Interview mit John Katzenbach
Sie widmen Ihren packenden Psychothriller einem gewissen „Ray“. Können Sie etwas über Ray sagen?Ray ist mein verstorbener Schwager. Er war der ältere Bruder meiner Frau und litt fast sein ganzes Leben lang unter psychischen Problemen: Er hörte Stimmen und war schizophren. Trotzdem schien er nicht selten auch Gefallen an seinem Zustand zu finden. Wenn es ihm gelang, seine Dämonen mit Medikamenten in Schach zu halten, war er ein witziger, nachdenklicher und intelligenter Gesprächspartner. Einmal sagte er mir, er wünschte sich, er könnte der Held in seiner eigenen Geschichte sein. Dieser Satz lässt mich seither nicht mehr los. Er wurde zur Initialzündung für „Die Anstalt“. Leider starb Ray, bevor dieses Buch erschien. Aber ich glaube, meine Porträts von Geisteskranken hätten ihm gefallen.
Francis Petrel, der geisteskranke Ich-Erzähler und Protagonist in „Die Anstalt“, bezeichnet Lachse als „psychotische Fische“ ...
Ein witziges Bild zum Einstieg. Nein, ich habe nichts gegen Lachse. Allerdings fische ich in meiner Freizeit oft Forellen und verschiedene Salzwasserfische in den Florida Keys oder auf Cape Cod.
Francis, der wegen seines Nachnamens Seevogel, also C-Bird genannt wird, befindet sich im Grenzbereich zur Welt der Normalen. Er weiß, dass die Wahrheit eine unsichere Angelegenheit ist, weshalb die Leser stets auf der Hut sein müssen. Francis sagt: „Schriftsteller verherrlichen den Wahnsinn als etwas Befreiendes, wo doch das Gegenteil der Fall ist.“ Wie nahe sind Sie Ihrem Helden?
Als ich die letzten Seiten schrieb, waren wir uns wirklich sehr nah. Als Autor müssen Sie eine Art Verwandtschaft zu Ihren Figuren spüren - eine ähnliche DNA vielleicht. Das gilt auch für die Bösen. Nur wenn Sie alle Charaktere leidenschaftlich durch Licht und Schatten führen, schafft das Spannung. Die Leser fühlen sich dann als Teil der einzelnen Entwicklungsprozesse.
Sehen Sie Parallelen zwischen der Schriftstellerei und dem Wahnsinn?
Manchmal, ja. Das Abenteuer, einen Roman zu schreiben, das Abtauchen in einen Plot, das Sich-Hineinversetzen in die Figuren kann tagsüber das Leben beherrschen und nachts die Träume. Manchmal scheint mir das Leben als Schriftsteller dem eines Irren ähnlich. Viele Freunde halten mich deshalb für verrückt. Allerdings wäre ich mir da nicht so sicher. Vielleicht haben diese Freunde selbst manchmal ihre Zweifel an dem, was sie tun: Jeden Tag früh aufstehen, um in ein Büro zu gehen und für eine Firma zu arbeiten, die sich im Ernstfall nicht um ihre Mitarbeiter kümmert. Das Schreiben kann eben auch eine wundervolle Reise sein, nicht selten eine schwierige, die aber alle guten Schriftsteller lieben gelernt haben.
Kurz nach seiner Einlieferung in das Western State Hospital bemerkt Francis die große Lüge vieler Nervenheilanstalten. Niemand will den Geisteskranken wirklich helfen, damit sie bald wieder nach Hause gehen können. Wie konnten Sie die Qualen der dort Eingesperrten so eindrücklich schildern?
Vor zwanzig Jahren, bevor viele der großen staatlichen Anstalten in den USA geschlossen wurden, hatte ich mehrfach Gelegenheit, sie von innen kennenzulernen. Ich besuchte nicht nur meinen Schwager im alten Northampton State Hospital in Massachusetts, dem Vorbild für mein Western State Hospital im Roman, sondern recherchierte auch als Journalist in New Jersey und Florida. Das waren deprimierende, traurige und Angst einflößende Anstalten, keine Kliniken, eher Gefängnisse. Inzwischen hat sich vieles gebessert, was auch in meinem Roman deutlich wird. Bei den Behandlungsformen und im Bereich der pharmazeutischen Forschung hat man große Fortschritte gemacht.
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