Im Gespräch

Die Suche nach Trost in Zeiten der Angst

Svenja O'Donnell berichtet über ihre Erfahrungen in der Corona-Krise. Sie selbst lebt in Großbritannien und merkt an, wie selbstverständliche es für unsere Generation geworden ist, alles zu bekommen. Ihre Großeltern erlebten das Ende des 2. Weltkrieges mit und waren Verzicht viel mehr gewohnt als wir. Ein bemerkenswerter Artikel, der uns zum Nachdenken bringen sollte.

1945 bis 2020: Die Suche nach Trost in Zeiten der Angst

Für die Übergabe einigten wir uns auf das Tor am Ende der Straße. Abgesprochen wurde sie per WhatsApp: meine Großpackung Spaghetti für ihre Tüte mit kanadischem Weizenmehl. Es ist die Art von Handel, die in Großbritannien zu Zeiten des Lockdowns Normalität geworden ist. Der Tauschhandel ist jedoch längst ein globales Phänomen geworden: Eine Freundin in New York erzählte mir, dass der Preis für ein Laib Brot in ihrem Wohnviertel sechs Eier beträgt.

Als das Coronavirus zuerst auf dem europäischen Festland und dann in Großbritannien ausbrach, überrannten panische Kunden in der Erwartung von drastischen Einschränkungen die Supermärkte. Als sich das Virus weiter ausbreitete, durften alltägliche Produkte wie Nudeln nur noch limitiert gekauft werden. Eine Nation, die von zu Hause aus arbeitet, beginnt wieder vermehrt Brot zu backen. Mehl wird zur Mangelware im ganzen Land. 

Ich erinnere mich noch an meine letzte Selbstisolation vor zwei Jahren, als ich in demselben Cottage im ländlichen England saß, in dem ich auch jetzt lebe. Damals schrieb ich an der  Geschichte über das Leben meiner Großmutter in Deutschland zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ich habe versucht mir vorzustellen,  wie sich eine Realitäten unter Rationierung anfühlt, sogar Ersatzkaffee habe ich gebrüht. Wie sich ein Leben in ständiger Angst anfühlt, war schwer zu begreifen – im Nachhinein eine Ironie des Schicksals.

Für eine Generation wie meine, die es gewohnt ist, zu bekommen, was sie will, wann immer sie es will, zieht dieser neue Seinszustand eine große Umstellung mit sich. Um die Einhaltung der Vorschriften zu gewährleisten und die ansteigende Sterberate zu verringern, begonnen die Politiker schnell damit, diese Entwicklungen als „unseren Krieg“ zu bezeichnen. Der Ausdruck „Blitzgeist“, mit einem Blick durch die rosarote Brille auf Großbritanniens dunkelste Stunde, wird häufig verwendet. Selbst der Verrat an den eigenen Nachbarn wird als patriotische Pflicht gesehen: Es gibt inzwischen eine "Hotline" für das Coronavirus.

Der Vergleich mag zuweilen ein wenig weit hergeholt erscheinen. Es werden keine Menschengruppen verfolgt. Millionen wurden nicht mutwillig getötet. Lebensmittel sind reichlich vorhanden, wenn auch schwerer zu beschaffen. Aber es gibt etwas an der Psychologie des Lebens in Kriegszeiten, wie meine Großmutter es beschrieben hat, das mich jetzt tief berührt.

Wie die meisten Frauen, verbrachte meine Großmutter den Krieg außerhalb der Front in Berlin und ihrer ostpreußischen Heimatstadt Königsberg. Es war das Leben all jener, die nicht von den Nazis verfolgt wurden, aber doch immer in Angst lebten, vor einer Bedrohung, die sowohl unsichtbar als auch nahe war. Während an der Front der Krieg tobte, versuchten sie in ihrem täglichen Leben, so gut sie es eben konnten, in diesen seltsamsten Zeiten, ein Gefühl der Normalität zu finden.

Es ist genau diese Emotion, die ich nun zu verstehen glaube; die Bedeutung dieser kleinen Gesten, durch die man für einen kleinen Moment das Gefühl hat, das Leben unter Kontrolle zu haben. Meine Großmutter sagte mir, sie würde sich stärker fühlen, wenn sie roten Lippenstift auflegt und diesen immer bei sich trägt - auch Auge in Auge mit Flucht und Vertreibung, Ereignisse von einer Größenordnung, die ich mir gar nicht vorstellen möchte. Aber ich weiß, was sie meinte. Ich tröste mich jeden Morgen damit, Parfüm aufzutragen, als würde ich ausgehen. Die kleinen Rituale des Lebens haben eine Bedeutung erhalten, die sie so noch nie zuvor hatten.

Und dann werde ich wieder daran erinnert, dass das Leben für einige von uns eine neue Brutalität angenommen hat.

Die Frau eines Freundes in Seattle zählt durch eine Asthmaerkrankung zur Risikogruppe – er selber ist Arzt auf der Intensivstation. Um weiterhin täglich infizierte Patienten zu behandeln, lebt er momentan in einem Wohnmobil, sodass er das Leben seiner Frau nicht in Gefahr bringt. Er überlegt nun, das Fahrzeug an einem fremden Ort zu parken, damit seine Kinder nicht in Versuchung geraten, ihn zu besuchen. Eine andere Freundin, eine Ärztin aus London, deren Patienten nun ausschließlich Fälle mit Covid 19 sind, ruft mich mit zitternder Stimme an, weil Sie nicht weiß, was sie tun soll. Soll sie ihr Kind zu ihrer Schwägerin aufs Land schicken? Sie weiß, dass es das Besten wäre, aber ihre kleine Tochter ist gerade erst drei Jahre alt.

In Großbritannien war uns klar, dass die Situation ernst ist, als die Queen eine landesweite Ansprache hielt. Auch sie erkannte in der heutigen Realität die Art von Emotionen wieder, die sie einst in Kriegszeiten gesehen hat. Sie erinnerte sich an ihre erste Ansprache gemeinsam mit ihrer Schwester im Jahr 1940, als sie evakuierten Kindern sagen musste, sie seien nur aus Sicherheitsgründen von ihren Eltern getrennt worden. "Wir sehen uns wieder", sagt sie diesmal anstelle eines formelleren Endes und bezieht sich auf ein Lied von Vera Lynn, einer der Lieblingsmusikerinnen der Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg. Mit anderen Worten: Wir als Land haben viel Schlimmeres überwunden.

Unsere Front ist kein Feld des Tötens, sondern eines, in dem Leben gerettet werden. Unsere Soldat*innen und Held*innen sind die Menschen, die wir einst für selbstverständlich hielten: Die Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen, die Reinigungskräfte in Krankenhäusern, die Mitarbeiter*innen der Müllabfuhr, die Supermarktmitarbeiter*innen, die Betreuer*innen, die in ihrem Alltag von nun an mit großen Risiken konfrontiert werden.

Der Appell an den Kriegsgeist, wie idealisiert er auch sein mag, findet Anklang bei vielen Menschen, vor allem der älteren Generation. So geht es auch meiner Mutter, die in der Armut eines zerstörten Nachkriegsdeutschlands aufgewachsen ist. Dennoch ist es schwierig, sich auf diese neuen Beschränkungen einzustellen, seien Sie im Vergleich auch unendlich leichter. Wenn Sie einen echten Krieg überlebt haben, ist einer, der durch einen Virus verursacht wird, nur schwer zu verstehen.

Die gesamte Situation hat tiefgreifende und hoffentlich nachhaltige Fragen aufgeworfen. Ein Bewusstsein für Verschwendung, für kollektive Verantwortung. Eine Sehnsucht nach Freiheit, die nie wieder so selbstverständlich genommen werden darf wie zuvor. Und das erinnert mich an etwas, das meine Großmutter mir einige Monate vor ihrem Tod im Jahr 2017 gesagt hat: "Wenn du Zeiten wie diese durchlebt hast, wird nichts mehr so sein, wie es mal war."

Svenja O'Donnell

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