Interview mit Waleri Panjuschkin
In Ihrem Buch werfen Sie ein Licht auf die heutige Opposition in Russland und porträtieren zwölf sogenannte „Nichteinverstandene“. Wie viele Menschen gehören insgesamt zu dieser Bewegung?Das lässt sich so einfach nicht beantworten. Denn es ist nicht ungefährlich, sich zu dieser Bewegung zu bekennen. Man kann die Arbeit verlieren, sein Stipendium einbüßen oder im eigenen Treppenhaus zusammengeschlagen werden. Einige Menschen wurden sogar wegen ihrer oppositionellen Aktivitäten ermordet, und so halten die Leute mit ihren Ansichten hinter den Berg. Genaue Zahlen sind also nicht bekannt. Wenn wir von aktiven Mitgliedern der Bewegung sprechen, dann sind dies vielleicht tausend Menschen. Wenn wir die Gleichdenkenden hinzuzählen, diejenigen also, die an den Protestmärschen im ganzen Land teilnehmen, dann sind es vielleicht zehntausend. Und wenn wir die einbeziehen, die gerne protestieren würden, aber Angst haben, dann sind dies hunderttausend. Nicht mehr. Das freie Denken ist in Russland nicht in Mode.
Wie reagiert der russische Staat auf die Nichteinverstandenen?
Der Staat geht resolut gegen alle öffentlichen Auftritte der Nichteinverstandenen vor. Er verfolgt die Aktivisten und er finanziert großangelegte PR-Kampagnen mit dem Ziel, die Meinungsäußerung Andersdenkender zu diskreditieren. Das entspricht völlig der staatlichen Politik, die zum Ziel hat, jegliche Form des Andersdenkens zu unterbinden. Wenn die Nichteinverstandenen nicht gnadenlos niedergeschlagen würden, würde ihre Zahl im Land schnell wachsen – trotz der sozialen und politischen Apathie, die für die heutige russische Gesellschaft charakteristisch ist.
Ist es heutzutage gefährlich, in Russland seine Meinung frei zu äußern?
Nein. Man kann alles, was man möchte, im privaten Kreis im Café besprechen und man kann über jedes Thema in seinem Internet-Blog schreiben. Aber es ist als andersdenkender Mensch in Russland nicht möglich, sich an eine große Öffentlichkeit zu wenden. Im Fernsehen gibt es keinen Platz für einen kritischen Journalisten. Es gibt keine Sendungen, in die ein oppositioneller Politiker eingeladen würde. Den Journalisten, Schriftstellern und Denkern, deren Ansichten sich von der offiziellen unterscheiden, stehen für ihre kritischen Beiträge nur einige Zeitungen mit kleiner Auflage zur Verfügung. Nur eine einzige Radiostation sowie einige Seiten im Internet.
Wie würden Sie die Situation in Russland hinsichtlich Demokratie, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit beschreiben?
In Russland wird eine ziemlich glaubwürdige Illusion von Demokratie, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit aufrechterhalten. Doch in Wirklichkeit gibt es weder ersteres noch zweites oder drittes.
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Waleri Panjuschkin
Die Nichteinverstandenen
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Waleri Panjuschkin, Michail Sygar
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