Interview mit Peter Prange
In Ihrem Roman "Die Rebellin" geht es um einen ganz großen Traum der Menschheit: die erste Weltausstellung in London, ›das Paradies auf Erden‹. In welcherlei Hinsicht war dies 1851 visionär?Die Vision war, alle Errungenschaften der Menschheit, von allen Kontinenten und Zeiten, von allen Völkern und Kulturen zusammenzutragen. Die ganze Welt an einem Ort – was für ein Gedanke! Heute brauchen wir vielleicht keine Weltausstellung mehr, jeder hat sie ja per Internet in seinem PC. Doch 1851? Allein das Gebäude, das all die Schätze der Erde versammeln sollte, musste viermal so groß sein wie das bis dahin größte Bauwerk der Welt, der Petersdom in Rom.
Um diesen Koloss zu errichten, hatte man gerade zweiundzwanzig Wochen Zeit. Was für ein absolut größenwahnsinniges Unternehmen! Doch nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Die Weltausstellung setzte unglaubliche Kräfte frei – weil sie viel mehr war als nur eine Güterschau. Sie war eine Art globaler Rechenschaftsbericht, der Nachweis, wie die Menschheit den Auftrag ihres Schöpfergottes, sich die Welt untertan zu machen, in die Tat umgesetzt hatte. Der Kristallpalast, in dem sie stattfand, war darum nicht nur ein Gebäude – er war ein Tempel des Fortschritts. Hier wurde, und das war die eigentliche Vision, nichts Geringeres unternommen als der Versuch, das Paradies auf Erden mit den Mitteln von Naturwissenschaft und Technik zu inszenieren, im ganz großen Stil.
Im Zentrum der Handlung steht die junge Emily, die Tochter des Baumeisters Joseph Paxton, der den berühmten Kristallpalast konstruiert hat. Gemessen an viktorianischen Vorstellungen ist sie eine sehr moderne Frau. Hat sie ein historisches Vorbild?
Nein, denn Emily Paxton hat es ja wirklich gegeben. Auch wenn wir heute von ihr nicht viel mehr wissen, als dass sie Paxtons Tochter war. In diese historische „Hülse“ habe ich mich hinein projiziert. Wie hat Emily ihren Vater erlebt? Joseph Paxton war einer der größten Männer seiner Zeit, ein Selfmademan par excellence, der vom Gärtner zum Eisenbahnkönig, Architekten und Politiker aufstieg, ein wirklicher „Weltenbauer“. Musste er seiner Tochter nicht wie ein Gott erscheinen? Nichts ist natürlicher, als dass Emily, eine wissbegierige junge Frau, ihn bewunderte und ihm nacheiferte, als seine Schülerin, um von ihm das Geheimnis des Lebens zu erfahren – der Zugang zur Universität war damals ja nur Männern vorbehalten. Doch umso ungeheuerlicher für sie, wenn sie im Verlauf der Geschichte erfährt, dass der strahlende Optimismus ihres Vaters, sein Fortschrittsglaube und seine Tatkraft, eine dunkle, furchtbare Kehrseite haben, dass dieser Mann, den sie verehrt wie keinen zweiten Menschen in ihrem Leben, bereit ist, buchstäblich über Leichen zu gehen. Das ist der Moment, in dem Emily erwachsen wird. Sie muss ihren eigenen Weg finden, und sie wird ihn gehen. Wenn sie also eine moderne Frau ist, dann aus diesem Grund: dass sie ihr Schicksal in die eigenen Hände nimmt.
Inwieweit spiegelt der persönliche Konflikt Emilys, ihre Liebe zu zwei völlig verschiedenen Männern, den historischen Kontext wider?
Emily steht zwischen zwei Männern: einerseits dem bewunderten Vater, andererseits ihrem Geliebten. Als Paxtons Assistentin wirkt sie voller Begeisterung mit an der Verwirklichung von dessen großen Plan. Dann aber begegnet ihr in den Straßen Londons ein längst vergessener Freund aus der Kindheit, Victor, ein ebenso intelligenter wie radikaler Außenseiter, der ihr Leben von Grund auf in Frage stellt. Durch ihn erfährt sie, dass das Paradies, das ihr Vater errichten will, auf einer erbarmungslosen Unterwelt aus Elend, Not und Unmenschlichkeit gründet. So gerät das Drama der Weltausstellung zum Drama ihrer eigenen Liebe. Denn was nach dem Willen Joseph Paxtons das größte Fest aller Völker und Zeiten werden soll, ein Triumph der Zivilisation, droht durch Victor, der alles daran setzt, dieses fragliche Paradies zu verhindern, zur fürchterlichsten Katastrophe der Menschheitsgeschichte zu werden.
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