Interview mit Nicole Mtawa zu ihrem Buch "Sternendiebe"
Liebe Nicole, was war für Dich der Auslöser dafür, "Sternendiebe" zu schreiben?Mein Ziel ist es, die Lebensträume notleidender Menschen zu erfüllen. Als mir Juma seine komplette Lebensgeschichte anvertraut hat, konnte ich ihm den Wunsch, unsere Erlebnisse für andere Menschen in der Welt nieder zu schreiben, nicht abschlagen. Ich hatte mich vorher wenig mit dem Schreiben befasst. Seine Ehrlichkeit und sein Vertrauen haben mich von der Wichtigkeit dieses Buches überzeugt und die Basis dafür geschaffen.
Dein Leben unterscheidet sich in so vielem von dem anderer junger Frauen. Was gibt Dir die Kraft zu helfen?
Seit ich denken kann, bäumt sich etwas in mir auf, wenn Menschen in meinem Umfeld ungerecht behandelt werden. Zum einen ist es mein Zorn über die Ungerechtigkeiten in dieser Welt, der mich antreibt zu kämpfen. Zum anderen sind es kleine Gesten – ein Lächeln nach schwerer Krankheit, ein Leuchten in zuvor noch traurigen Augen – die mich antreiben, den Schwachen zu helfen. Außerdem kann ich ein ganz schöner Dickkopf sein. Wenn ich zu etwas fest entschlossen bin, dann gibt es für mich kein Zurück mehr. Das kann auch recht anstrengend sein, aber in der Abgeschiedenheit der Natur kann ich wieder neue Energie tanken.
Was bedeutet für Dich der Begriff Heimat – wo fühlst Du Dich zu Hause?
Für mich ist die Welt mein Zuhause. Wenn man zu lange an einem einzigen Ort verweilt, werden die Sinne stumpf. Auf meinen Reisen nach Australien, Indien und Tansania wurde ich unheimlich bereichert und belebt. Aber wenn ich spüre, dass die Zeit gekommen ist, dann ziehe ich wie ein Nomade weiter. Mein nächstes Ziel ist Madagaskar, wo ich einige Monate mit den Einheimischen verbringen möchte, um ihre typische Lebensweise, Landessprache und auch ihre Probleme kennen zu lernen.
Sternendiebe erzählt von Deiner und Jumas Suche nach dem Sinn, nach der Bestimmung im Leben. Seid Ihr gemeinsam fündig geworden?
Jemand wie Juma, der weder ein Dach über dem Kopf noch genügend zu Essen hatte, sucht wohl zuallererst den Sinn des Lebens darin, seine Grundbedürfnisse zu sichern. Juma hat sich dabei hohe Lebensziele gesteckt und bereits Dinge erreicht, von denen die meisten Menschen in Entwicklungsländern ihr Leben lang vergeblich träumen. Meine Bestimmung ist es nun, ihn auf diesem Weg zu begleiten.
Worin bestehen momentan Deine wichtigsten Projekte in Afrika?
Für Vollwaise Jose, den ich bereits seit vier Jahren betreue, suche ich gerade eine neue Bleibe und eine neue Perspektive für die Zukunft in Form einer Ausbildung. Vor kurzem musste er die Schule abbrechen, weil er, wie die Einheimischen glaubten, „verhext“ worden war. Außerdem besuche ich jedes Wochenende den kleinen Yusufu, ein stark vernachlässigter Junge, den ich vor ein paar Monaten von der Straße geholt und in ein Kinderheim gebracht habe. Und dann ist da noch Straßenjunge Mashaka (17), der mich vor zwei Jahren bat, wieder in die Schule gehen zu dürfen. Neben Unterkunft und Essen muss er mit Kleidern und Schulbedarf unterstützt werden, wobei er sich mittlerweile nachmittags als Rikschafahrer ein kleines Taschengeld dazuverdient.
Was liebst Du an Afrika besonders?
Die materielle Freiheit und die finanzielle Unabhängigkeit, die ich mir aufgrund meines einfachen Lebensstandards bewahren kann. In Afrika kann ich mich selbst verwirklichen, indem ich mit wenigen Mitteln viel im Leben anderer Menschen bewegen kann. Außerdem liebe ich die tropische Luft, die mir ein Gefühl von Lebendigkeit gibt.
Kannst Du Dir vorstellen, irgendwann eine Familie mit Juma zu gründen und nach Deutschland zurückzukehren?
Juma und ich planen im Moment keine gemeinsame Familie. Ich möchte nicht noch mehr Kinder in die Welt setzen, sondern mich um diejenigen kümmern, die in Not sind und niemanden haben, der sich um sie kümmert. Nach Deutschland komme ich mit Juma nur noch zu Besuch. Der Alltagstrott und der Konsumwahn würden mir die Sonne aus meinem Leben nehmen und auch Juma fühlt sich mit seiner afrikanischen Heimat stark verbunden – obwohl er ganz versessen ist auf schwäbische Kässpätzle und Schnee!
« Zurück | Seite 1 | Weiter »
Lesetipp
Nicole Mtawa
Sternendiebe
EUR (D)
9,99
Nicole Mtawa
Sonnenkinder
EUR (D)
8,99