Verlagsgruppe Droemer Knaur



Kurt Lauber ist "Der Wächter des Matterhorns"

Erlebnisse in der Natur haben mich immer schon fasziniert.

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Der Berg ruft! Aber wann? Um wie viel Uhr beginnt der Arbeitstag des Hüttenwarts?

Kurt Lauber: Dies ist von der saisonalen Dämmerungszeit abhängig. Im Juli wecken wir um 03:30 Uhr, da es um 05:00 Uhr hell wird. Somit beginnt der Tag für mich um 03:00 Uhr. Im August und September werden die Tage kürzer und die Arbeitszeit verschiebt sich jeweils um eine halbe Stunde. Gegen Ende Saison beginnt der Tag um 04:30 Uhr. Der Arbeitstag endet während der gesamten Saison gegen 22:00.

Wie wird man Hüttenwart und welche Fähigkeiten braucht man dazu?

Kurt Lauber: Auf den meisten Berghütten im Alpenraum bleiben die Hüttenwarte mehrere Jahre ihrer Hütte treu. Die raren Stellen, die vakant sind, werden vielfach auch innerhalb der Familie weitergegeben. Es werden aber natürlich auch Stellen ausgeschrieben. Als Hüttenwart ist man Allrounder. Wissen über die Gastronomie, Handwerk und Organisationstalent sollten vorhanden sein. Von Vorteil ist es natürlich, wenn der Hüttenwart auch eine Ausbildung als Bergführer hat. Den Gästen muss oft Auskunft über die Routenwahl und über die Verhältnisse gegeben werden. Somit kann man auch vor möglichen Gefahren warnen.

Sie sind seit 17 Jahren auf der Hörnlihütte. Was hat sich zu den Anfängen verändert? Gibt es auf der Hörnlihütte noch das, was man unter Hüttenromantik versteht? Sind die Besucher anspruchsvoller geworden?

Kurt Lauber: Auf der Hütte hat sich in den letzten 17 Jahren nicht allzu viel verändert. Da die Hörnlihütte eine hochalpine Hütte ist, kann sie nicht mit Hüttenromantik in Verbindung gebracht werden. Denn Wasser ist nur sehr knapp vorhanden und die Infrastruktur ist sehr spartanisch. Das Ziel der Besucher ist hauptsächlich das Matterhorn und durch die vielen Tagesbesucher und Bergsteiger herrscht eher ein reges Treiben auf der Hütte. Die Besucher sind sicherlich anspruchsvoller geworden. Viele Gäste erwarten das gleiche Angebot oder Komfort wie im Tal und können nicht verstehen, dass wir mit Wasser und Strom sparen müssen und nicht das gleiche Speisen- und Getränkeangebot führen.

Eine Berghütte auf 3000m Höhe bei schlechtem Wetter. Keine Zeitung, kein Fernseher, kein Internet, keine Gäste. Was machen Sie an den ruhigeren Tagen? Wird es nicht langweilig?

Kurt Lauber: Bei schönem Wetter dauern unsere Arbeitstage oft bis zu 18 Stunden. Da bleiben viele Dinge liegen. Während Schlechtwetterphasen kann ich somit meinen Büroarbeiten nachgehen. Meine Mitarbeiter haben dann genügend Zeit, die Hütte gründlich durchzuputzen und kleinere Arbeiten (z.B. Wände streichen, Tische lackieren) zu erledigen. Natürlich bleibt dann auch Zeit, die Batterien aufzuladen und sich einem Buch oder Spiel zu widmen.

Tausende von Touristen und Berggänger schleppen sich jede Saison aufs Matterhorn. Wie stehen Sie zu dem Run auf die Berge, der oft im Stau endet?

Kurt Lauber: Das Matterhorn ist einer der berühmtesten, aber auch am schwierigsten zu besteigende 4000er. Da das Zeitfenster für eine Besteigung sich auf ca. 3 Monate begrenzt, muss schon mit regem Betrieb auf der Hütte und am Berg gerechnet werden. Hektisch wird es vor allem zu Beginn der Tour am Einstieg. Jedoch verteilt sich danach die Masse schnell. Das Matterhorn wäre nicht der Berg, der er ist, ohne die vielen Besucher, der Andrang gehört schon fast dazu.

Sie sind nicht nur Hüttenwart, sondern auch Skilehrer, Bergführer, Rettungsspezialist und Hubschraubenpilot? Was macht Ihnen am meisten Spaß?

Kurt Lauber: Meine Ausbildung zum Piloten habe ich vor 20 Jahren beendet. Dieses Kapitel habe ich aus Zeitgründen für mich abgeschlossen. Spaß habe ich an all meinen anderen Tätigkeiten, die ich immer den Jahreszeiten entsprechend ausüben darf.

Immer wieder verlieren Menschen in den Bergen ihr Leben. Auch am Matterhorn. Was sind die Hauptgründe für solche Unfälle? Was war Ihr spektakulärster Rettungseinsatz?

Kurt Lauber: Solange es Berge gibt, wird es Unfälle geben, dies ist leider die Realität. Seit der Erstbesteigung von 1865 sind es an die 600 Menschen, die am Matterhorn verunglückt sind. Der Hauptgrund ist sicherlich die mangelnde hochalpine Erfahrung. Die Gefahren am Berg werden schlicht und einfach unterschätzt. Aber natürlich gibt es auch erfahrene Bergsteiger, die einfach nur Pech hatten. In den letzten 25 Jahren habe ich viele spektakuläre Einsätze erlebt. Da gibt es keinen bestimmten einzelnen Einsatz – viele meiner spektakulären Einsätze sind natürlich in meinem Buch nachzulesen.

In einer Hütte auf einem exponierten Felsgrat ist man den Launen der Natur unmittelbar ausgesetzt. Haben Sie den Eindruck, dass in den letzten Jahren die extremen Wetterphänomene zugenommen haben?

Kurt Lauber: Es ist unbestritten, dass sich das Klima verändert hat. Auch auf der Hütte nehmen extreme Wetterphänomene zu. Gewitter, Wind, Niederschlag und hohe Temperaturen nehmen an Intensität zu. Wetterumschwünge erfolgen schneller.

Vielfach wird die Verschmutzung der Berge und die ökologische Belastung beklagt. Wie gewährleistet man auf der Hörnlihütte die Wasserversorgung? Was passiert mit den Abfällen, dem Schmutzwasser?

Kurt Lauber: Die Wasserversorgung war und ist immer noch das Hauptproblem. Da sich die Hütte auf einem Felsgrat befindet haben wir keinen Zugang zu fließendem Wasser. Mühsam müssen wir das Schmelzwasser des Schnees sammeln. Dies ist nur möglich, wenn die Temperaturen über dem Gefrierpunkt liegen. Bei einer längeren Kälteperiode kann uns dann das Wasser auch mal ausgehen. Der Abfall wird bereits auf der Hütte sortiert. Papier, Glas Metall, Kunststoffflaschen und Aluminium werden getrennt und bei den Versorgungsflügen dem Hubschrauber auf dem Retourflug mitgegeben. Pro Sommer werden an die 4 Tonnen Abfall zurück ins Tal geflogen. Das Abwasser wird noch wie eh und je in die Natur geleitet.

150 Jahre nach der Erstbesteigung soll die Hörnlihütte für das Jahr 2015 komplett renoviert werden. Was wird sich im Verhältnis zu heute für Sie und die Gäste verändern?

Kurt Lauber: Für die Gäste sind kleinere, komfortablere Lager/Zimmer vorgesehen. Die sanitären Einrichtungen werden den Bedürfnissen angepasst, die Wasserversorgung wird optimiert und Duschmöglichkeiten werden zur Verfügung stehen. Die Energieversorgung wird auf den heutigen Standart gebracht werden. Die Hütte wird besser isoliert sein und die Platzverhältnisse werden vergrößert. Dadurch werden für mich und meine Mitarbeiter die Arbeitsabläufe vereinfacht.

Hat sich mit Materialverbesserungen bei der Ausstattung die Unfallhäufigkeit verringert oder ist sie im Gegenteil sogar gestiegen?

Kurt Lauber: In den 90er Jahren gab es sehr viele schlecht ausgerüstete Bergsteiger. Dies hat sich inzwischen geändert. Heute sind die meisten Bergsteiger sehr gut ausgerüstet. Am Matterhorn ist die Unfallhäufigkeit in den letzten Jahren zurückgegangen. Dies aber aus dem Grund, da die meisten Gipfelaspiranten mit einem Bergführer unterwegs sind. Die Anzahl der „führerlosen“ Bergsteiger ist gering. Es ist jedoch auffällig, dass Bergsteiger mit wenig Bergerfahrung oft überdurchschnittlich gut ausgerüstet sind. Viele denken die Ausrüstung würde die fehlende Erfahrung wett machen, was jedoch ein Trugschluss ist.

Sie haben weltweit unzählige Berge bestiegen und unzählige Hütten besucht. Welcher Berg würde Sie noch reizen?

Kurt Lauber: Erlebnisse in der Natur haben mich immer schon fasziniert. Es müssen nicht unbedingt Berge sein. Die Arktis, eine Wüstendurchquerung oder eine Überquerung mit dem Seegelboot würde mich ebenso reizen. Beim Bergsteigen stehen für mich der Cerro Torre und Fitz Roy in Argentinien jedoch zuoberst auf meiner Wunschliste.

Nach so vielen Jahren am Matterhorn – steigt man da noch, einfach für sich, auf den Gipfel?

Kurt Lauber: Als Bergführer stand ich mit Gästen schon 370 Mal auf dem Gipfel des Matterhorns. Noch immer fasziniert mich dieser Berg, und jedes Mal, wenn ich auf dem Gipfel stehe, kann ich es genießen. Vor meiner Tätigkeit als Hüttenwart, habe ich oft 5-6 Mal in der Woche Gäste aufs Matterhorn geführt, dann wird die Besteigung zum „Arbeitsalltag“. Inzwischen reicht es für mich, wenn ich alle 2 Wochen entweder mit meinem Sohn, Bekannte oder mit Kunden hochsteigen kann. So kann ich die Bergtour und den „magischen“ Berg in vollen Zügen geniessen.

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