Interview mit Stefan Loipfinger
Spenden retten Leben? Leider nicht immer. Stefan Loipfinger, Betreiber von CharityWatch.de, enthüllt in seinem Buch „Die Spendenmafia“ den Millionenbetrug skrupelloser Organisationen unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit. Aufgrund seiner Recherchen wurde Loipfinger bereits massiv bedroht und verleumdet. Aber er macht weiter – mit dem Ziel, dass das Geld dort ankommt, wo es wirklich dringend gebraucht wird.1. Wie entstand Ihr Projekt CharityWatch.de?
Ich hatte mich privat schon lange sehr für Spendenorganisationen interessiert und mich mit diesem Thema beschäftigt. Dabei ist mir schnell aufgefallen, wie mangelhaft die Transparenz vieler dieser Organisationen ist und wie schwer es für Spender ist, an Informationen über die Verwendung ihrer Gelder zu kommen. Nachdem ich fünfzehn Jahre als Wirtschaftsjournalist gearbeitet hatte, wollte ich mich mit einem neuen Bereich beschäftigen – und da sich in Deutschland kaum eine Institution oder Publikation kritisch mit dem Thema Spendenveruntreuung auseinandersetzt, bin ich bei dem Thema hängen geblieben. Ich möchte, dass Spenden wirklich dort ankommen, wo sie so dringend benötigt werden.
2. Warum können viele Organisationen denn so ungeniert betrügen?
Das liegt meiner Meinung nach hauptsächlich daran, dass die Politik bislang keine Regelungen getroffen hat, die Vereine dazu zwingen, ihre Aktivitäten offen zu legen. Und das, obwohl solche Organisationen ja nicht nur Geld von privaten Spendern erhalten, sondern auch Steuerprivilegien genießen. Provokant gesprochen, ist das in gewisser Weise eine Einladung zum Missbrauch.
3. Dabei geht es tatsächlich um ungeheure Summen!
Absolut. Allein die Fälle, die ich in meinem Buch aufliste, machen weit über 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr – und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Wenn man nur diesen Betrag auf seriöse Organisationen umverteilt, bei denen tatsächlich 80% und mehr der gesammelten Gelder dem gemeinnützigen Zweck zugeführt werden, dann würde man schon einen gigantischen Effekt erzielen.
4. Wegen Ihrer Internetpräsenz CharityWatch ist man mit brutalen Rufmord-Kampagnen über Sie hergefallen. Haben Sie Angst, dass Ihr Buch jetzt noch schlimmere Reaktionen provoziert?
Ich empfinde mit Sicherheit keine Panik. Man darf sich von solchen diffamierenden Kampagnen nicht zu sehr beeinflussen lassen. Dann könnten ja alle Menschen, die in Berufen arbeiten, in denen man sich Ärger einhandeln kann, ihren Job nicht mehr machen. Richter oder Polizisten beispielsweise. Aber natürlich rechne ich damit, dass der Druck auf mich im Zuge der Buchveröffentlichung nochmals zunehmen wird.
5. Haben Sie schon mal überlegt aufzuhören?
Man denkt schon manchmal darüber nach. Aber das ist nur ein kurzer Moment und dann besinnt man sich wieder auf sein Ziel und muss eben Durchhaltevermögen beweisen. Und ich bin mir sicher: Am Ende wird sich das auszahlen.
6. Wie spendet man denn richtig – ohne auf Betrüger hereinzufallen?
Mit einer Organisation, der man Geld spendet, sollte man sich unbedingt vorher beschäftigen. Auf keinen Fall sollte man das Spenden emotional entscheiden oder in einem Zustand der Überrumpelung. Spender sollen sich ruhig trauen, bei einer Organisation mal nachzufragen, was eigentlich mit dem gespendeten Betrag passiert und wie viel Prozent der Spende tatsächlich bei den Hilfsbedürftigen ankommen. Vereinen und Stiftungen, die diese Informationen offen legen, kann man dann viel besser vertrauen – und ihnen vor allem auf Dauer treu bleiben. Das ist viel effektiver, als bei seinen Spenden zu sehr auf verschiedene, einem nicht näher bekannte Organisationen zu streuen.
7. Gerade mit prominenten Paten und bekannten Firmenlogos wird viel zum Spenden aufgerufen. Dabei ist das doch auch keine Garantie für eine ehrliche Verwendung der Gelder?
Das ist leider richtig. Deshalb nochmal meine dringende Empfehlung: Niemals emotional spenden! Darauf setzten diese Bauernfänger mit ihren Millionen Bettelbriefen und Info-Ständen in Fußgängerzonen. Mit Fragen wie „Mögen Sie Kinder?“ oder „Mögen Sie Tiere?“ wird einem schon das erste „Ja“ aufgezwungen. Man hängt in einem bis ins Detail eingeübten Gespräch fest, durch das sich viele Menschen zu einer Unterschrift nötigen lassen.
8. Warum wird die Spenden-Branche von der Politik bislang so wenig kontrolliert – dabei werden hier unglaubliche Summen an potentiellen Steuergeldern veruntreut?
Das ist schwer zu sagen. Ein Problem ist mit Sicherheit, dass die Politik selbst vom jetzigen System profitiert. Ich erkläre in meinem Buch ausführlich, wie sich parteinahe Stiftungen Jahr für Jahr mit Millionen Euro aus dem Entwicklungshilfe-Topf bedienen. Außerdem ist das Thema Spendenbetrug bislang leider nicht sehr präsent in der Öffentlichkeit. Und die Politik agiert bei uns ja kaum noch, sondern reagiert – aber eben erst im Notfall. Deshalb möchte ich mit meinem Buch ein Problembewusstsein schaffen.
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