Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Im Schatten der Literatur

Karin Alvtegen, die Großnichte von Astrid Lindgren, hat sich auf psychologische Kriegsführung spezialisiert.

Zwischenmenschliche Grabenkriege in Skandinavien: Mit ihren eindringlichen Psychogrammen hat sich die schwedische Schriftstellerin Karin Alvtegen an die Spitze der Bestsellerlisten geschrieben. Anders als ihre Großtante Astrid Lindgren widmet sich die Stockholmerin der dunklen, der abgründigen Seite der menschlichen Seele. Scham, Schuld, Seitensprünge: Wie eine Chirurgin seziert Karin Alvtegen Unzulänglichkeiten, Einsamkeiten und Nöte ihrer Figuren. Ihr Kriminalroman „Schatten“ erscheint nun im Taschenbuch.

Die Ragnerfeldts sind eine schrecklich nette Familie. Da wäre, allen voran, Axel Ragnerfeldt, Literaturnobelpreisträger und tadelloser Ehrenbürger Stockholms, der ein bitteres Schicksal erleidet: Nach einem Schlaganfall ist er eingesperrt in einem bewegungsunfähigen Körper, doch sein Geist funktioniert unbarmherzig weiter. Was umso belastender ist, als ihn ein Familiengeheimnis quält, das plötzlich neue Brisanz bekommt: Als seine frühere Haushälterin Gerda Persson stirbt, macht Axels Sohn, Jan-Erik, nämlich eine ungeheure Entdeckung. Auf der Suche nach einem Foto der Verstorbenen stößt er auf alte Schriftstücke, die sein Weltbild ins Wanken bringen. 

Überhaupt, Jan-Erik Ragnerfeldt, der schwer an der Last der väterlichen Genialität schleppt – eine starke Figur. Er versucht, das literarische Meisterwerk seines Vaters zu Markte zu tragen und hält Vorträge über Axel. Richtig, das riecht förmlich nach Komplexen. Und so erkauft sich Jan-Erik die gelegentliche Leichtigkeit mit Alkoholsucht und notorischer Fremdgeherei. Die Gattinnen im schwedischen Literaturimperium von Mann'schen Ausmaßen sind auch nicht unbedingt Happygoluckys. Die Nobelpreisträgergattin Alice und ihre Schwiegertochter Louise ersticken förmlich an den wenigen Krümeln, die ihnen ihre erfolgreichen Männer übrig gelassen haben. Selbst Schuld?
 
„Bevor ich 'Skuld' (Schuld) schrieb, hatte ich kein einziges Wort geschrieben. Hatte noch nicht einmal darüber nachgedacht, Schriftsteller zu werden.“(Karin Alvtegen)

Karin Alvtegen legt kunstvoll Schicht für Schicht der familiären Verkrustungen frei und hält den literarischen Scheinwerfer dort drauf, wo's richtig weh tut: trinkende Eheleute, einsame Kinder, gebrochene Egos, ungestillte Sehnsüchte. Und über all den zwischenmenschlichen Grabenkriegen liegt der Schatten des großen Schriftstellers, der am Ende seines Lebens um die blütenweiße Weste bangt. Hätte er die Papiere bloß gleich verbrannt! Damals, nach der Sache mit Halina. Nicht auszudenken, wenn sie jemand fände. Und so hofft das in sich selbst eingesperrte Genie inständig, dass niemand den Müllsack beachtet, den er kurz vor seinem Hirnschlag in der Kammer abstellte. Schließlich hängt sein ganzes schriftstellerisches Renommee davon ab. Doch zuletzt stirbt nicht nur die Hoffnung ...
 
„Meine eigene Trauer hat mir beigebracht, dass der Tod uns an das Leben erinnert. Dass es die kleinen Augenblicke im Leben sind, die wir wertschätzen sollten. Denn keiner weiß, was als nächstes geschieht.“ (Karin Alvtegen)

Karin Alvtegen stürzt so Manchen ins Verderben. Ob es sich um ein in den Grundfesten erschüttertes Findelkind handelt, um einen Mörder im Affekt oder um jemanden, der einen Pakt mit dem Teufel schließt. Eines der wichtigsten Motive in „Schatten“ ist die Schuld, die die Alten auf sich laden – und die in ihren Kindern weiter lebt. Und doch: Es gibt hoffnungsvolle Momente, hier einen Sonnenstrahl, da ein plötzliches Auftauchen des Guten, des Gestärkten, des Glaubens. Derjenige Leser, der keine Angst davor hat, dem zutiefst Menschlichen ins Auge zu blicken, wird von Karin Alvtegens Romanen berührt – und mit Erkenntnissen belohnt, die die die Lektüre überdauern. 

Und – nicht zuletzt – belohnt mit sprachlich schönen Passagen wie dieser, die die Gedanken der relativ optimistischen (!) Nachlasspflegerin Marianne Folkesson wiedergeben: Der Tod war schon lange nichts mehr, was sie erschreckte. Nach zwanzig Jahren in diesem Beruf hatte sie eingesehen, dass er zum Leben dazugehörte. Sie suchte nicht mehr nach dem Sinn des Lebens, was allerdings nicht hieß, dass sie glaubte, ihn gefunden zu haben. Wenn das Universum sich die Mühe machte, zu existieren, musste es auch einen Grund dafür geben. Damit gab sie sich zufrieden, sie fand ihre Ruhe darin, auf das Mysterium zu vertrauen. Das Leben. Ein winziger Punkt zwischen zwei Ewigkeiten.

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