Verlagsgruppe Droemer Knaur



Sabine Ebert im Interview zu "1813 - Kriegsfeuer"

"Es liegt mir sehr am Herzen, dass diese Geschichte endlich einmal erzählt wird, frei von Pathos und Heldenverklärung"

Sabine Ebert

Sabine Ebert hat sich mit ihren historischen Romanen aus dem Mittelalter einen Namen gemacht. Mit 1813 – Kriegsfeuer betritt die Bestsellerautorin nun neues Terrain und schreibt über das epochale Ereignis der Völkerschlacht bei Leipzig Anfang des 19. Jahrhunderts, die als bis dahin größte Schlacht der Menschheit in die Geschichtsbücher einging. Herausgekommen ist jedoch kein „Schlachtenepos“, sondern ein großer Antikriegsroman, der den Leser tief bewegen wird. In unserem Interview erzählt Sabine Ebert über die Herausforderungen, ihre Recherchearbeit und warum ihr dieses Buch ganz besonders am Herzen liegt.

Frau Ebert, in Ihrem Roman geht es um das Schicksalsjahr 1813 – ein Jahr, in dem Deutschland und Europa dramatische Zeiten durchlebten. Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden?

Vor drei Jahren trat der Verband Jahrfeier Völkerschlacht bei Leipzig 1813 an mich mit der Frage heran, ob ich nicht Interesse hätte, einen Roman über die Völkerschlacht zu schreiben, so etwas gebe es noch nicht. Verbandsmitglieder hatten meine Romane über das deutsche Hochmittelalter gelesen und meinten, ich könnte den Lesern auch das Schicksalsjahr 1813 anschaulich und eindringlich schildern.

Im Oktober dieses Jahres gedenken wir der Völkerschlacht bei Leipzig zum 200. Mal. Wie haben Sie sich diesem epochalen Ereignis genähert?

Zuerst einmal habe ich mir einen Überblick über den Ablauf der Ereignisse und die beteiligten Seiten verschafft und mich dann in Augenzeugenberichte vertieft, um das Geschehene visuell und emotional zu erfassen.
Dann begann das analytische Auseinandernehmen des Materials. Die Suche nach Motiven, Hintergründen, nach Momenten, in denen alles wieder kippen konnte.
Der Ausgang dieses Kriegs stand so oft auf Messers Schneide! Rasch wurde mir klar, ich muss in der Zeit ein Stück zurückgehen und kann nicht nur die Ereignisse vom Oktober 1813 in Leipzig zeigen. Die allein sagen ja nicht viel mehr aus, als dass es schrecklich war, und das wissen wir schon. Deshalb setzt die Handlung im Frühjahr ein, als die Menschen noch hofften, Napoleon sei schon so gut wie besiegt, und geht über die Zeit des Waffenstillstandes bis zur Herbstoffensive. Dann erst führt alles zur großen Schlacht bei Leipzig. So kann ich zeigen, wie sich der Krieg Stück für Stück in das zivile Leben drängt, wie die Menschen unter Besatzung und Zensur lebten, wie der Krieg sie verändert, die Seelen zerstört. Was hinter den Kulissen in der Geheimdiplomatie lief und worum es wirklich ging.

Die Recherchen zu diesem vielschichtigen Thema müssen unglaublich aufwendig und kompliziert gewesen sein. Wie sind Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen?

Es gibt Unmengen an Fachliteratur; ich selbst habe so zwischen zwanzig- und dreißigtausend Seiten gelesen, und es hätten sicher noch mehr sein können. Das Problem allerdings ist, dass es relativ wenig Modernes dazu gibt, schon gar keine moderne Gesamtdarstellung der Zeit. Und viele der alten Quellen sind sehr widersprüchlich, um nicht zu sagen fragwürdig. Deshalb suchte ich mir Fachberater, ausgewiesene Experten auf dem Gebiet, die mich unterstützten, mir viele Detailfragen beantworteten und mir kaum bekannte, aber sehr aufschlussreiche Quellen zugänglich machten, die das herkömmliche Bild doch ziemlich auf den Kopf stellen.

Herausgekommen ist kein „Schlachtenepos“, sondern ein großer Antikriegsroman. War das von vorne herein Ihre Intention?

Ja, natürlich. Es geht gar nicht anders. Man kann das heute nicht mehr glorifizieren. Diese Schlacht ist fast zweihundert Jahre lang zu etwas verklärt worden, das sie definitiv nicht war: als „Befreiungskampf“ oder gar „Freiheitskampf“. Für die Herrschenden war es von Anfang an nichts anderes als ein Kampf um Macht und Land. Alle, die glaubten, dort für Ideale zu kämpfen, für Reformen, Freiheit und ein einiges deutsches Vaterland, wurden getäuscht und missbraucht. Das ist - neben den unzähligen Toten und Verstümmelten, neben den verwüsteten Landstrichen - das besonders Tragische daran. Und das musste ich zeigen.
Das Maß der Dinge war beim Schreiben für mich immer Remarques Im Westen nichts Neues.

Unvorstellbar und grausam, wie viele Menschen in jenen Jahren unter Krieg, Besatzung und Gewalt leiden mussten. Wie sehr hat Sie die Dramatik und historische Tragweite des Themas bei den Recherchen und beim Schreiben in Atem gehalten? Hat Sie die Beschreibung dieses Leides nicht teilweise zur Verzweiflung gebracht?

Es war manchmal wirklich kaum zu ertragen, die Augenzeugenberichte zu lesen. Beschönigen durfte ich nichts. Aber man muss als Autor schon überlegen, wie und wo man Lichtpunkte setzt. Und in den ersten zwei Dritteln des Buches gibt es ja sehr viel ziviles Leben, es wird auch gelacht und geflirtet, es gibt ironische Momente, Tanzstunden, sogar einen Ball, den ich mir nicht eigens für die Leserinnen ausgedacht haben, sondern der tatsächlich stattgefunden hat - wenngleich er eine sehr spezielle Note hatte, wie Sie feststellen werden. 

Auch der Leser kann sich dieser Emotionalität nicht entziehen. Wie haben Sie es geschafft, die Figuren so lebendig werden zu lassen und ihr Leid so lebensnah darzustellen?

Ich habe sehr gründlich recherchiert, auch über die Lebensumstände und Gepflogenheiten, über Sitten und Gebräuche, bin meinen Figuren quasi in die Köpfe gekrochen. Hilfreich war es auch, dass ich mit einer meiner Historiengruppen mehrfach für jeweils ein Wochenende auf eine Art Zeitreise ins Jahr 1813 gehen konnte. Das einmal zu leben, mit authentischer Ausstattung und allen Accessoires, den Umgangsformen und den Biografien sämtlicher dargestellten Personen, war für mich ein guter emotionaler Zugang. Ich habe sogar einige Tänze jener Zeit gelernt. Bei den Biwaks dagegen konnte ich mir viele militärische Details vorführen und erklären lassen, vom Laden eines Steinschlossgewehres, den diversen Uniformteilen bis zu Exerzierübungen. Wenn ich da ganz spezielle Fragen hatte - zum Beispiel die korrekten Befehle für Infanterie oder Kavallerie in den einzelnen Sprachen - stand mir der Verband zuverlässig mit Rat und Tat zu Seite.
Und dann sind natürlich die Augenzeugenberichte sehr wichtig.

Auf beeindruckende Weise stellen Sie in dem Roman das Leid der kleinen Leute dem Machtstreben und dem Zynismus der Mächtigen gegenüber. Verstehen Sie sich als Advokat der einfachen, „normalen“ Leute?

Unbedingt. Ein Buch über die Völkerschlacht bei Leipzig mit Erscheinungsjahr 2013 kann nie und nimmer zum Ruhm von Königen und Kaisern gedacht sein. Die einfachen Leute hatten die Last zu tragen, sie mussten dafür leiden, hungern und sterben.

Im Nachwort betonen Sie, dass der Großteil der Personen, die in Ihrem Roman vorkommen, wirklich gelebt hat. Wie sind Sie auf sie gestoßen?

Manche - wie Napoleon oder Blücher - sind natürlich gesetzt. Einige habe ich gezielt gesucht, wie zum Beispiel den Buchdrucker Gerlach, weil ich den Themenkreis Bücher - Zeitungen - Zensur einbringen wollte, der wichtig für das Verständnis jener Zeit ist. Auf andere stieß ich bei den Recherchen und habe dann sehr tief gegraben, um mehr über sie herauszufinden. Bei manchem hatte ich das Gefühl, der ist vergessen befohlen worden. Aber mein Instinkt sagte mir: weiter suchen, hier steckt eine spannende Geschichte! Und was ich dann fand, hätte niemand dramatischer erfinden können. Es war atemberaubend, was da zum Vorschein kam und wie alles miteinander verknüpft war.

Daneben zeichnen Sie auch eindrucksvolle Porträts der Herrschenden und Mächtigen. Viele historische Figuren erscheinen dabei in einem neuen Licht – von Napoleon über den sächsischen König Friedrich August I. bis zu Graf von Metternich. Worauf basieren Ihre Darstellungen und Charakterisierungen?

Wie gesagt, die Historiker bewerten diese Ära mittlerweile komplett neu. Also war die neueste Forschung das Maß der Dinge; nicht die verklärten Darstellungen, die sich in der Vergangenheit jede Generation so zurechtgebogen hat, wie es gerade passte.
Napoleon und Metternich zum Beispiel musste ich für meinen Roman aus der Gesamtwertung ihres Wirkens herauslösen und nur für das Jahr 1813 betrachten. Und da war Napoleon eben der Usurpator, der für seine Weltherrschaftspläne bedenkenlos zu Tausenden Menschen in den Tod schickte. Metternich hingegen war 1813 derjenige, der auf eine wirklich genial zu nennende Art in vier Stufen Österreich vom Verbündeten Frankreichs auf die Seite der Alliierten navigierte, ohne dass man ihm juristisch etwas vorwerfen konnte. Was er später tat, zählt für den Roman nicht, weil es ja aus dieser Perspektive noch nicht stattgefunden hat; das steht auf einem ganz anderen Blatt. Zum sächsischen König hat mir einer meiner Fachberater, Professor Rudolf Jenak aus Dresden, hunderte Seiten Briefe, geheimer Noten und diplomatischer Protokolle aus dem Sächsischen Hauptstaatsarchiv zugänglich gemacht, die kaum bekannt sind, manche erst seit kurzem übersetzt, und die das herkömmliche Bild vom hilflosen alten sächsischen König komplett umstürzen. Friedrich August von Sachsen beherrschte das Spiel um Macht genau so wie jeder andere Monarch seiner Zeit. Nur dass ihn die Alliierten nach der Schlacht als Kriegsgefangenen verhaften und deportieren würden, konnte er nicht ahnen. Unter Königen hat man sich in der Regel arrangiert. Doch Preußen wollte Sachsen annektieren, deshalb diese drastische Wendung.

Viele Mythen, Lügen und Wahrheiten ranken sich um die sogenannten Befreiungskriege. Wie hat sich Ihr Geschichtsbild im Laufe der Recherchen gewandelt?

Da war für mich auch vieles neu, weil ich zuvor nicht sehr viel über diese Zeit wusste. Doch als ich begann, an den vielen Schichten Tünche zu kratzen, die darüber liegen, war ich fest entschlossen, das wahre Bild zum Vorschein zu bringen, soweit uns das heute möglich ist. Es hätte ja auch weder Reiz noch Sinn, den vielen alten Legenden nun noch eine weitere Variante hinzuzufügen. Es war an der Zeit, einmal damit aufzuräumen und reinen Tisch zu machen. 

„Dies war ein Krieg skrupelloser Herrscher um Macht und Land,“ schreiben Sie im Vorwort. Was den Menschen damals als „Freiheitskrieg“ verkauft wurde, schildern Sie als blutiges Gemetzel, hinter dem ganz andere Interesse standen. Was können wir heute daraus lernen?

Es geht und ging immer um Macht, um Land, um Ressourcen und Geld.

Der Roman ist mit beinahe 1.000 Seiten ihr bisher umfangreichstes Buch. Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Geschrieben habe ich ein Jahr, aber wirklich ohne freien Tag und Urlaub; mit der gedanklichen Auseinandersetzung und dem Sammeln Material begann ich vor drei Jahren. Aber es war ziemlich knapp und ein großer Kraftakt, das Thema in dieser Zeit zu stemmen.

Diesem epochalen Ereignis in Form eines Romans gerecht zu werden, ist ein komplexes Unterfangen. Was war die größte Herausforderung für Sie?

Die Geschehnisse damals wirklich in ihrer ganzen Komplexität zu zeigen und jeder Seite gerecht zu werden. Es gibt hier kein klares Gut und Böse, die Übergänge sind fließend, changieren, Allianzen und Bündnisse wechseln. Der Roman wäre komplett misslungen, wenn die Leser irgendeiner - egal welcher - militärischen Einheit zujubeln, während sie gerade die andere Seite zusammenschießt.
Die meisten Menschen haben für irgendetwas gekämpft, auf beiden Seiten. Sie wussten nur nicht, dass aus ihren Ideen und Idealen nichts werden würde. Und obwohl hier Soldaten Dutzender Nationen auf brutalste Weise gegeneinander kämpften, darf aus der Schilderung heute kein neuer Hass erwachsen.
Ein schönes Symbol der Versöhnung sind für mich die Biwaks, der der Verband Jahrfeier Völkerschlacht  bei Leipzig jedes Jahr im Oktober veranstaltet. Dann sitzen die Nachfahren derjenigen, die vor 200 Jahren aufeinander schossen, friedlich am Lagerfeuer und pflegen Freundschaften.

Mit welcher Stelle oder welchem Aspekt haben Sie besonders gekämpft?

Besonders schwer gefallen ist es mir, mich in das soldatische Leben 1813 hineinzuversetzen. Wie die Männer in ihren bunten Uniformen zum Klang fröhlicher Musik in Reih und Glied marschierten, während Kanonenkugeln links und rechts von ihnen einschlugen und ihre Nebenmänner töteten. Das ist so vollkommen unvorstellbar. Aber letztendlich hat mir ein Militärhistoriker bescheinigt, auch diese Darstellung sei mir gelungen.
Schwierig war es u.a. auch herauszufinden, wie im Detail der Überfall auf die Lützower am 17. Juni 1813 vonstatten ging. Es gibt hier quasi nicht zwei Augenzeugenberichte, die logisch miteinander in Übereinstimmung zu bringen wären. Was uns allerdings auch schon eine Menge verrät.

Gibt es Passagen, die sie besonders gerne mögen?

Ich denke, das Treffen zwischen Napoleon und Metternich im Sommer in Dresden ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Kabinettstückchen geworden. Die - etwas außergewöhnliche - Ballszene habe ich auch mit Genuss geschrieben. Und die atemberaubenden Ereignisse um die Festung Torgau vom Mai 1813. Die Leser werden sicherlich auch den Rittmeister von Colomb sehr mögen. Er hat wie sein historisches Vorbild nicht nur Kompetenz, sondern auch diesen trockenen Humor, der im Originaltagebuch zwischen den Zeilen hervorblitzt. Und dann, so hoffe ich, sind mir einige sehr berührende dramatische Szenen gelungen, wie die letzte Begegnung zwischen Körner und Thielmann und etliches von dem, das Henriette erlebt.

Was bedeutet Ihnen dieses Buch persönlich?

Es war ein großes Wagnis und ist ein großer Sprung vom Mittelalter nach 1813. Das ist schon eine andere Gewichtsklasse - wegen der weltgeschichtlichen Bedeutung des Ereignisses und auch wegen der vielen direkten Verbindungen zum Heute. Ich hoffe, dass mir die Lesergemeinde aus dem Mittelalter in diese Zeit folgt. Und vielleicht wird mancher neuer Leser nun auch verstehen, dass meine früheren Romane nicht einfach nur eine Liebesgeschichte vor mittelalterlicher Kulisse sind.
1813
war ein Wagnis und eine Herausforderung. Aber es liegt mir sehr am Herzen, dass diese Geschichte endlich einmal erzählt wird, frei von Pathos und Heldenverklärung. Mit meinem Buch kann ich auf der Grundlage von Dokumenten Menschen rehabilitieren, die bislang zu Unrecht als Verräter galten, packende Schicksale und Ereignisse dem Vergessen entreißen - wie die Schlacht um Dresden vom August 1813, von der sicher die meisten noch nie gehört haben und die in ihrer Dramatik der Leipziger kaum nachsteht …
Ich hoffe, dass mir die Leser in diese Zeit folgen, um zu erfahren, was damals geschah. Wenn ich sie dazu bewegen kann, dieses Stück unserer deutschen und europäischen Geschichte zu verstehen und darüber nachzudenken, dann haben sich all die Mühe und das Wagnis gelohnt.

Im Nachwort kündigen Sie bereits eine Fortsetzung an. Können Sie uns ein wenig darüber verraten?

Natürlich ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt. Der Einzug der Alliierten am 19. Oktober in Leipzig ist zwar ein Markstein, aber noch lange kein Schlusspunkt. Napoleon ist zwar geschlagen, aber noch nicht aus dem Land getrieben; der Krieg geht also weiter, und das größte Elend steht Leipzig noch bevor. Europa wird neu aufgeteilt, Sachsen gespalten und zur Hälfte von Preußen vereinnahmt. Und auch im Schicksal etlicher meiner Protagonisten gibt es Cliffhanger, für die die Leser hoffentlich Auflösung erwarten. Die Fortsetzung wird quasi eine Minute nach Ende dieses Buches einsetzen und bis zum Wiener Kongress gehen.

Liebe Frau Ebert, vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Ihrem Buch viele begeisterte Leser!

Die Fragen stellte Alexandra Plath für www.droemer-knaur.de im Januar 2013.

Auf der Website von Sabine Ebert finden Sie weitere Informationen sowie einen Bericht aus der Schreibwerkstatt der Autorin.

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