Japanisch eintauchen
„Ich finde es sehr mutig, sich der Normalität entgegen zu stellen und seine eigene Welt zu erschaffen.“
Interview mit Gail Tsukiyama
In ihrem neuen Roman, „Die Straße der tausend Blüten“, beschäftigt sich die US-Bestsellerautorin Gail Tsukiyama mit der Kultur ihres Vaters: der japanischen. Im Interview spricht sie über ihren multikulturellen Hintergrund, ihre Wurzeln, ihre Faszination für das Sumo-Ringen und ihr Rezept für den persönlichen Seelenfrieden.
Frau Tsukiyama, was interessiert Sie so an Subkulturen?
Das hat mit meiner Faszination für all die verschiedenen Arten, ein Leben zu leben, zu tun. So, wie das eben in größeren Gesellschaften möglich ist. Ich finde es sehr mutig, sich der Normalität entgegen zu stellen und seine eigene Welt zu erschaffen. Sie können sich durch alles Mögliche abgrenzen: durch Ihre Religion, Ihren Sport, in der Wirtschaft, sogar mit Ihren Krankheiten. Das finde ich hoch spannend.
Und was fasziniert Sie speziell am Sumo-Ringen?
Ich glaube, einer der wichtigsten Gründe für einen Autor, sich einem Thema zu widmen, ist Neugier. Ich war schon immer neugierig, wie aus einem Jungen ein Sumo-Ringer wird. Was bewegt ihn dazu? Welchem harten Training muss er sich unterwerfen, um einen solchen Ruhm und solche Anerkennung in der japanischen Kultur zu bekommen? Die Sumo-Ringer gelten als moderne Samurai; in unserer sich ständig ändernden Welt bleiben ihre Traditionen immer gleich. Das war ein faszinierender Stoff. Und natürlich war da noch die brennende Frage, auf die ich unbedingt eine Antwort wollte: Was essen die, um so dick zu werden?
Sie haben einen japanischen Vater aus Hawaii und eine chinesische Mutter aus Hongkong, sind aber in der Gegend von San Francisco aufgewachsen – in einem sehr amerikanischen Umfeld. Ist es merkwürdig, einen so vielfältigen Hintergrund in einer Person zu vereinen?
Nein, es war das Beste, was mir passieren konnte! Es gibt meinem Leben viel mehr Substanz. Ich schätze mich glücklich, in der Bucht von San Francisco aufgewachsen zu sein, einem echten Melting Pot der Kulturen. Da mein Elternhaus sehr chinesisch geprägt war, hatte ich nicht das Problem, mich zwischen zwei kulturellen Identitäten entscheiden zu müssen. Mein Vater ist aus Hawaii, er brachte also noch eine ganz andere Kultur mit ein. Ich hatte das Glück, die japanische Seite meiner Herkunft als Erwachsene entdecken zu können. Das gab mir die Möglichkeit, beide Kulturen als meine Wurzeln anzunehmen.
War es nicht eine große Herausforderung, aus japanischer Sicht über den zweiten Weltkrieg zu schreiben?
Ja, es war furchtbar! Als ich anfing, das Buch zu schreiben, dachte ich, es würde schwierig, all die Sumo-Rituale zu schildern. Aber als die Geschichte umfangreicher wurde – und schließlich das Überleben einer ganzen Familie in äußerst turbulenten Zeiten betraf – musste ich alles noch einmal überdenken. Ich hatte Glück, ein Buch voller Interviews mit japanischen Überlebenden aus der Zivilbevölkerung zu finden (Japan at War: An Oral History von Haruko Taya Cook und Theodore F. Cook). Das gab mir all die Stimmen, die ich brauchte, um meine Geschichte zu erzählen.