Mord? Ehrensache.
Hinrichtung im Namen der Ehre: Die türkische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Ayse Önal ging in die Gefängnisse ihrer Heimat und interviewte dort Ehrenmörder. Im Droemer-Sachbuch „Warum tötet ihr?“ zeichnet sie auf hoch sensible Weise die Lebensläufe der Täter und Opfer nach.„Auf dem Friedhof von Diyarbakir, im Südosten der Türkei, gibt es Gräber ohne Namen. Reihenweise. Selbstmörder werden hier bestattet und Frauen, die getötet wurden, weil sie angeblich die Ehre ihrer Brüder, Vettern oder Väter befleckten. Nachdem sie tot sind, wollen die Familien sie nicht mehr anfassen, nicht einmal als Leichnam.“
Die vielfach ausgezeichnete Journalistin Ayse Önal hat nicht nur mit verfolgten Mädchen, Frauen und Hinterbliebenen gesprochen, sondern auch mit zahlreichen Gefangenen in türkischen Gefängnissen. „Warum tötet ihr?“, fragte sie die Männer, die für ihre Verbrechen im Namen der Ehre Haftstrafen verbüßen. Diese Frage zieht sich wie ein blutroter Faden durch ihren erschütternden Report.
Semsiye. Sie hatte nie eine Schule besucht, und nie hatte ein Mann um ihre Hand angehalten. Semsiye wurde vergewaltigt. Dafür wurde sie gesteinigt.
Warum bitte haben Sie ihre Schwester, ihre Tochter, ihre Mutter getötet? Zum Erstaunlichsten, was Ayse Önal bei ihren Recherchen erfuhr, gehört, dass viele der Verurteilten sie inständig darum baten, ihre Geschichten anzuhören. Etliche der Befragten erzählen davon, wie ihre Taten nicht nur das Leben ihrer Opfer, sondern auch ihr eigenes zerstört haben. Weil sie von der Familie oder der Dorfgemeinschaft so lange unter Druck gesetzt wurden, bis sie schließlich zur Waffe griffen.
Viele von ihnen sind noch halbe Kinder. Denn oft werden jene für die Vollstreckung ausgewählt, die nicht mit den Höchststrafen belegt werden können. Und da sitzen sie nun: todtraurig, verwirrt, demoralisiert. Aber natürlich gibt es auch die Unverbesserlichen, lebenslänglich einsitzende Chauvinisten, die noch hinter Gittern stolz auf ihre Taten sind. Schließlich haben sie ihren Familien einen großen Dienst erwiesen ...
„Eine Tochter ist eine Last auf den Schultern ihres Vaters“, sagt Nevzat, der seine Frau und seine Tochter tötete, als er herausfand, dass die 15-jährige Yeter ihren Nachbarn liebte. Und sein Enkelkind, denn Yeter war schwanger.
„Wünschten Sie, Sie hätten es nicht getan?“, fragt Ayse Önal Nevzat. „Natürlich habe ich das Gefühl, dass wir geirrt haben“, sagt er, als spreche er für alle Menschen, die wegen eines Ehrenmordes im Gefängnis saßen. „Wir haben dieses Gefühl, aber wir können dem nicht tagein, tagaus nachgeben. (...) Wenn Sie Ihre Toten nicht vergessen, können Sie nicht mehr weiterleben. Sie müssen sie vergessen, um selbst leben zu können.“
Remziye, Murat, Nuran, Naile, Nigar, Fadime, Ulviye, Papatya: unvergessliche Schicksale. Oder das kurze Leben der 16-jährigen Morsal, Tochter einer afghanischen Familie in Hamburg. Sie wollte Musik hören, Alkohol trinken, Freunde treffen. Deshalb ermordete sie ihr Bruder mit 20 Messerstichen.
„Warum tötet ihr?“ von Ayse Önal beinhaltet einzigartige Geschichten, die einen schwer schlucken lassen und allesamt unter die Haut gehen. Auch, weil das menschenverachtende System der Familienehre nicht nur seine Töchter opfert – sondern auch seine Söhne.
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