Interview mit Peter Maass
Der Autor Peter Maass über die schwierige Recherche zu seinem brisanten Buch: Öl. Das blutige Geschäft.Wodurch wurde Ihr Interesse am Thema Öl ursprünglich geweckt?
Peter Maass: In meinem Journalistenleben hatte ich mich viel mit Kriegen beschäftigt, und dabei war oft von Öl die Rede. „Es dreht sich alles ums Öl“, hieß es häufig. Oder: „Das hat überhaupt nichts mit Öl zu tun.“ Öl ist ein zentraler Faktor in unserer Welt, doch welche Rolle spielt es in gewaltsamen Konflikten und in der Kluft zwischen Reich und Arm? Ich begann bereits vor dem 11. September 2001, am Thema Öl zu arbeiten, und als ich bei Amazon.com nach Büchern über Öl suchte, stieß ich auf weit mehr Titel über Salat-Dressings und Aromatherapie als über jene Flüssigkeit, die das Lebenselixier der globalen Wirtschaft ist. Natürlich waren einige ausgezeichnete Bücher veröffentlicht worden, doch hauptsächlich für ein Fachpublikum. Ich hatte mein Thema gefunden: Ich wollte auf überzeugende Weise erklären, was wir für das Öl tun und was das Öl mit uns macht.
Was überraschte Sie am meisten, als Sie dem Thema nachgingen?
Peter Maass: Mein „Thema“ wollte nicht mit mir reden! Okay, das ist ein Witz. Doch im Ernst: Das Öl als Thema eines Buches widersetzte sich den Regeln der Befragung. Das Öl hat keine eigene Stimme, keinen Körper, keine Armee und kein Dogma. Wie quetscht man Geheimnisse aus einer Flüssigkeit heraus? Ich musste um die ganze Welt reisen und mit allen möglichen Leuten reden – Ölindustriellen, Politikern, selbsternannten regionalen Machthabern, Ökonomen, Geologen, Umweltschützern, Scheichs, Lobbyisten, Ölarbeitern – und einigen mehr. Die Themen, über die wir sprachen, umspannten Geschichte und Kultur, Technologie und Psychologie sowie Recht und Korruption – und noch einiges mehr. Ich machte mich auf ein höchst komplexes Bild gefasst, doch die Realität, der ich begegnete, bildete ein mehrdimensionales Geflecht aus Fakten, Ideen und Vermutungen. Ich bewegte mich gleichermaßen in einem geistigen und einem physischen Gefilde.
Welches ist der am wenigsten beleuchtete Aspekt des Themas Öl, dem Sie bei Ihren Recherchen begegneten?
Peter Maass: Sie kennen das Sprichwort „Der Teufel liegt im Detail“. Beim Öl liegt der Teufel in der Verallgemeinerung. Es gibt zahlreiche Studien darüber, was das Öl im Land X oder im Land Y anrichtet, wie Spekulanten den Preis in die Höhe treiben können oder wie die Firma Z einen ausländischen Beamten schmierte, doch alle Punkte zu verbinden und zu sehen, wie das System insgesamt funktioniert, das wurde noch längst nicht genügend dargestellt. Natürlich gibt es vieles, was wir noch nicht wissen – beispielsweise ob die weltweite Förderung ihren Zenit erreicht hat –, doch mein Problem bestand darin, zu viele Daten und Fakten zu besitzen. Die verfügbaren Stücke zusammenzusetzen und in einer Weise darzustellen, die den Leser aufhorchen lässt – das ist besonders schwer und wurde noch nicht ausreichend getan.
Es besteht ein grundlegender Konflikt, den J. Bryan Williams in dem Gespräch mit Ihnen hervorhob: „Was sollen die Ölgesellschaften denn tun? Wir erschaffen diese Orte nicht. Sollen wir nur in London und Paris Ölfelder erschließen?“ Ist die Ölproduktion zwangsläufig ein Fluch oder gibt es einen goldenen Mittelweg, bei dem es nicht zu übermäßiger Umweltverschmutzung beziehungsweise zu Menschenrechtsverletzungen kommt?
Peter Maass: Es wird schwer sein, das Öl zu einem Segen für jedes zerrüttete Land zu machen, das diesen Rohstoff besitzt, doch die Nachteile könnten vermindert werden. Transparenz ist ganz entscheidend. Es wäre wichtig, Verträge und Zahlungen zu veröffentlichen, damit es korrupten Funktionären schwerer fällt zu stehlen. Etliche Bewegungen sind darum bemüht, dies zu erreichen; eine ist staatlich und heißt Extractive Industries Transparency Initiative (Initiative für Transparenz in den Rohstoffindustrien); eine andere, Publish What You Pay (Veröffentliche, was du zahlst), ist nicht-staatlich und plädiert nicht nur für eine freiwillige, sondern für eine obligatorische Offenlegung. Wichtig ist auch, den Fluss der Einkünfte aus dem Öl weiterzuverfolgen – werden Öldollars für militärische Zwecke verwendet beziehungsweise bereichert sich damit über Scheinverträge ein Vetter eines Präsidenten? In einigen Ländern beginnen Überwachungsgremien mit derlei Kontrollen. Solche Maßnahmen helfen, aber seien wir ehrlich: Korruption ist ein uraltes Übel, und die Förderung verantwortungsbewusster Regierungsführung ist in jedem Land ein mühsames Unterfangen, egal ob dieses Land Erdöl oder Erdnüsse exportiert. Aber wir müssen irgendeine Art von Basis schaffen: Absolute Kleptokraten und völlig inakzeptable Diktatoren sollten rundweg abgelehnt und nicht wegen ihres Öls geduldet werden.
Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Veränderung, die erfolgen muss, um die Konflikte zu mildern, die mit der Ölproduktion einhergehen?
Peter Maass: Wir müssen unseren Appetit auf Öl zügeln. Wir wissen, dass das Verbrennen fossiler Kraftstoffe der Atmosphäre schadet. Wir müssen begreifen – und ich hoffe, mein Buch trägt dazu bei –, dass unsere Abhängigkeit vom Öl einige Förderländer höchst nachteilig beeinflusst hat. Wenn wir weniger ölabhängig werden – und zwar durch sparsameren und effizienteren Verbrauch und eine noch breiter angelegte Entwicklung erneuerbarer Energien –, müssen wir nicht um des Öls willen Kriege führen oder einen Diktator unterstützen. Und falls die Preise sinken, weil der Stoff für die Verbraucher nicht mehr so wichtig ist, werden sich vielleicht die Länder, denen das Öl geschadet hat, allmählich wieder erholen. Für uns alle, Konsumenten wie Lieferanten, wird dies ein langer und schmerzlicher Prozess sein. Aber es ist zu schaffen.
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Lesetipp
Peter Maass
Öl
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