Im Gespräch

Interview mit Renate Ahrens zu »Der andere Himmel«

Geschichte, die unter die Haut geht: Behutsam und bewegend erzählt Renate Ahrensʼ Roman von einem dramatischen Flucht-Versuch aus der DDR in den 70er-Jahren, einer große Liebe und einer zweiten Chance. Was Renate Ahrens zu dieser Geschichte bewegt hat, erzählt sie im Interview.

In Ihren Romanen erzählen Sie Geschichten von Menschen, deren Leben aus den Fugen gerät. Woher kommt die Faszination für solche Geschichten? Und wie ist Ihr neuer Roman »Der andere Himmel« entstanden?

Ich habe immer wieder beobachtet, wie verschiedene Menschen damit umgehen, wenn durch ein einschneidendes Ereignis in ihrem Leben nichts mehr so ist wie zuvor. Manche müssen hart darum kämpfen, nicht daran zu zerbrechen. Andere versuchen, das Vergangene wie eine Haut abzustreifen und nur nach vorn zu blicken. Und wieder andere sind so in sich gefestigt, dass sie es nach einer gewissen Zeit schaffen, solche Veränderungen zu verarbeiten. 

Wenn ich anfange, eine Figur zu entwickeln, ihre Gedanken, Gefühle, Hoffnungen, Träume und Ängste kennenzulernen, frage ich mich immer auch, wie sie in einer Grenzsituation reagieren würde. Und damit finde ich oft schon einen Weg in eine Geschichte hinein.

»Der andere Himmel«  entstand ausgehend von der Idee, eine Protagonistin zu wählen, die mein Lebensalter hat, aber nicht wie ich in der BRD, sondern in der DDR aufgewachsen ist. Mich beschäftigte die Frage, mit welchen Schwierigkeiten ein junges Paar konfrontiert war, das nicht mit dem politischen System konform ging. Welche Konsequenzen hatte ihr Widerstand für ihr weiteres Leben?
Bei meinen Recherchen zu gescheiterten Fluchtversuchen und Inhaftierungen stieß ich immer wieder auf Schilderungen, die deutlich machten, wie geschult die Vernehmer der Stasi darin waren, bei den Gefangenen Zweifel an der Loyalität von Partnern, Familienmitgliedern und Freunden zu säen, um auf diese Weise zu versuchen, ihren Willen zu brechen.

Eine Herausforderung bestand für mich darin, die Langzeitwirkung dieser Zersetzungsmethoden zu zeigen und damit die Handlung in die Gegenwart holen. Wie würden meine Protagonisten reagieren, wenn sie sich vierzig Jahre nach ihrer gewaltsamen Trennung wieder begegneten?

»Der andere Himmel«  thematisiert einen dramatischen Fluchtversuch aus der DDR in den 70er Jahren und wie daran eine große Liebe zerbricht. Wie haben Sie persönlich das geteilte Deutschland und den Mauerfall erlebt? Und was bedeutet Freiheit für Sie?

Das Thema der deutschen Teilung beschäftigt mich schon sehr lange. Als ich 1972, im Alter von siebzehn Jahren, auf einer Klassenreise in der Tschechoslowakei war und wir in einem Restaurant in 
Karlsbad einkehrten, aß dort auch eine Mädchenklasse aus der DDR zu Mittag. Wir wurden in einen separaten Raum geführt und uns wurde gesagt, dass wir keinen Kontakt zu den DDR-Mädchen aufnehmen dürften. Ich hörte sie reden und lachen, und es kam mir so absurd vor, nicht mit ihnen zu sprechen zu dürfen. Damals habe ich zum ersten Mal versucht, mir vorzustellen, wie mein Leben aussehen würde, wenn ich nicht zufälligerweise in Ostwestfalen, sondern in der DDR geboren wäre.

Als Studentin war ich häufiger mit einem Tagesvisum in Ostberlin und stellte immer wieder fest, wie schwer es mir fiel, mit DDR-Bürgern ins Gespräch zu kommen. Es gab so viel Vorsicht, Unsicherheit und Skepsis auf beiden Seiten. 

Obwohl wir dieselbe Muttersprache hatten, gelang mir keine wirkliche Verständigung. Es wäre sicherlich anders gewesen, wenn meine Familie Verwandte oder Freunde in der DDR gehabt hätte, aber das war nicht der Fall, und so hatte ich keine konkreten Bezugspunkte. Aber das Interesse blieb.

Wie die meisten Menschen meiner Generation ging ich davon aus, dass eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten völlig unrealistisch war. Im November 1989 lebte ich bereits seit drei Jahren in Irland, war nur noch selten in Deutschland und hatte sogar begonnen, auf Englisch zu schreiben. Ich hatte mich innerlich immer weiter von dem Land meiner Geburt entfernt. Aber dann fiel die Mauer, was mich tief berührte. Ich werde nie vergessen, wie ich am Abend des 9. November dachte, dass ich sofort nach Deutschland, in mein Heimatland, reisen und miterleben müsste, was dort geschah.

Freiheit bedeutet für mich, selbstbestimmt leben zu können, das heißt, aus eigenem Willen Entscheidungen zu treffen, meine Meinung frei äußern zu dürfen und mich frei und ungehindert bewegen zu können. Aber unter Freiheit verstehe ich nicht nur die Vergrößerung persönlicher Chancen, sondern auch die Verantwortung gegenüber dem Anderen. Der Philosoph Claus Dierksmeier hat dafür den Begriff der „qualitativen Freiheit“ entwickelt, mit dem die wechselseitige Verbesserung von Lebenschancen gemeint ist.

Irina, die Hauptprotagonistin, leidet nach wie vor unter einem Trauma, das schon viele Jahre zurückliegt. Was, glauben Sie, ist notwendig, um ein solches Trauma bewältigen zu können? Können solche Wunden heilen?

Ja, ein Trauma kann bewältigt werden. Allerdings bedarf es dafür gewisser Voraussetzungen: Die Betroffenen müssen zunächst einmal akzeptieren, dass sie ein Trauma erlebt haben. Die Erinnerung daran darf nicht verdrängt werden, auch wenn die damit verbundenen Gefühle sehr schmerzhaft sind. Anstatt über das Geschehene zu schweigen, sollten die Betroffenen mit Freunden oder Familienmitgliedern über das sprechen, was ihnen zugestoßen ist. Und falls Symptome wie Ängste, Panikattacken und Depressionen anhalten, sollten sie sich professionelle Hilfe holen.

Bei meiner Protagonistin ist das Trauma eng verknüpft mit dem Gefühl der Scham. Sie glaubt, dass sie von dem Mann, den sie über alles liebte und mit dem sie fliehen wollte, betrogen wurde. Und so hat sie nie darüber gesprochen, dass sie bei ihrem Fluchtversuch nicht allein war.

Eine Frage taucht in »Der andere Himmel« immer wieder auf: Kann es mehr als eine Wahrheit geben? Haben Sie für sich eine Antwort auf diese Frage gefunden?

Ich verstehe Wahrheit als die Übereinstimmung von Bewusstsein und objektiver Realität, und nach dieser Definition kann es nur eine Wahrheit geben.

In meinem Roman »Der andere Himmel« leben meine Protagonisten vier Jahrzehnte lang mit unterschiedlichen Vorstellungen von dem, was sie für die Wahrheit halten, weil ihr Urteilsvermögen darüber, was wahr und gelogen ist, durch die Zersetzungsmethoden der Stasi getrübt wurde.

Und dürfen wir etwas über Ihr nächstes Buchprojekt erfahren? Woran arbeiten Sie gerade?

Mein nächster Roman handelt von der Freundschaft zweier Frauen, die in eine Krise gerät, als ihre Fahrt nach Polen zu einer Reise in die Vergangenheit ihrer Familien wird.

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