Solange ich atme - Interview mit Carmen Rohrbach
»Ich ziehe die Wohnungstür hinter mir zu. Sie fällt mit einem trockenen Klicken ins Schloss wie immer. Irritiert verharre ich einen Moment. Es müsste doch anders klingen: unabänderlich, endgültig....] Draußen empfängt mich eine laue Sommernacht. Es ist August. Über mir ein funkelnder Sternenhimmel. Ein heißes Glücksgefühl durchflutet mich. Alles Schwere ist wie fortgeweht. Ich werfe meine Arme mit einem Jauchzen in die Höhe und möchte fliegen. Frei sein. Ohne Mauern. Ohne Grenzen.«
So beschreibt Carmen Rohrbach den Beginn ihrer dramatischen Flucht Anfang der 70er Jahre. In jener Nacht ziehen Carmen Rohrbach und ihr Freund ein Schlauchboot ins Wasser. Über die Ostsee wollen sie in den Westen fliehen zu der 50 Kilometer entfernten Küste Dänemarks. Als sie sich der bewachten Dreimeilenzone nähern, werden sie vom Suchscheinwerfer der DDR-Küstenwache erfasst der Fluchtversuch droht zu scheitern. Da fasst das Paar einen todesmutigen Entschluss: Um nicht entdeckt zu werden, zerstören sie das Boot und schwimmen in ihren Neoprenanzügen weiter. 28 Stunden später treiben sie noch immer erschöpft im Wasser. Kein Land ist in Sicht ...
Carmen Rohrbach wurde im sächsischen Bischofswerda geboren und studierte in Greifswald und Leipzig Biologie. Nach ihrem Fluchtversuch und zwei Jahren Haft in DDR-Gefängnissen wurde sie nach Westdeutschland ausgewiesen. Sie promovierte am Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung in Seewiesen bei München und erhielt
den Auftrag, das Leben der Meerechsen auf einer unbewohnten Galapagosinsel zu dokumentieren. Über ihre abenteuerlichen Reisen sind im Frederking & Thaler Verlag bereits zehn Bücher erschienen. Im Februar wird dort ihr neues Buch erscheinen: Namibia - Abenteuerliche Begegnungen mit Menschen, Landschaften und Tieren.
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Ihre Abenteuerlust scheint keine Grenzen zu kennen. Schon als Kind hatten Sie den Drang, Expeditionen durchzuführen. Damals haben Sie sich beispielsweise mit einem »Wüstentraining« vorbereitet.
Solange ich denken kann, habe ich mich danach gesehnt, Abenteuer zu erleben. Ich wollte fremde Länder erforschen und wilde Tiere beobachten. In meiner Umgebung gab es keine Vorbilder, niemanden, bei dem ich mir hätte Rat holen können. Allein Bücher zeigten mir den Weg. Bücher über Forschungsreisende wie Alexander
von Humboldt, Heinrich Barth, Karsten Niebuhr oder Sven Hedin.
Bald genügte mir das Lesen nicht mehr und ich probierte aus, wie lange ich wohl ohne Wasser überleben könnte. Das nannte ich dann »Wüstentraining«. Oder ich testete, wie mein Körper auf Kälte reagiert, und schlief im Winter bei Schneefall auf dem Balkon. Zufällig entdeckte mich meine Mutter, als ich schon fast
erfroren war.
Um die Spannung zu erhöhen, gingen während meinen »Expeditionen« regelmäßig die Nahrungsmittel zur Neige. Damit die Ereignisse
echt auf mich wirkten, hungerte ich dann. Das war besonders schwierig, wenn ich mit meinen Eltern und Geschwistern sonntags am Frühstückstisch saß. Doch es gelang mir immer wieder, sie davon zu überzeugen, dass ich mich gerade im Dschungel verirrt hätte und mir erst mit einer Machete den Weg zum nächsten Indianerdorf frei schlagen müsse.
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Lesetipp
Carmen Rohrbach
Spanien
EUR (D)
8,95
