Im Gespräch

Interview mit Nina George zu ihrem neuen Roman »Südlichter«

Die mehrfach ausgezeichnete Bestsellerautorin Nina George wurde durch ihren Erfolgsroman »Das Lavendelzimmer« international bekannt. Nun ist ihr neues Buch »Südlichter« erschienen, welches bereits im Lavendelzimmer Erwähnung fand.

Woher kennen wir das Buch »Südlichter« bereits? Und wie kam es dazu, dass es nun veröffentlicht werden konnte?

Der Pariser Buchhändler Jean Perdu, aus meinem inzwischen in 37 Sprachen übersetzen Roman »Das Lavendelzimmer«, verkauft auf seinem Bücherschiff, der »Literarischen Apotheke«, Bücher wie Medizin für die Seele – aber nicht jedes Buch hilft bei jedem verborgenem Leiden. Kundig wählt er jene Werke aus, die die allzu menschlichen Sehnsüchte und Furchtsamkeiten kurieren, nur für ihn selbst gibt es kein Buch, das ihn von seiner Angst, noch einmal zu lieben, heilen kann. Er selbst hält sich seit zwanzig Jahren an einem schmalen Buch aus den 80er Jahren fest: »Südlichter« von dem unbekannten Schöpfer mit dem nom-de-plume (frz. für „Pseudonym“) »Sanary«. Perdu geht auf die Suche nach dem Autor und wird auf seiner Reise vom Leben und von der Wahrheit überrascht …

»Südlichter« war das letzte Buch, das Jean Perdu mit seiner großen Liebe Manon las, bevor sie eines Morgens wortlos verschwand. Es erzählt von Liebe und Süden, von der Alchemie der Bücher, es ist ihm Hoffnungs-, Flucht- und Erinnerungsort. Es erscheint ihm, als sei es nur für einen einzigen Menschen geschrieben worden. Doch dieser französische Roman aus den frühen 80er Jahren existierte nur in meiner Fantasie. Ich erhielt im Laufe der weltweiten Veröffentlichung des „Lavendelzimmers“ ungeduldige, irritierte und fordernde Leserinnenbriefe aus Ohio, von der Isle of Skye, aus Johannisburg oder Australien, wo denn bitte sehr diese »Südlichter« verflixt noch mal zu finden seien? Antiquarisch vielleicht? 

»Südlichter«, ein verschollenes, ungeschriebenes Werk, entstand also, weil die Leserinnen auf der ganzen Welt es vermissten. Ich übrigens auch: Ich wollte mir selbst ein Buch schreiben, in das ich mich hinein flüchten kann, darin wohnen, ich wollte die Liebe zu Wort kommen lassen und ihre geheime Beziehung zu Büchern. 
Die Herausforderung lag darin, werktreu zu bleiben. Wer war »Sanary«? Anfang Zwanzig, sehnend nach jemandem, der ihm – oder ihr – die Welt ist, irgendwo im Frankreich der späten 70er Jahre, Wildpferde im Herzen, eine Schreibmaschine unter den Fingern. »Sanary« schrieb das Buch nur für einen einzigen Menschen, einen einzigen langen Brief an nur ein klopfendes Herz. Und genauso schrieb ich es, die erste Fassung in 37 Tagen, wie einen einzigen zweihundert Seiten langen Brief einer jungen Frau an einen fernen Mann, atemlos und ohne abzusetzen, ohne zu korrigieren. Erst in der zweiten Fassung wurde ich wieder zu mir selbst und konnte aus diesem »Liebes-Brief« einen »Liebe-Roman« machen. 

»Südlichter« ist eine Geschichte über die Liebe in all ihren wunderbaren Gestalten. Welche sind es zum Beispiel?

Wir machen uns unendlich viele kluge und auch erstaunlich dämliche Gedanken und Vorstellungen über die Liebe. Doch was denkt die Liebe über uns? Das wollte ich schreibend erkunden, und habe »Südlichter« aus der Sicht der Liebe erzählt, die auf uns Menschen schaut und sich bisweilen doch sehr wundert, was wir so alles mit ihr anstellen. Sie verschwenden, ignorieren, uns vor ihr fürchten… aber warum treffen zwei Menschen, die füreinander das größte Glück, die schönste Katastrophe, die schmerzhafteste Unmöglichkeit sind, überhaupt aufeinander? Warum so spät, so früh, warum, wenn es gerade leider gar nicht passt, und wieso muss Liebe auch nicht in eine Ehe münden – sondern kann in einem einzigen Nachmittagsspaziergang oder achthundert Briefen ohne einem einzigen Kuss, ihre ganze Erstaunlichkeit entfalten? Liebe hat viele Gesichter. Die der Freundschaft, der verzweifelten Unmöglichkeit, der Elternliebe, der Liebe zur Menschheit, zu Büchern; Liebe legt sich über die Orte, an denen man gemeinsam war, und in Gedanken wird man immer noch geliebt, selbst wenn der andere gegangen ist. Vermutlich ist Lieben das einzig Sinnvolle, was wir füreinander in einem Leben tun können.

Marie-Jeanne, die Heldin des Romans, hat eine besondere Gabe: Was bedeutet sie für ihr Schicksal und das anderer?

Der Dichter Rumi schrieb einst: » Liebende treffen sich nicht irgendwann irgendwo. Sie sind schon immer verbunden«. Wie herrlich einfach das Liebesleben wäre, wenn man folglich vorher wüsste, wer die eine große Liebe ist, nicht wahr? Nicht unbedingt wahr: Marie-Jeanne entdeckt, dass sie die einzige ist, die diese sonst unsichtbaren Verbindungen, die »Südlichter«, wie sie sie nennt, zwischen Liebenden sehen kann. Selbst, wenn diese einander noch gar nicht kennen. Doch was fängt man damit an, wenn man erst 12 Jahre und Überlandbibliothekarin in Ausbildung ist? »Oh, Bonjour Madame, da drüben am Ziegenkäsestand, ja, genau, der aus Paris zugezogene Schriftsteller Monsieur Finkielkraut, das ist übrigens der Mann Ihres Lebens.« Vor allem muss Marie-Jeanne feststellen, dass das Schicksal, der Zufall und sogar die Liebe selbst es den Liebenden eben ungern einfach machen.

Die Geschichte entführt uns in den Süden Frankreichs, die Provence. Warum haben Sie diesen Schauplatz gewählt?

Die Drôme Provençale ist das Tor zu Frankreichs Süden. Ein auch heute noch vom Tourismus gnädig übersehenes Lavendelparadies voller Obst- und Olivenbäume, hoher, stiller Berge und kräuterduftiger Täler, melancholischer Gipfelfriedhöfe und unvergesslich klarer Sternenhimmel. Entfernungen werden nicht in Kilometern, sondern in Zeit angegeben, die Dörfer sind schwer erreichbar, es liegt tiefer Frieden über dem Land. Ich suchte einen Ort voller Sehnsucht, wo Magie und Märchen noch Raum haben. Ich hatte, bevor ich die ersten Sätze schrieb, immer ein bestimmtes Bild vor Augen: Eine junge Frau, die auf einen hohen Berg steigt, um dort oben eine für sie elementare Entscheidung zu treffen, atemlos in großer Höhe, umfangen von Himmel und Zauber, einsam, frei und wild entschlossen. Landschaften spiegeln in meinen Romanen die innere Beschaffenheit der Charaktere. Die Gegend um Nyons und Condorcet, die Berge wie der Lance, sind so natürlich und ehrlich wie Francis, so schartig wie Elsa, so duftend wie Loulou, so liebend wie Marie-Jeanne.

Eine Schlüsselrolle kommt den Büchern zu. Welche Wirkung trauen sie der Literatur zu?

Jüngst schrieb mir eine Kanadierin, sie habe nach der Lektüre von Die Mondspielerin ihren Job gekündigt und sei in die Bretagne umgezogen und nun endlich glücklich. Eine Frau aus Amerika schrieb mir, ihre Mutter habe keine Angst mehr vor dem baldigen Tod gehabt, nachdem sie Das Traumbuch gelesen habe. Ein junger Mann aus England hat seine Banklehre abgebrochen und einen Buchladen aufgemacht, nach der Lektüre des „Lavendelzimmers“. Und das sind nur drei von etwa fünfzig, sechzig lebensverändernden Begebenheiten, die mir in den letzten acht Jahren erzählt worden sind, nachdem jemand einen meiner Romane las. Ich bin mir sicher, solche Auswirkungen haben nicht nur meine Bücher.

Bücher sind die letzte große Alchemie unserer Zeit. Sie können erreichen, dass Menschen ihr uneigentliches Leben verlassen, um ihr eigentliches zu finden. Und sind Bücher nicht die letzten Orte der Welt, in denen sich Menschen und Zeiten, Landschaften und Gefühle treffen, die einander sonst selten oder nie begegnen? Sie erschaffen, sie verwandeln, sie besiegen die Zeit, den Tod und die Angst. Sie schaffen unsichtbare Realitäten. Sie sind die stillen Türen, durch die wir gehen, um bei uns selbst anzukommen. 

Bücher sind so nötig wie Lebensmittel. Es ist geradezu erstaunlich, dass Bücher und Brot voneinander getrennt verkauft werden. In Büchern lernt man Gefühle kennen, die man selbst vielleicht nie haben wird; andere Kulturen, neue Variationen von Lebenswegen, man lernt, wie andere Menschen fühlen und das schult wiederum den eigenen Sinn für Empathie und Nachsicht. Man geht besser miteinander um. Ich glaube fest daran: Wer liest, der lebt - wer nicht liest, weiß nicht, was er alles vom Leben und Menschsein verpasst. 

Und: Bücher sind Gegengift der Tyrannei. Warum sonst werden sie als erstes von Diktatoren verboten? Bücher sind eben auch gefährlich: Sie machen den Menschen unabhängig. Wir sollten alle dafür sorgen, dass es weiter genügend Schriftstellerinnen und Schriftsteller gibt, und uns diesen Schatz der Zivilisation, der Demokratie, des Daseins, erhalten. Was hilft: Bücher kaufen, auch die, die schon ein bisschen länger gelebt haben als andere… 

 

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