die Idee, dass in großer Dunkelheit gewöhnliche Menschen in sich selbst die Kraft finden können, aufzustehen und außergewöhnlich zu sein.« – Kristin Harmel

Autorin des Monats: Kristin Harmel

Kristin Harmel legte 2013 mit ihrem Überraschungsbestseller Solange am Himmel Sterne stehen ein sensationelles Debüt in Deutschland hin. Weltweit waren die Leser*innen von der Geschichte von Rose McKenna und ihrer Enkelin Hope verzaubert. 

Die Botschaft der Geschichte findet für die Autorin in unserer heutigen Zeit noch mehr Widerhall. Mit ihrem neuen Roman Das letzte Licht des Tages möchte sie die Leser*innen dazu inspirieren, ihre eigene Ecke der Welt ein bisschen besser, ein bisschen freundlicher, ein bisschen hoffnungsvoller zu machen. Und sie daran erinnern, dass nach jeder Periode der Dunkelheit wieder eine Morgendämmerung und damit ein helleres Morgen kommt.

Eine Geschichte darüber, wie eine einzige Entscheidung unser Leben verändern kann

Frankreich 1940: Inès steht vor einer der schwierigsten Entscheidungen ihres Lebens, als sie herausfindet, dass ihr Ehemann Flüchtlinge und Waffen für die Résistance auf dem Weingut der Familie versteckt. Sie schließt sich schlussendlich dem Widerstand an, nichts ahnend, dass sie einen schrecklichen Fehler begeht, der das Leben aller auf dem Weingut verändert.

Jahrzehnte später kommt die junge Amerikanerin Liv der Bitte ihrer exzentrischen Großmutter nach, sie auf das Weingut Chauveau nach Frankreich zu begleiten. Das Weingut übt eine magische Anziehung auf Liv aus. Warum wollte ihre Großmutter gerade hier her? Zusammen mit dem sympathischen Anwalt Julien Cohn stürzt Liv sich in die Vergangenheit des Zweiten Weltkrieges und entdeckt eine Geschichte voller Liebe und Verrat und Hoffnung auf Vergebung.

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Im Interview mit Kristin Harmel

Was hat Sie inspiriert, über die Geschichte eines französischen Weingutes zu schreiben?

Nachdem meine ersten zwei Bücher im Paris des Zweiten Weltkriegs spielten, wollte ich unbedingt aus der Stadt heraus und ein anderes Gebiet erkunden, in dem die Résistance aktiv war. Der erste Ort, an dem ich mich ernsthaft umsah, war die Champagne. Aber wie war der Zweite Weltkrieg dort? Hat es einen aktiven Widerstand gegeben? Tatsächlich hatten sich die ungeheuer widerstandsfähigen und einfallsreichen Menschen in der Champagne auf ihre Weise gegen die Besatzung gewehrt, indem sie oft schmutzige oder minderwertige Champagnerflaschen als Reaktion auf unangemessene Requisitionen aushändigten. Aber mehr als das: Eine aktive Widerstandsbewegung brodelte knapp unter der Oberfläche und ging so tief, dass selbst der Chef eines der bekanntesten Champagnerhäuser der Welt - Moët & Chandon - den politischen Flügel der Résistance in Ostfrankreich heimlich direkt vor den Augen der Nazis leitete. Ich liebte diese Gleichzeitigkeit, dass die Champagne einerseits ein wunderschöner Ort ist, der einen feierlichen, prickelnden Wein herstellt, aber andererseits auch ein Ort, an dem der Boden mit Blut getränkt war und das Volk gegen die Tyrannei aufstand. Sie bildete eine faszinierende, vielschichtige Kulisse.

Wie haben Sie für “Das Licht des letzten Tages” recherchiert?

Ich habe mit einer Unmenge an Lektüre begonnen, nur um alle historischen Details zu klären, und dann habe ich einen Übersetzer beauftragt, Passagen aus einem obskuren Lehrbuch über die Champagnerherstellung aus den 1960er Jahren zu übersetzen, damit ich mir ein genaues Bild davon machen konnte, wie Champagner vor ein paar Generationen hergestellt wurde. Nachdem ich diese Dinge notiert hatte, schrieb ich einen Rohentwurf, und dann machte ich mich auf den Weg über den Ozean in die Champagne, wo ich Zeit in einem kleinen Champagnerhaus in Familienbesitz in Ville-Dommange (dem Champagnerherstellungsort, in dem ein Großteil meines Buches spielt) verbrachte, mit Einheimischen sprach, mich mit dem Kulturerbe-Manager mehrerer Champagnermarken zusammensetzte, unzählige Champagner-Kellereien besichtigte und mich sogar mit einem der führenden Historiker des Reims des 20. Jahrhunderts (der größten Stadt der Champagne) traf, einem Mann namens Yves Tesson. Ich kam voller Wissen zurück - und voller Bläschen - und verbrachte die nächsten Monate damit, jeden Champagner zu probieren, den ich in die Finger bekam! Ich sollte wirklich mehr Bücher schreiben, für die man an schöne Orte reisen und köstlichen Wein probieren muss! :-)

Liv und Inés - was sind die Gemeinsamkeiten und was die Unterschiede zwischen den beiden jungen Frauen?

Im Roman stammen Liv und Inés natürlich aus zwei verschiedenen Generationen; Liv ist in dem modernen Handlungsstrang und Ines in dem Handlungsstrang der 1940er Jahre. Oberflächlich betrachtet sind sie recht unterschiedlich; Inés ist jung, ungestüm, voreilig und etwas egoistisch (ein Charakterzug, aus dem sie, glaube ich, allmählich herauswächst), während Liv etwas älter ist und ihre Handlungen und deren Folgen etwas mehr bedenkt. Inés' Herz ist weit offen, und das von Liv hat sich verschlossen - beides aus den falschen Gründen. Ich glaube, eine Sache haben sie gemeinsam, dass ihnen das Herz gebrochen wurde. Aber natürlich reagieren beide unterschiedlich auf die Situationen, in denen sie sich befinden, und das prägt die Art und Weise, wie sich der Roman entfaltet. Im Grunde genommen glaube ich aber, dass sie beide anständige Menschen mit einem guten Herzen sind, die nur versuchen herauszufinden, wo sie hingehören, auch wenn sie dabei Fehler machen (insbesondere Inés, die einige sehr schwere Fehler macht - und im Laufe des Buches noch mehr zu büßen hat).

Was möchten Sie Ihren LeserInnen am liebsten aus Ihren Büchern mitgeben?

Ich glaube, ein wiederkehrendes Thema in meinen Romanen ist die Idee, dass in großer Dunkelheit gewöhnliche Menschen in sich selbst die Kraft finden können, aufzustehen und außergewöhnlich zu sein. Das letzte Licht des Tages habe ich vor einigen Jahren geschrieben, aber ich glaube, dass diese Botschaft jetzt, da die Welt immer noch von der Coronavirus-Epidemie gebeutelt wird, noch mehr Widerhall findet. Wir befinden uns wieder einmal in einer dunklen Periode der modernen Geschichte, aber je dunkler die Dinge sind, desto tiefer liegen die Möglichkeiten, außergewöhnlich zu sein, denke ich. Ich hoffe, die LeserInnen werden inspiriert, ihre eigene Ecke der Welt ein bisschen besser, ein bisschen freundlicher, ein bisschen hoffnungsvoller zu machen - denn jeder kleine Schritt in die richtige Richtung trägt dazu bei, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und ich hoffe, dass die LeserInnen auch daran erinnert werden, dass jede Periode der Dunkelheit schließlich endet. Die Morgendämmerung kommt immer wieder, und mit ihr ein helleres Morgen.