Interview mit Andreas Franz
Spiel der Teufel und der Bezug zur Realität
Interview mit Andreas Franz
„Noch während der Arbeit am Manuskript zu 'Spiel der Teufel' wurden in Deutschland mehrere Verbrechen der Organmafia publik. Manchmal holt die Realität die Fiktion schnell ein.“
Andreas Franz – es heißt, Sie pflegen enge Kontakte zu deutschen Polizeidienststellen. Wie sind Sie an Ihre Informanten gekommen?
Andreas Franz: Ehrlich gesagt – die Informanten sind zu mir gekommen. Kurz nach Veröffentlichung meines Debüts, Jung, blond, tot, wurde ich von Polizeibeamten angeschrieben: Ob ich ein Kollege sei, der den Krimi unter Pseudonym verfasst habe? Ich bin natürlich nie bei der Polizei gewesen, aber irgendwie hatte ich den Fall, das Kommissariat und die Ermittlungen wohl intuitiv sehr realistisch dargestellt. So begann damals alles: Ich wurde auf eine Polizeidienststelle eingeladen, knüpfte erste Kontakte, und hatte irgendwann ein Netzwerk aufgebaut. Ich bekomme heute noch viele Zuschriften von Polizisten, denen meine Bücher gefallen. Manchmal ist es allerdings auch sehr schwierig, etwas zu erfahren – zum Beispiel bei laufenden Ermittlungen. Und bevor Sie jetzt fragen: Nein, ich gebe hier keinen meiner Gewährsmänner preis.
Verständlich. Wieso eigentlich Mord und Totschlag, Herr Franz?
A.F.: Nur so viel – ich bin in Frankfurt am Main aufs Gymnasium gegangen. Gegenüber der Schule befand sich damals das Polizeipräsidium. Ich habe meiner Fantasie freien Lauf gelassen – und irgendwie wusste ich genau, hinter welchen Fenstern sich die Mordkommission verbarg.
Thema Organspende. Da fassen Sie ein heißes Eisen an.
A.F.: Es ist noch viel heißer, als Sie glauben. Es handelt sich um ein relativ junges Phänomen des organisierten Verbrechens, und es nimmt ein wesentlich größeres Ausmaß an, als in den Medien derzeit besprochen. Viele Größen aus Politik und Wirtschaft sind darin verwickelt. Enorm einflussreiche Leute. Man mag bei Organhandel an schmierige Hinterhofgauner in Entwicklungsländern denken – in Wirklichkeit werden die Fäden in der ersten Welt und auf höchster Ebene gezogen. Auch hier in Deutschland. Es gibt Belege, dass eine der Logistikzentralen in Hongkong sitzt. Die Opfer sind wie bei der Zwangsprostitution oft Frauen, denen man falsche Versprechungen über Jobs und Ausbildungsmöglichkeiten hierzulande macht. Viele werden aus Russland zu uns geschleust. Die Ahnungslosen werden in Kliniken für plastische Chirurgie oder in städtische Krankenhäuser gebracht, wo man ihnen die Organe entfernt.
Warum ausgerechnet Russinnen?
A.F.: Das hat gesellschaftliche Hintergründe – Armut, Perspektivlosigkeit, Korruption auf allen Ebenen. Wie in meinem aktuellen Roman thematisiert, geht man davon aus, dass sich mittlerweile ein Drittel bis die Hälfte aller Studentinnen in St. Petersburg prostituiert. Wenige freiwillig, die meisten unter Zwang. Die Polizei weiß darüber Bescheid.
Was da in den Kliniken passiert – das kann doch nur unter Mitwissen von Ärzten und Behörden funktionieren.
A.F.: Wir wissen, dass es skrupellose Mediziner gibt. Aber: Etliche Ärzte werden zu den illegalen Transplantationen auch gezwungen. Das legale Verfahren läuft so: Wenn Patienten bei uns ein Organ benötigen, kommen sie auf eine Warteliste bei Eurotransplant, der offiziellen Vermittlungsstelle für Organspenden in den Niederlanden. Es kann bekanntlich Jahre dauern, bis Kranke eine Spenderniere oder ein Spenderherz bekommen.
Und wer bekommt die illegal entnommenen Organe?
A.F.: Ich weiß von einem Fall, bei dem ein saudischer Multimillionär in Null Komma nichts eine Leber bekommen hat, die eigentlich für einen deutschen Patienten vorgesehen war. Er hat angeblich 800.000 Euro dafür bezahlt. Sieht ganz so aus, als hätte die Justiz diesen Fall gedeckt. Es läuft also so: Wer krank ist und viel Geld hinblättert, kauft sich sein Organ an der Eurotransplant-Liste vorbei. Eine nicht unerhebliche Anzahl wohlhabender Leute hat das schon getan und wird es weiterhin tun.
Wie kam es zur Romanidee von „Spiel der Teufel“?
A.F.: Ich hatte viel über illegale Organspendefälle gehört und gelesen. Als ich bei einem Kontaktmann nachrecherchierte, sagte der mir, dass der illegale Organhandel bei ihnen gerade der Ermittlungsschwerpunkt sei. Hier, sagte der Beamte, bewahrheiteten sich schlimmste Befürchtungen. So erfuhr ich, dass Kiel und Rostock regelrechte „Frischfleischhäfen“ geworden sind – und Umschlagplätze in Richtung Skandinavien. Ich bin über die Brisanz des Themas erschrocken und wusste: Ich liege absolut richtig. Mehr Infos habe ich danach nicht mehr bekommen. Da ich seit Unsichtbare Spuren zufällig ein Ermittlerteam in Kiel sitzen hatte, begann ich sofort mit dem Schreiben. Noch während der Arbeit am Manuskript wurden in Deutschland mehrere Verbrechen der Organmafia publik. Manchmal holt die Realität die Fiktion ganz schön schnell ein.
Vielen Dank für das Gespräch, Andreas Franz.
Das Interview führte Katja Volkmer
Organspende schenkt Leben.
Das Geschäft mit illegalem Organhandel blüht unter anderem deshalb so auf, weil Patienten überall auf der Erde lebensrettende Spenderorgane fehlen. Es mag zynisch klingen, aber Angebot und Nachfrage regeln auch diesen Markt. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat alle wichtigen Informationen über das legale Spenden von Organen zusammengetragen. Helfen Sie Leben retten – und nehmen Sie damit auch kriminellen Organhändlern den Wind aus den Segeln.
http://www.organspende-info.de/
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