Interview mit Ernst Ulrich von Weizsäcker
Herr von Weizsäcker, fast 15 Jahre nach der Veröffentlichung Ihres Bestsellers Faktor Vier erscheint nun Faktor Fünf. Erläutern Sie uns bitte die Grundzüge Ihres neuen Konzepts.Das neue Buch ist ehrgeiziger: Wir sollten fünfmal statt viermal besser werden im Umgang mit Energie, Wasser und Rohstoffen. Die erneuerbaren Energien erhalten den ihnen gebührenden Platz. Die neuen Koautoren aus Australien, Karlson Hargroves und Michael Smith, behandeln ganze Sektoren – statt Einzelbeispielen isolierter Vorzeigetechnologien. Auch schwierige Sektoren wie die Stahlindustrie oder das Restaurantgewerbe sind vertreten. Und wir nehmen den »Bumerang-Effekt« endlich ernst: In der Vergangenheit wurden fast alle Effizienzgewinne durch zusätzlichen Konsum wieder aufgefressen. Selbst in den reichsten Ländern, wo man von einer gewissen Konsumsättigung hätte ausgehen können. Für die Umwelt blieb dabei nichts übrig. Dem Bumerang begegnen wir mit sanft ansteigenden Energiepreisen.
Sie verbinden erfolgversprechende Maßnahmen zur Ressourcenschonung mit der Aussicht auf mehr Wohlstand für alle. Das wird einige Leser sicher befremden. Eine umweltschonende Wirtschaftspolitik lässt einen an Einschränkungen denken. Effektive Umweltschutztechnologie ist zudem mit hohen Kosten verbunden. Wie lässt sich da mehr Wohlstand erzielen?
Bei der alten Schadstoff-Umweltpolitik war das auch so: Hängen wir an ein Kraftwerk eine sehr teure Rauchgasentschwefelung hinten dran, die nur Geld kostet und keinen Strom liefert, dann wird alles teurer. Bei Faktor Fünf ist es umgekehrt: Wir brauchen nur noch ein Fünftel des Stroms, um angenehmes Licht zu bekommen – oder ein Fünftel der Heizung, um es schön warm zu haben. Gewiss gibt’s auch hier anfänglich Zusatzkosten, aber auf Dauer wird das Land reicher.
In welchen Bereichen der umweltgerechten technologischen Entwicklung sehen Sie derzeit die deutlichsten Fortschritte? Und auf welchen Gebieten gibt es aus jetziger Sicht den größten Forschungsbedarf?
Gebäude können sehr viel effizienter werden. Zementherstellung, Wärmedämmung, Wärmerückgewinnung, Nutzung der Solarenergie und Umstieg auf Energiesparbeleuchtung: Das sind nur einige Faktoren, wie sich Häuser umweltgerechter bauen lassen. Auch der Verkehr lässt sich effizienter gestalten. Nicht nur das Auto, auch die Schnittstellen zwischen Massen- und Individualverkehr lassen sich umweltfreundlicher regeln, selbst die Siedlungsstruktur. Klimafreundlicher und gesünder kann auch die Ernährung werden.
Forschung brauchen wir unter anderem bei Werkstoffen, Kommunikation, Solarenergie oder Bequemlichkeitsforschung. Vor allem aber benötigen wir Systemforschung. Wir müssen mehr erfahren über die Energieintensität des Systems Stadt, des Systems Bundesland Thüringen, des Systems Fischerei und des Systems Metallrückgewinnung.
Der amerikanische Psychologe Daniel Goleman (Autor des Buches Ökologische Intelligenz) ist davon überzeugt, dass wir als Verbraucher die Wirtschaft mittelfristig zwingen können, umweltgerechte Produkte zu erzeugen. Wie kann man aus Ihrer Sicht Konzernmanager davon überzeugen, den Profitgedanken hintanzustellen und in umweltschonende Zukunftstechnologie zu investieren?
Amerikaner denken gern vom Verbraucher her. Nichts dagegen. Aber der amerikanische Normalverbraucher ist meilenweit davon entfernt, die Wirtschaft auf den Ökopfad zu bringen. Öko ist in Amerika bislang Nischenangelegenheit. Das alles entscheidende Signal ist der Preis. In Japan und Deutschland ist Energie relativ teuer, also sind unsere Verkehrsstrukturen im Vergleich zu Amerika viel effizienter. Wenn die Politik unserem Ratschlag folgt und eine langfristige, sanfte Anhebung von Energie- und Wasserpreisen durchsetzt, dann werden Verbraucher und Hersteller permanent auf mehr Effizienz setzen. Selbst wenn ein Land das im Alleingang macht, wird es die Verluste im Bereich energieintensiver Produktion durch Modernisierungsgewinne und geringere Ölabhängigkeit weit überkompensieren.
In Europa und den USA sind deutliche technologische Fortschritte beim Umweltschutz erkennbar. In weniger stark industrialisierten Ländern wie Indien und China sieht das leider anders aus. Mit welchen Argumenten würden sich die Schwellenländer am ehesten überzeugen lassen, ihre Wirtschaft schrittweise ökologisch auszurichten?
China macht seit einigen Jahren eine interessante Wende durch: Umweltschutz ist Chefsache geworden. Energieeffizienz kommt in fast jeder Rede von Ministerpräsident Wen Jiabao vor. Die Energiepreise wurden deutlich angehoben. Peking hat den Wasserpreis erhöht, um die Verbraucher auf den Effizienzpfad zu schicken. Aber China baut seine Infrastruktur noch gewaltig aus, und dieser Aufbau ist energieintensiv. Und die neue Effizienzorientierung ist in den Westprovinzen und der Schwerindustrie noch nicht recht angekommen. Indien kämpft mit recht verzweifelten Infrastrukturschwächen, aber auch hier ändert sich das Denken – eher von oben nach unten. Das mit Abstand beste Argument wäre ein weltweites Abkommen, nach welchem jeder Mensch auf der Erde ein gleichgroßes Recht zur Belastung der Atmosphäre mit CO2 hat. Dann würden die Inder uns Deutschen viele solcher Lizenzen verkaufen und merken, dass gesteigerte Energieeffizienz sie reicher macht.
Zum Schluss ein Ausblick: Wie sieht Ihr Szenario für die nächsten 20, 30 Jahre aus? Schauen Sie optimistisch in die Zukunft?
Die Umstellung im Denken, weg von der Dinosaurier-Mentalität der billigen Energie, hin zur Eleganz der nachhaltigen Weltkultur ist noch nicht weit vorangeschritten. Ich fürchte, es wird noch einiger Katastrophen à la Katrina bedürfen, bis das Umdenken in großer Breite passiert. Faktor Fünf ist ein optimistischer Beitrag zur Umstellung im Denken.
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