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Interview mit Monica Ali

Hotel Imperial: Ein Buch über Glaube, Liebe, Hoffnung und Vanillesoße!

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"Die Figuren beginnen irgendwann in meinem Kopf zu flüstern. Wenn die Stimmen laut genug sind, ist es Zeit zu schreiben."

Hotel Imperial stößt Ihre Leser mitten hinein in die Küche eines Großstadthotels – in eine verschwitzte, zügellose Küche, in der es zugeht wie auf einem Piratenschiff. Haben Sie eigene Erfahrungen in einer Großküche gesammelt, um diese Szenen zum Leben zu erwecken?

Ich habe ein Jahr lang für den Roman recherchiert, hatte bereits Jahre zuvor darüber nachgedacht und mich ins Thema eingelesen. Ich recherchierte auch im Norden Englands, wo Teile des Romans spielen. Aber die meiste Zeit verbrachte ich in London, wo ich mich in Restaurantküchen herumtrieb und in fünf großen Hotels Eindrücke sammelte – immer im Bewusstsein, sie später nicht zu benennen. Ich konnte mir einen guten Einblick verschaffen. Als ich einmal die Welt der Hotellerie betreten hatte, wusste ich: Der Hauptschauplatz des Romans würde ein Hotel sein. Hotels sind die Mikrokosmen der Gesellschaft. Hier kriegst du alles: von der Penthouse-Suite bis zum Portier im Keller. Mich hat's aber besonders in die Küchen gezogen. Hier findet man sämtliche Nationalitäten, und das ist ein reicher Quell für Geschichten. 

Was inspirierte Sie dazu, über das Leben eines Chefkochs zu schreiben?

In Großbritannien sind wir völlig besessen von Chefkochs. Und obwohl wir Leute wie Gordon Ramsay im Fernsehen schimpfen und schwatzen hören, hatte ich immer das Gefühl, wir bekämen wir nur eine geschönte, keimfreie Version der Wirklichkeit serviert. Ich wollte mal hinter die Kulissen sehen, nachschauen, wie es wirklich zugeht. Wollte nachhaken, was sich hinter dieser ganzen „Food-porn“-Kultur verbirgt. Küchen, in denen unter Hochdampf geschuftet wird, sind großartige Bühnen für dramatische Konflikte. 

Gabriel wird im Roman mehrfach mit einem Engel verglichen. Lena merkt an, dass sein Name engelsgleich ist, und Jenny zieht ihn damit auf, dass ihm bald Engelsflügelchen wachsen. Ist Gabe ein gefallener Engel?

Gabe ringt ganz schön mit sich selbst, und kämpft – wie wir alle gelegentlich – darum, zu verstehen, warum er sich so verhält wie er es gerade tut. Durchaus gegen besseres Wissen und Gewissen. Obwohl er in vielerlei Hinsicht scheitert (und fällt) macht er eine wichtige emotionale Reise im Laufe des Romans. Zu Beginn mangelt es ihm an Glauben an irgendwas, irgendwen. Aber obwohl er an die Grenzen der Verzweiflung gestoßen wird, bleibt ihm doch ein Funken Hoffnung. Weil er Verantwortung übernimmt und sich für die Menschen in seinem Umfeld engagiert. Er ist gezwungen, zu verstehen, was wirklich wichtig ist. Und so merkt er, was Liebe, insbesondere im familiären Zusammenhang, tatsächlich bedeutet. 

Wie entwickeln Sie Ihre Hauptfiguren und über welche Figuren in Hotel Imperial haben Sie besonders gern geschrieben?

In Bezug auf Gabriel wollte ich über einen Mann schreiben, der ziellos in einer modernen, großstädtischen, multikulturellen Gesellschaft treibt. Anfangs meint er noch, sein Umfeld ganz leicht steuern zu können. Er denkt, dass es keine schlimme Sache ist, keiner richtigen Gemeinschaft zuzugehören, nur sehr lose Familienbande und keine verlässlichen Arbeitsbedingungen zu haben – und nur begrenzte Vorstellungen von den Alternativen im Leben. Als der Druck zu groß wird, hinterfragt er alles in seinem Leben, auch das, was er sich und den anderen vorgemacht hat. 

Die Figuren beginnen irgendwann in meinem Kopf zu flüstern. Wenn die Stimmen laut genug sind, ist es Zeit zu schreiben. Bei Hotel Imperial habe ich die Bandbreite der Charaktere genossen: vom aalglatten Restaurantmanager Gleeson bis zum mobbenden General Manager Maddox. Über Gabes Souschef Oona zu schreiben war lustig, weil die Misskommunikation zwischen beiden eine Menge Raum für Komik bot. Hotel Imperial ist ein Buch über Glaube, Liebe, Hoffnung und Vanillesoße.

In diesem Roman beleuchten Sie eine Reihe sozialer Themen inklusive Migrationserfahrungen. Sind solche Probleme die treibende Kraft hinter Ihrer schriftstellerischen Arbeit?

Nein, das denke ich nicht. Die treibende Kraft sind immer die Figuren. Ich möchte eine gute Geschichte erzählen und meinen Lesern eine unterhaltsame Lektüre bieten. Obwohl ich glaube, dass das Buch ein paar taffe Fragen über unsere moderne Existenz und Gesellschaft aufwirft – alte Werte versus neue Freiheiten zum Beispiel – sind die Romane, die ich liebe, solche, die ein Licht im Dunklen finden. Und Tragikomödien. Und natürlich schreibe ich Bücher, die ich selbst gern lesen möchte!

Ihr Debütroman Brick Lane kommt bald als Film in die Kinos. Wie war der Entstehungsprozess für Sie?

Ich habe entschieden, mich nicht in die Verfilmung einzumischen. Mein Gefühl war: Entweder ich schreibe das Drehbuch selbst, oder ich räume das Feld. Weil ich bereits intensiv an einem anderen Projekt arbeitete, stieg ich aus. Als ich mir den ersten, groben Schnitt ansah, war ich sehr nervös. Aber glücklicherweise hat der Regisseur einen großartigen Job gemacht. Das Casting scheint mir auf den Punkt zu sein. Obwohl Filme notwendigerweise einige Dinge auslassen müssen, fängt dieser Film den Spirit des Romans sehr schön ein. 


Interview (gekürzt): Simon & Schuster, Inc., New York


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