Verlagsgruppe Droemer Knaur



Digital Natives

Einleitung

Oder eigentlich gar nicht so viel Neues?

„Erklärt mir doch mal“ – so fangen viele Sätze in Philipp Riederles Buch an, in dem es einerseits darum geht, die Welt zu erklären, in der die sogenannten Digital Natives leben. Auf der anderen Seite aber eben auch darum, Altbekanntes zu hinterfragen und zu dem Schluss zu kommen, dass früher eben nicht alles besser, sondern vieles einfach anders war. Und dass das in erster Linie die Kommunikationsformen betrifft – und damit einhergehend die kreativen Prozesse.

Noch mehr allerdings ist nach Riederles Auffassung gleich geblieben, etwa was das menschliche Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Nähe und Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, nach sozialen Kontakten und bereichernden Inhalten angeht.

So unterscheidet das Wunderkind der sogenannten Digital Natives klug zwischen Technik, Technologien und deren jeweiligen Anwendern mit ihren Bedürfnissen. Der zunehmenden Internetnutzung etwa stellt er den abnehmenden Fernsehkonsum seiner Generation gegenüber, dem iPhone als neuem Statussymbol das Auto. Das Auto wird aussterben, da immer weniger junge Erwachsene überhaupt einen Führerschein machen, sondern lieber auf Mitfahrgelegenheiten oder Carsharing setzen. Die Gründe dafür schildert Riederle so anschaulich, dass man sich als Leser tatsächlich wundert, warum so viele Menschen so viel Auto fahren.

Philipp Riederle ist noch keine zwanzig Jahre alt – daher kann er über seine Generation aus der Insidersicht schreiben, seine Lebenswelt erklären und der älteren Generation zeigen, dass bei den Digital Natives vieles ganz anders ist, als sie sich das gemeinhin und manchmal viel zu negativ vorstellt. Weil die Unterschiede zwischen dem Aufwachsen in der prädigitalen Welt und dem Heute gar nicht so groß sind und keinesfalls unüberbrückbare Kluften zwischen den Generationen aufwerfen müssen. Philipp Riederle dreht also den Spieß einfach um, und fordert von seiner Elterngeneration Erklärungen, was an der „guten alten Medienwelt“ mit gedruckter Zeitung, Hit-Songlisten im Radio und Festnetz das so Gute sein soll. Oder sogar das Bessere im Vergleich mit den Vorteilen der digitalen Medien, und vor allem dem Abschied vom klassischen Sender-Empfänger-Modell. Das ganze garniert er fundiert mit einem Zitaten- und Anspielungsfundus auf große Philosophen und Theoretiker, von Adorno bis Walter Benjamin und Peter Sloterdijk, und auch durch akkurat recherchierte Verweise auf aktuelle Studien.

Walter Benjamin beispielsweise interpretiert Riederle folgerichtig so, dass der von Benjamin prophezeite Verlust der Aura eines Kunstwerks im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit mittlerweile so endgültig sei, dass eine ganz neue Kultur des „live“-Erlebens entstünde. Zwar verbringen die Kids immens viel Zeit in den sozialen Netzwerken im Internet, aber das wiederum unter anderem deshalb, weil dort ganz neue Musik zu finden und vor allem zu erfahren ist. Wo man diese live erleben kann – und wofür man sich natürlich wiederum via Facebook mit den Freunden verabredet. Ebenfalls äußerst klug lesen sich Riederles Überlegungen zu Reklame, Werbung, Marketing und PR – hier zeigt sich, dass er nicht zu Unrecht der jüngste Unternehmensberater hierzulande ist.

Natürlich führt das auch dazu, dass seine Sicht fast ausschließlich der Sicht derjenigen entspricht, die durch ihren Bildungsweg ohnehin mit der flüssigen („liquid“) Umgebung der sozialen Medien problemlos zurechtkommen werden. Sie kommt vermutlich ihren beruflichen Werdegängen mehr zu Gute als anderen, die mit Sachzwängen kämpfen müssen und sich nicht ganz so frei durch das Netz bewegen können. Ebenfalls schwieriger sieht es bei denen aus, deren Arbeitsleben sich immer noch klar gegen die Freizeit abgrenzt. Hier merkt man, dass es Riederle vor allem darum geht, für eine unvoreingenommene Teilhabe am Geschehen zu plädieren. Eine Teilhabe, die die Social Media erst möglich machen – mit all ihren Vor- und Nachteilen – die natürlich auch in der grenzenlosen Verfügbarkeit von Information und in den Gefahren grenzenloser Ausgesetztheit (Stichwort Cybermobbing) besteht.

Die Kombination aus Menschen und Medien macht es nach Riederle eben aus, wer wie damit umgeht. So analysiert er auch schlüssig das Phänomen Facebook als etwas, das den menschlichen Hunger nach Selbstdarstellung, Achtung und Geltung bedient – und das tatsächlich auf eine vorher nie dagewesene Art und Weise, die den Digital Immigrants tatsächlich ungewöhnlich erscheinen muss. Dass die jüngere Generation damit weniger Probleme hat, erklärt Riederle damit, dass es sich bei Facebook um eine Art liquider Abi-Zeitung, oder einen liquiden Pausenhof handelt, bei dem jeder mal im Zentrum der Aufmerksam steht – wenn auch nur von kleinen Gruppen. Für die ältere Generation aber ist die Abbildung einer Person, bzw. einer ganzen Persönlichkeit in einer irgendwie gearteten publizistischen Öffentlichkeit stets daran geknüpft, dass diese Person eine gewisse Relevanz für die Gesamtgesellschaft haben muss. Und da im Netz theoretisch alles für alle verfügbar ist, muss also in ihren Augen auch alles, was dort zu finden ist, für alle relevant sein. Falsch! So jedenfalls ist Riederles schlüssige Erklärung des Missverständnisses zwischen den Generationen hinsichtlich der Netznutzung und speziell Facebook.

Jeder Bewegung ihre Gegenbewegung scheint das zu sein, was Philipp Riederle mehr oder weniger ausführlich beschreibt – also eigentlich gar nicht so viel Neues in der Welt durch die Neuen Medien, außer den Medien selbst? Ja, so sein Fazit, die Digital Natives sind im Grunde Spießer, die sich zwar überall über alles und jeden informieren können, die am großen Weltgeschehen mit einem Mausklick teilhaben und es sogar selbst mitgestalten können, im tiefsten Inneren aber die große Sehnsucht nach Geborgenheit, nach einem realen Platz, nach dem Häuschen im Grünen mit Gartenzaun haben. Sein These: das ist vielleicht das, was das große Unverständnis ausmacht. Die vernetzte, liquide Umwelt, die sie umgibt, haben sie ja nicht so gemacht, sie haben sie bereits so vorgefunden und machen nun das Beste daraus. Und zwar jeder seiner ganz einzigartigen Persönlichkeit gemäß. Das Stichwort Achtsamkeit ist Riederle in diesem Zusammenhang ebenso wichtig, wie dazulegen, warum wir gar nicht in einer schnelllebigen Welt leben, wie die Generation vor ihm meint. Sein versöhnliches Fazit ist, dass die Welt nur denen schnelllebig und komplex vorkommt, die sie noch nicht so gut kennen wie diejenigen, die sie nie anders kannten, weil sie schon in sie hineingeboren wurden. Schlecht sei sie aber in keinem Fall.

Alexandra Hessler für www.droemer-knaur.de
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