"Vivat Regina!"
Tanja Kinkel über Elisabeth I. und ihre Faszination für diese ganz besondere Frau
Vivat Regina - Tanja Kinkel über ihre Faszination für Elisabeth I.
I.
„Sie war mehr als ein Mann, und weniger als eine Frau.“
„Sie hat einen Geist voller Bezauberungen.“
„Was für ein Jammer, daß Elisabeth und ich nicht heiraten können – unsere Kinder würden die Welt beherrschen!“
Soweit drei ihrer Zeitgenossen über Elisabeth I. von England. Es handelt sich bei den Sprechern um Robert Cecil, der seinem Vater als ihr wichtigster Minister nachfolgte und sie als alte Frau erlebte, und Simon Renard, der unter Maria Tudor spanischer Botschafter in England war und die junge Elisabeth mit dieser Aussage charakterisierte – in dem gleichen Brief, in dem er seine Überzeugung zum Ausdruck brachte, ihre Schwester solle sie hinrichten lassen, und den Papst Sixtus, der sie zwar wie seine Vorgänger exkommunizierte, aber auch unverhohlen bewunderte. Dergleichen Bewertungen regten schon meine Phantasie an, als ich noch ein Teenager war. Gerade die kritisch gemeinte erste Bemerkung des jüngeren Cecil, die von einer Menge männlicher Biographen aufgegriffen wurde, fügte der Faszination auch Parteinahme und Groll hinzu. Was sollte das heißen, „weniger als eine Frau“? Weil Elisabeth nie heiratete? Weil ihre über vierzig Jahre währende Herrschaft „unweiblich“ war, im Gegensatz zur katastrophalen und kurzen Regierungszeit ihrer Cousine Maria Stuart etwa? Weil sie keine Kinder zur Welt brachte und in jeder Beziehung, die sie mit einem Mann hatte, der dominierende Partner war? Bah, dachte ich, und fühlte mich zur Parteigängerin werden.
II.
Vor ein paar Jahren erst wurde bei einer Ausstellung über Elisabeth anlässlich ihres 400. Todestages in Greenwich erstmals ein Ring gezeigt, den sie ihr Leben lang trug. Er birgt ein Portrait von Anne Boleyn, ihrer hingerichteten Mutter, dem sie später ein eigenes Porträt hinzufügte: Mutter und Tochter zusammen auf eine Weise, wie es ihnen das Leben und Elisabeths Vater unmöglich gemacht hatte.
Elisabeth sprach nie öffentlich über ihre Mutter. Sie war noch nicht ganz drei Jahre alt, als Anne Boleyn hingerichtet wurde. Wie sie an das Miniaturporträt von Anne kam, weiß man nicht; möglicherweise durch ihre Gouvernante Kat Ashley, die entfernt mit den Boleyns verwandt war. Für eine so beredte Frau, die kein Problem hatte, polnische Botschafter spontan auf Latein in die Schranken zu weisen, und die einige der berühmtesten Reden englischer Sprache hielt, ist das strikte Schweigen über Anne ausdrucksvoller, als es eine Stellungnahme je sein könnte. Was sollte sie sagen? Wenn Anne unschuldig hingerichtet worden war, dann war Elisabeths Vater, Heinrich VIII., ein Mörder. Wenn Anne schuldig gewesen war, dann war Elisabeths Mutter eine mehrfache Ehebrecherin und außerdem des Inzests und der Hexerei schuldig. In dem einen wie dem anderen Fall war ihre Mutter auf Befehl ihres Vaters gestorben. In dem einen wie dem anderen Fall wäre das nie geschehen, wenn Elisabeth ein Sohn gewesen wäre. Es war Elisabeths Geburt, die den Anfang vom Ende für Anne Boleyn einläutete. Nach sechs Jahren des Wartens, nach dem Bruch mit Rom und einer Ehe, die vom Volk offen übel genommen wurde, nach toten Freunden und einem Königreich im Dauerunruhezustand nur ein weiteres Mädchen statt des Sohnes, den Anne versprochen hatte? So war auch Elisabeth verantwortlich für den Tod ihrer Mutter.
Als sie acht Jahre alt war, heiratete Heinrich VIII. zum fünften Mal, und zwar Annes Cousine Katherine Howard, die selbst kaum älter als Elisabeths Halbschwester Maria war. Katherine Howard teilte Annes Schicksal. Jahre später sagte Robert Dudley zu dem venezianischen Botschafter, er kenne die Königin, seit sie acht Jahre alt war. Damals hätte sie bereits erklärt, sie würde niemals heiraten, und ihre Meinung seither nicht mehr geändert. Der Botschafter glaubte ihm kein Wort. Erst im 20. Jahrhundert machten sich Biographen die Mühe, nachzurechnen, was eigentlich in jenem neunten Lebensjahr geschehen war.
Ich fand und finde komplexe oder gestörte Familienverhältnisse als Erzählstoff faszinierend. Das Mädchen, das ihre Lektion über die Tödlichkeit der Ehe so gründlich lernte und ein Leben lang die Tragödie ihrer Eltern mit sich trug, ohne je darüber sprechen zu können, ließ mich nicht mehr los.
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