Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Interview mit Sabine Ebert zu "Blut und Silber"

27.10.2009
Frau Ebert, wie war die Trennung von Marthe und der Weg hin zu Änne und Sybilla für Sie? Ist es Ihnen schwergefallen, Abstand zu der Hauptfigur Ihrer früheren Bücher zu bekommen?

Gern hätte ich erst die Geschichte von Marthe und ihren Freunden zu Ende erzählt. Schließlich sind mir die Figuren vertraut, und den weiteren Verlauf der Handlung habe ich ja schon im Hinterkopf. Aber dann zog mich die Dramatik der historischen Hintergründe von Blut und Silber rasch in den Bann. Ich stand allerdings dafür vor der Aufgabe, Figuren zu entwickeln, die anders sind als Marthe und ihr Umkreis.

Wie hat sich die innere Freiheit beim Schreiben vom ersten Buch zum heutigen Buch, das auch noch als Hardcover erscheint, entwickelt? Ist der Erwartungsdruck für Sie gestiegen oder können Sie die äußeren Ansprüche von sich fernhalten?

Beim Schreiben des ersten Romans hatte ich die Zweifel, die wahrscheinlich jeder Autor kennt: Werde ich einen Verlag finden? Werden die Leser es mögen? Werde ich es überhaupt fertig bekommen? Zumindest die erste Frage stellt sich ja nun nicht mehr, jedenfalls für die nächsten Jahre, und ich hoffe, dass das so bleibt. Aber der Druck, dass ich jetzt kein völlig unbekannter Autor mehr bin und mit jedem neuen Buch gleich ein Bestseller von mir erwartet wird, ist schon gewaltig. Der Sprung zum Hardcover ist noch einmal eine Hürde. Das hemmt mich beim Schreiben, treibt mich andererseits aber auch voran.

Trotz einer neuen Hauptfigur sind Sie ja der Stadt Freiberg treu geblieben und knüpfen mit Ihren Hauptpersonen auch indirekt ein bisschen an lieb gewonnene Helden aus der Hebammen-Reihe an. War die Arbeit an diesem Buch von der Recherche, vom Einfinden in die Zeit 100 Jahre später ein leichterer oder ein schwierigerer Einstieg für Sie?

Ich musste mit den Recherchen völlig von vorn beginnen. Mehr als einhundert Jahre später ist ja alles anders: die Waffen, die Mode, die Kampftechniken, die historischen Persönlichkeiten, die politischen Hintergründe. Für die Zeit um 1300 ist die Quellenlage deutlich besser, so dass ich mich viel konkreter an den historischen Ereignissen "entlanghangeln" konnte. Allerdings sind die Quellen auch lückenhaft und oft widersprüchlich, so dass es viel Zeit und Überlegungen kostete, das Puzzle mit so vielen fehlenden Teilen zusammenzusetzen. Das Geschehen muss ja irgendwie logisch und nachvollziehbar für den Leser sein.

Was ist Ihr persönlicher Zugang oder Aufhänger gewesen zu sagen: In dieser Zeit schreibe ich weiter?
 
Die Dramatik dieser Geschichte, der wirklichen historischen Ereignisse.

Und wenn Sie schreiben: Tauchen Sie ab in die Zeit Ihrer Romane? Und falls ja, der Wechsel in die Gegenwart – wie funktioniert der für Sie am besten?

Beim Schreiben versenke ich mich ganz in die Zeit und die Psyche meiner Figuren; ich begleite sie Schritt für Schritt. Aber wenn ich dann vom Schreibtisch aufstehe, bin ich sofort wieder in der Gegenwart. 

Änne und Sybilla, die Hauptfiguren aus Blut und Silber und Marthe aus der Hebammen-Reihe – was zeichnet für Sie diese drei Frauen aus und was verbindet sie miteinander?

Sie sind - zumindest zu Beginn der Geschichte - ganz unten in der Gesellschaft und als Frau und durch ihre Berufe in besonderem Maße ausgeliefert. Aber sie lassen sich nicht unterkriegen. Und sie nutzen ihr Wissen und Können, Menschen auch in Situationen zu helfen, wo andere wegschauen oder weglaufen würden. Wenn es hart auf hart kommt, zeigen sie mehr Mut, als man ihnen zutrauen würde.

Und Sie selbst, wo sehen Sie sich – eher eine Änne oder Sybilla? Was haben diese Figuren, was Sie selbst auch haben – oder eben nicht?

Ich denke, man kann sich als moderne Frau nicht ins Mittelalter "transportieren". Vieles, was uns heute selbstverständlich ist - Selbstbestimmung, um es auf den Punkt zu bringen - kommt im Mittelalter einfach nicht vor. 

Gibt es überhaupt Menschen, an die Sie Ihre Romanfiguren anlehnen, historische Personen oder wie inspirieren Sie sich, wie schaffen Sie diese so gut gezeichneten und sehr überzeugend nahen Figuren?

Bei den historischen Persönlichkeiten lasse ich mich davon leiten, was wir über ihr Tun wissen. Charakterbilder in den alten Chroniken würden ja immer durch den Auftraggeber positiv oder negativ überzeichnet. Bei den erdachten Figuren überlege ich, wie jemand von bestimmter Herkunft und mit bestimmten Charaktereigenschaften im Kontext seiner Zeit handeln würde.

Und wenn Sie die Männer vor Ihrem inneren Auge Revue passieren lassen, wer wäre Ihre Wahl – Christian, Markus …

Und Lukas nicht zu vergessen! Muss man sie nicht alle drei lieben?

Wie hat sich Ihr Leben nun verändert, seitdem Marthe und jetzt Änne und Sybilla in Ihr Leben getreten sind – ist die Mittelalter-Szene ein Teil Ihrer inneren Heimat geworden?

Mein Leben hat sich völlig verändert - und in anderer Hinsicht auch wieder nicht. Jetzt gebe ich Interviews, statt als Journalistin welche zu führen, und stehe zumindest in Sachsen ziemlich in der Öffentlichkeit, was schon irgendwie anstrengend ist. Andererseits lebe ich immer noch in der selben gemütlichen Dachwohnung wie früher, und mein Freundeskreis ist auch geblieben. Ein paar neue Freunde sind hinzugekommen - aus der Mittelalterszene. Mit der bin ich übrigens erst durch Fanpost in Verbindung gekommen, nachdem das erste Buch erschienen war, und wir haben uns auf Anhieb verstanden. So ein Mittelalter-Wochenende bei einer Burgbelagerung ist nicht nur eine gute Gelegenheit zum Fachsimpeln, sondern lässt mich auch wunderbar entspannen. Lehrreich und inspirierend.
 
Und zu guter Letzt: verraten Sie uns Ihre Rituale beim Schreiben dieses Buches? Gibt es Musik, die Sie hören, besondere Stifte oder Papier, Gummibärchen …

Ich brauche Stille, Zurückgezogenheit, ein paar Blumen und eine brennende Kerze auf dem Tisch.

Die Autorin

Sabine Ebert

Portrait von Sabine Ebert

Sabine Ebert wurde in Aschersleben geboren, ist in Berlin aufgewachsen und studierte in Rostock Lateinamerika- und Sprachwissenschaften. In ihrer langjährigen Wahlheimat Freiberg arbeitete sie als Journalistin und verfasste mehrere Sachbücher.

zur Autorin

Das Buch

Blut und Silber

Friedrich Ani – Süden

Deutschland 1296: König Adolf von Nassau setzt eine gewaltige Streitmacht gegen Freiberg in Bewegung, um die reiche Silberstadt in ...

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