Interview mit Tanja Kinkel
Die Autorin über ihr neues Buchprojekt "Noahs Arche"
Sie sind für ihre historischen Romane bekannt – wie kommt es, dass Sie nun erstmals ein „christliches“ Buch zur Schöpfung geschrieben haben?
Die Schöpfung – und der Respekt vor der Schöpfung – sind wesentliche Bestandteile jeglicher Spiritualität, auch für den christlichen Glauben. Als Autorin, als gläubige Christin und ganz einfach als Mensch kann ich meine Augen daher nicht verschließen, wenn ich jeden Tag sowohl in den Nachrichten, als auch in meiner direkten Umgebung sehen kann, dass Teile der Schöpfung durch den Menschen gefährdet und zerstört werden, teilweise in erschreckendem Ausmaß. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, der Super Gau in Japan, sind dafür nun wahrlich Beleg genug.
Was sprechen Sie nun konkret dabei an?
Wir können die Natur nicht erhalten, wenn wir z.B. Tag für Tag den Regenwald oder andere Naturflächen dezimieren, ohne gleichzeitig für Aufforstung zu sorgen und so das Weltklima negativ beeinflussen. Wir fordern auf der einen Seite gleiches Recht für alle Menschen und Respekt für jeden Einzelnen – behandeln aber auf der anderen Seite unsere nächsten Verwandten auf diesem Planeten, die Tiere, oft nur noch als ein Produkt, dessen Gewinne man maximieren muss und das deswegen unter uns Menschen unwürdigen Umständen „produziert“ wird. Was wir dabei vergessen – und woran ich in meinem Buch erinnern möchte: In der Genesis hat Gott einen Pakt zwischen den Menschen, der Natur und den Tieren geschlossen. Es geht nicht um ein einseitiges Diktat, ausschließlich nach der Interessenlage der Menschen; die Betonung liegt auf dem Wort „zwischen“. Wir können die seit zigtausenden von Jahren bewährte Vielfalt in der Natur nicht bewahren, wenn wir einigen Lebewesen keinen Lebensraum mehr geben oder wir sie, weil Konsequenzen nicht bedacht wurden und werden, ausrotten.
Ist da ein Buch in deutscher Sprache beim richtigen Empfänger?
Uneingeschränkt ja. Wissen Sie, es ist vor allen Dingen die sogenannte Erste Welt, die pro Kopf die Umwelt am meisten belastet, nicht China oder Indien, auch wenn das in den Medien oft den Anschein hat. Natürlich würde ich mich freuen, wenn mein Buch auch in weiteren Sprachen wie Englisch, Russisch, Chinesisch vorliegen würde. Ich teile aber nur eingeschränkt die Ansicht, dass wir unseren Zeigefinger erheben können, ohne selbst mehr zu tun, als wir von anderen Völkern erwarten. Um es an einem anderen Beispiel deutlich zu machen: Wollen wir Menschen in anderen Staaten beweisen, dass Demokratie die beste aller denkbaren Ordnungen darstellt, müssen wir logischerweise bei uns anfangen. Wir müssen durch vorbildliches Verhalten versuchen, Mehrheiten zu beeinflussen.
Kann denn wirklich jeder einzelne Mensch auch in Deutschland etwas für die Umwelt tun?
Aber natürlich. Und entgegen den Befürchtungen mancher Kritiker bedeutet dies noch nicht einmal eine dramatische Veränderung unserer Lebensweise. Niemand muss jeden Tag Fleisch oder Fisch auf dem Teller haben und kann sich trotzdem gesund, bequem und – jawohl – lecker ernähren. Es ist nicht nötig, dass für unser tägliches Brot die Meere leergefischt oder Tiere unter schrecklichen Bedingungen gehalten werden, die man noch dazu nur dadurch mästen kann, dass man Wälder rodet, Kleinbauern ihre Felder wegnimmt und bei der Zucht ganz nebenbei auch noch mehr schädliche Abgase produziert, als es sämtliche Autos der Welt können.
Sie wollen nun aber nicht erklären, dass es einen Unterschied macht, dass ich bei einem knackigen Salat mit Schweinemedaillons auf das Fleisch verzichte?
Doch, genau das will ich. Wenn für die Erste Welt weniger Fleisch produziert werden muss, hat das neben vielen anderen Vorteilen auch den Nebeneffekt, dass in der Dritten Welt mehr Ackerboden für die Ernährung der dort hungernden Bevölkerung zur Verfügung steht. Wissen Sie: Laut Welthungerhilfe sterben täglich allein 6.027 Kinder unter 10 Jahren an Hunger und bis zu 100.000 Menschen an den Folgen von Mangel- und Unterernährung. Und nun sagen Sie mir, dass es für uns Deutsche nicht zumutbar ist, an ein bis zwei Tagen in der Woche auf Currywurst, Schnitzel, Leberkässemmel oder Salami zu verzichten?
Wie wären solche Veränderungen denn vermittelbar?
Wir müssen bei den Kindern beginnen: Sie sind lernfähig und unvoreingenommen, wenn nachvollziehbar argumentiert wird. Wir dürfen nicht den Fehler machen, ihnen zu sagen, China und die USA seien die größten Klimasünder. Wer ausschließlich das betont, wird keine Trendwende einleiten. Und es ist wichtig, dass jedes Kind eine ganz einfache, aber ausschlaggebende Wahrheit verinnerlicht: „Ich kann etwas verändern, ich kann etwas bewegen, und das an jedem einzelnen Tag.“
Haben Sie Kinder?
Ja, im Moment etwa 2.500.
Wie darf ich das verstehen?
Mit dem von mir und einigen Freunden gegründeten Verein „Brot und Bücher“ haben wir in Indien und Afrika unter anderem sieben Schulen aufgebaut. Wir betrachten die Kinder, die dort lernen, wie unsere eigenen. Deswegen ist es uns so wichtig, ihnen durch den Unterricht nicht nur Bildung zu vermitteln, sondern ihnen auch darüber hinaus Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Dazu gehört es auch, sie dabei zu unterstützen, mündige, kritische Erwachsene zu werden, die zum Beispiel den Umgang mit der Natur hinterfragen.
Konzentriert sich Ihr Engagement nur auf die Dritte Welt? Vorhin sprachen wir doch darüber, was man in Deutschland ändern kann.
Wir sind auch in Deutschland aktiv. Ich bin versucht, „leider“ zu sagen – denn auch in unserer Gesellschaft gibt es Not leidende Kinder, denen geholfen werden muss, weil man sie ausgenutzt, geschlagen, nicht ausreichend ernährt, physisch oder psychisch missbraucht oder vernachlässigt hat. In der Nähe meiner Heimatstadt Bamberg gibt es das Erich-Kästner-Kinderdorf für traumatisierte Kinder. Einige Kinder, die da leben, sind aufgrund von physischen und/oder seelischen Druck so stark behindert, dass sie als unbeschulbar galten. Das wollten wir nicht so hinnehmen und haben deswegen vor einigen Jahren die bis heute wohl einzige Spezialschule für solche seelisch behinderten Kinder in Deutschland mitfinanziert, ein Gewächshaus gebaut, ein Wohnheim errichtet. Das ist für einen Verein wie „Brot und Bücher“, der von acht Freunden getragen wird und wo seit 18 Jahren kein Cent an Verwaltungskosten ausgegeben werden muss, eine große Herausforderung.
Wie kann man Sie und Ihre Arbeit unterstützen?
Kinder zu unterstützen ist immer eine Investition in die Zukunft, und für uns die Wichtigste. Eines unserer großen Vorhaben für das Jahr 2011 ist ein gerade laufendes Projekt für das Erich-Kästner-Kinderdorf: Wir müssen dort Berufsvorbildung angehen, um auch diesen Kindern zu einem Lehrvertrag oder einer Arbeitsstätte nach der Schulzeit zu verhelfen. Wir sind sehr dankbar, dass uns die Bethe-Stiftung dabei eine besondere Unterstützung zugesichert hat: Jede Einzelspende bis zu einer Höhe von 2.000 Euro wird von der Bethe-Stiftung automatisch verdoppelt. Das bedeutet: Wenn wir insgesamt 25.000 Euro Spenden sammeln können, verdoppelt die Bethe-Stiftung auf 50.000 Euro und das Projekt ist gesichert. Hier trifft nun wieder das zu, was ich vorhin schon erwähnt habe: Jeder kann einen Beitrag leisten. Wenn fünf Freunde jeweils zehn Euro spenden, können wir hilfsbedürftige Kinder nicht nur mit 50, sondern mit 100 Euro unterstützen.
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Schöpfung und Bildung, Ausbildung?
Natürlich. Nur durch Bildung werden Menschen zu kritischen Konsumenten, anstatt zu Opfern der Werbung, mit der häufig versucht wird, zügellosen Konsum als Credo des modernen Menschen zu vermitteln. Es darf nicht sein, dass Umweltschützer belächelt werden, die Verantwortlichen in Unternehmen, welche kaum beherrschbare Techniken auch noch durch Kostensparen erst wirklich gefährlich machen, bei Staatsempfängen gern gesehene Gäste sind. Schaffen wir kritisches Denken bei den Kindern, die ihre Eltern diesbezüglich erziehen helfen, dann hat die Schöpfung wieder eine Chance und wir können unseren Kindern und Enkelkindern wieder eine etwas heilere Welt hinterlassen als die, welche wir an den Rand eines Kollapses geführt haben. Dafür lohnt sich zu arbeiten. Dafür habe ich „Noahs Arche“ auch geschrieben.
Hier können Sie mehr über Tanja Kinkel und ihre Aktion erfahren zur Website "Brot und Bücher"
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