Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Interview mit Justyna Polanska

10.02.2011
Liebe Frau Polanska, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre täglichen Erfahrungen in einem Buch zu verarbeiten?

Was ich teilweise bei meinen Kunden erlebe, musste ja endlich irgendwie raus. Ich hätte mir Vieles davon vorher nicht im Traum gedacht. Das meiste ist einfach nur skurril oder zum Lachen. Aber manchmal belasten mich die Dinge auch, die ich hinter der „ach so sauberen“ Fassade sehe und erlebe. Das Buch hat auch einen psychologischen Effekt: Es hat mir geholfen, solche Erlebnisse zu verarbeiten.

Verraten Sie Ihren Kunden, dass Sie ein Buch geschrieben haben? Wenn ja, wie haben sie darauf reagiert?

[lacht] Nur den guten! Alle Geschichten sind ja mit geänderten Namen im Buch. Es wäre einfach zu krass gewesen, die Leute dermaßen zu outen – es haben ja einige durchaus etwas zu verbergen. Die Reaktionen sind immer gut gewesen. Die netten Kunden warten schon darauf und freuen sich für mich. Den anderen habe ich es gar nicht erzählt. Das wird sicher für den einen oder anderen eine böse Überraschung geben. Aber ganz ehrlich, die Wahrheit muss einfach mal raus.

Tauschen Sie sich mit Kolleginnen aus? Machen die ähnliche Erfahrungen wie Sie?

Absolut. Ich bin da gar kein Einzelfall. Allerdings frage ich mich schon ab und zu, ob ich die Perversen und Durchgeknallten nicht anziehe. Da hilft es dann, von anderen zu hören, dass es bei ihnen ähnlich aussieht. Allerdings heißt das leider auch, dass das, was Sie von mir lesen, nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs ist …

Wie ist das, immer wieder in fremde Wohnungen zu kommen?
Interessant. Ich liebe meinen Job ja auch deswegen, weil ich immer wieder neue Leute kennenlerne. Dass da auch manchmal Idioten dabei sind, ist ja normal. Die Mehrzahl der Leute ist aber echt nett und eine Bereicherung für mich. Das Privatleben der Leute interessiert mich eigentlich gar nicht so sehr. Da soll jeder so leben, wie es ihm passt. Was mich ärgert, ist die Doppelmoral. Menschen, die nach außen so tun als wäre alles perfekt und auf ihre Putzfrau oder andere Dienstleister herabblicken, als wären sie Menschen zweiter Klasse.

Können Sie anhand bestimmter Merkmale der Wohnung auf die Persönlichkeit des Bewohners schließen? Wenn ja, welche Merkmale sind das?

Ich bin keine Psychologin, aber ich finde schon, dass man Rückschlüsse ziehen kann. Eine Kundin z. B., die immer alles ungeordnet in Schubladen schmeißt und dann die Schranktür zumacht, damit es ordentlich aussieht, ist auch sonst im Leben eher chaotisch, sieht aber immer sehr gepflegt aus. Oder ein Kunde, der extrem sauer wird, wenn nach dem Putzen die Duschgelflasche anders herum in der Dusche steht, ist auch sonst recht zwanghaft – seine Freundinnen verlassen ihn immer nach ein paar Wochen, weil er nicht spontan sein kann. Die innere Ordnung geht halt mit der äußeren einher…

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Arbeitgeber Ihnen gegenüber manchmal peinlich berührt sind bei dem Gedanken, was Sie alles aus deren Privatleben mitbekommen?

Ja, sicher. Am Anfang. Aber dann bekommen sie sehr schnell mit, dass es mich nicht interessiert, mit wem sie Affären haben, wie viel sie verdienen oder wie ihre schmutzige Wäsche aussieht. Ich bin sehr schweigsam. Von mir bekommt niemand irgendwelche Geheimnisse verraten. Die Leute können sich im Buch selbst wiedererkennen. Andere allerdings nicht.

Sie machen in Ihrem Beruf sehr viele unterschiedliche Erfahrungen. Was ziehen Sie für sich persönlich daraus?

Natürlich geht es beim Putzen in erster Linie darum, Geld zu verdienen. Es ist kein Kindheitstraum von mir. Aber man kann dem durchaus positive Aspekte abgewinnen: Es entlastet beispielsweise sehr zu wissen, dass auch Promis, Millionäre, Politiker, Kirchenfürsten oder Top-Manager mehr Probleme haben, als sie nach außen hin vermuten lassen. Ich habe zwar nicht so viel Geld und keinen Status, aber mir geht es oft viel besser als ihnen. Ich sehe, wie es Menschen wirklich geht, wie sie wirklich sind. Und ich hatte durch meinen Job auch oft die Chance, meine Vorurteile – z. B. über Deutsche, Prostituierte und Schwule – zu berichtigen. Weil ich sie wirklich kennengelernt habe. Dafür bin ich dankbar. Es macht mich reich.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Die Leser des Buches wissen: Meine große Liebe habe ich ja schon geheiratet. Da bin ich angekommen. Beruflich würde ich gerne eine Ausbildung zur Visagistin machen. Aber gute Institute sind teuer und dafür muss ich noch ein paar Jahre putzen gehen. Vielleicht wird aber auch das Buch ein Bestseller. Dann geht es ein bisschen schneller …


Die Autorin

Justyna Polanska

Portrait von Justyna Polanska

Justyna Polanska ist 32 Jahre alt und stammt aus Polen. Um Geld für eine Ausbildung zur Visagistin zu verdienen, ging sie nach Deutschland und arbeitet seitdem als Putzfrau.

zur Autorin

Das Buch

Nicht ganz sauber

Friedrich Ani – Süden

zum Buch
↑ nach oben