Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Thomas Thiemeyer & sein Buch "Korona"

Einleitung

Eine Reise ins Herz von Afrika.

Für sein Buch Korona recherchierte Thomas Thiemeyer in Afrika. Hier berichtet er über seine Reise in den Virunga-Nationalpark – und zu den Gorillas.

Die Luft ist kalt und feucht, der Boden rutschig. Nebelschleier hängen zwischen den Bäumen. Ich höre mein eigenes Keuchen, während ich dem Expeditionsteam die steile Bergflanke empor folge. Der Boden ist überwuchert mit riesenhaften Gräsern und Brennnesseln, deren Stacheln bis zu drei Zentimeter lang werden können. Zum Glück haben wir Handschuhe dabei, mit denen wir uns an den Bambusstauden rechts und links des Weges festhalten.

Die schweren Wanderstiefel graben sich in den Boden und verhindern, dass wir die lehmigen Hänge hinunterrutschen. Das Zirpen von Insekten und die klagenden Laute tropischer Vögel dringen durch die Blätter. Niemand sagt ein Wort. Ab und zu klickt ein Fotoapparat. Gespannte Erwartung liegt in der Luft.

Wir befinden uns an den Hängen des Visoke, einem riesigen Vulkan im Herzen Afrikas. Einst Untersuchungsgebiet der Forscherin Dian Fossey, ist er die Heimat eines der seltensten Geschöpfe unserer Erde, des afrikanischen Berggorillas (Gorilla beringei), einem friedlichen Primaten, der in Familienverbänden die dichten Bergwälder durchstreift. Sein Lebensraum sind die Gebirgswälder zwischen 2.200 und 4.000 Metern Seehöhe. Gut die Hälfte der prächtigen Tiere lebt hier an den Hängen der Virungas, einem Nationalpark, an der Grenze der drei afrikanischen Staaten Ruanda, Uganda und der Demokratischen Republik Kongo. Die anderen leben einige Kilometer nördlich im Bwindi Nationalpark.

Zwar hat sich, dank dem Einsatz von Menschen wie Dian Fossey, die Zahl der Tiere inzwischen auf etwas über 700 stabilisiert, doch ihr Überleben hängt immer noch an einem seidenen Faden.

Das Unterholz wird dichter. Halb gehend, halb kriechend arbeiten wir uns durch die immergrüne Vegetation. Wer klein und schlank ist, ist klar im Vorteil. Weiße Atemschleier dringen aus Mündern und Nasen, die T-Shirts sind nassgeschwitzt. Plötzlich ertönt das Knacken eines Funkgerätes. Jean Claude, unser Führer, ist stehen geblieben. Offenbar hat er eine Mitteilung von einem der Fährtenleser erhalten. Mit zusammengezogenen Brauen wechselt er ein paar Worte mit dem Mann auf der anderen Leitung. Wir wissen, dass die Ranger den Gorillafamilien rund um die Uhr folgen, doch das ist keine Garantie. Manchmal sind die riesigen Primaten einfach schlauer. Jeder von uns hat für umgerechnet fünfhundert Dollar ein Tagespermit erstanden. Sollten die Fährtenleser erfolglos sein, wäre das Geld umsonst ausgegeben.

Maximal acht Personen dürfen pro Tag für eine Stunde zu einer der Gorillafamilien hinauf und natürlich hoffen wir alle auf gutes Wetter und Finderglück. Das Wetter spielt mit, aber was ist mit den Gorillas?

Wir versammeln uns um Jean Claude und beobachten seinen Gesichtsausdruck. Er lässt sich nichts anmerken. Erst als er das Funkgerät abschaltet, gestattet er sich ein Lächeln. »Sie haben die Familie gefunden«, sagt er. »Etwa dreihundert Meter vor uns. Eine Viertelstunde noch.« Mir schlägt das Herz bis zum Hals.

Es muss um das Jahr 1989 herum gewesen sein, als ich im Fernsehen eine Dokumentation über die rätselhaften Gebirge Ostafrikas sah, die Virungavulkane und den Ruwenzori, etwa zweihundert Kilometer nördlich. Die Bilder, die ich damals sah, schlugen mich sofort in ihren Bann. "Dahin werde ich eines Tages reisen", entschied ich in einem Anfall jugendlichen Leichtsinns. Und tatsächlich: bis es soweit war, vergingen beinahe zwanzig Jahre.

Die Länder Uganda, Demokratische Republik Kongo (damals noch Zaire) und Ruanda standen vor enormen humanitären Problemen. Am schlimmsten traf es Ruanda, in dem 1994 ein Völkermord tobte, dem eine Million Menschen zum Opfer fielen. Beinahe 75 % der dort lebenden Tutsi-Minderheit wurden binnen 100 Tagen niedergemetzelt. Eine unbeschreibliche Katastrophe, die das Land, fünfzehn Jahre danach, immer noch überschattet. Die Gorillas kamen, wie durch ein Wunder, unbeschadet davon. Allerdings mussten noch einmal zehn Jahre vergehen, ehe auch die anderen Länder soweit stabilisiert waren, dass man sie wieder gefahrlos bereisen konnte.

Im Januar 2008 war es dann soweit. Ich war zu dem Entschluss gekommen, meinen Roman Korona in dieser Gegend spielen zu lassen und das Projekt erforderte gründliche Recherche. Ich buchte eine Reise und brach auf.

Der große Moment kommt ganz plötzlich. Die Fährtenleser, zum Schutz gegen Wilderer mit AK-47 Maschinengewehren bewaffnet, deuten nach vorne. Eine schattenhafte Bewegung zwischen den Bambusstauden, ein Knacken, ein Rascheln. Dann sehen wir eine dunkle Gestalt am Boden. Ein junger Gorilla, der sich ein paar frische Blätter pflücken will. Die jungen Triebe enthalten Alkohol und die Gorillas lieben es, sich einen "Schwips" anzufressen. Ein zweiter kommt hinzu und eine lautstarke Balgerei setzt ein. Noch sind die Tiere zu weit entfernt, doch wir schießen trotzdem Fotos. Unsere ersten Berggorillas!

Das Licht ist schwach, die Optik gerät an ihre Grenzen. Wer keine lichtstarke Kamera dabei hat, wird später nur verschwommene Schemen sehen. Kaum zwanzig Meter entfernt sitzt ein weiteres Jungtier am Boden. Neugierig kommt es näher. Es ist zutraulich und will Kontakt zu uns aufnehmen. Doch der Ranger schiebt die schwarze Hand mit seinem Stock zur Seite. Jeder Körperkontakt zu uns Menschen könnte schwerwiegende Folgen haben. Berggorillas sind so nah mit uns verwandt, dass sie empfindlich gegenüber unseren Krankheitserregern sind. Der Halbstarke verschwindet und rennt auf eine Lichtung, keine dreißig Meter entfernt. Wir folgen ihm und treten hinaus in die Helligkeit. Es dauert eine Weile, bis unsere Augen sich an das Licht gewöhnt haben, doch dann sehen wir sie. Zehn bis elf Berggorillas, friedlich versammelt und beim Frühstück. Es ist die Familie, nach der wir gesucht haben. Wir sehen Mütter mit Babys auf dem Rücken, Halbstarke, so wie den, der uns berühren wollte, und Schwarzrücken (so nennt man geschlechtsreife Männchen, die noch keine eigene Familie besitzen). Ihre Augen sind kupferfarben, ihr Fell verfilzt. Manche von ihnen haben einen rotbraunen Fleck auf der Stirn. Wir können uns gar nicht sattsehen.

Doch dann fällt uns auf, dass einer fehlt: der Chef der Gruppe, der mächtige Silberrücken. Wir wissen, dass er da ist, er hat seine Familie immer im Blick. Endlich entdecken wir ihn. Er sitzt etwas abseits im Unterholz und knabbert genüsslich an einer Bambusstaude. Entspannt sieht er aus – cool, doch der Eindruck täuscht. Eine falsche Bewegung, das Gefühl von Bedrohung und der zweihundertfünfzig Kilo schwere, muskelbepackte Gorillamann würde wie ein Güterzug auf uns zurasen und alles zur Seite pflügen, was sich ihm in den Weg stellt. Wir schlucken unsere Furcht hinunter und gehen auf in zu. Nur sieben Meter trennen uns noch von ihm. Jean Claude stößt beruhigende Laute aus. Es klingt, als würde er sich räuspern. Jetzt bloß keinen Fehler machen.

Wir alle haben die Lehrstunde in Sachen Gorillaetikette noch gut in Erinnerung. Keine hektische Bewegungen, kein herausfordernder Augenkontakt, kein Blitzlicht. Letzte Woche habe ein Amerikaner diese Regel verletzt, flüstert Jean Claude. Charles, der Silberrücken, habe den Mann gepackt und zwanzig Meter weit ins Unterholz geschleift, Rippenbrüche und Quetschungen inklusive. Keine Ahnung ob die Geschichte stimmt, aber im Angesicht dieses Kolosses sind wir bereit alles zu glauben. Charles tut so, als interessiere er sich nicht für uns. Er frisst, er kratzt sich, er schnaubt. Das Geräusch ist so tief, dass es im Bauch kitzelt. Dann steht er auf und geht an uns vorbei, keine zwei Meter von uns entfernt. Sprachlos – atemlos – sehen wir uns an. Es braucht keine Worte um zu wissen, dass niemand von uns diese Minuten jemals vergessen wird.

© Thomas Thiemeyer 2010 

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