Vom Werden und Wachsen der Medica
Wolf Serno über die Erschaffung seiner Protagonistin
Jede Romanfigur wird einmal geboren, und die Medica von Bologna macht da keine Ausnahme. Ihre Geburtsstunde schlug am 7. August 2008 an Kopenhagens idyllischer Wasserseite, im Nyhavn, wo meine Frau, mein Verleger Hans-Peter Übleis und ich uns trafen, um über neue Projekte zu reden. Irgendwann, ich weiß nicht mehr genau, bei welcher Gelegenheit, tauchte die Frage auf, warum nicht einmal eine Frau im Mittelpunkt eines meiner Romane stehen sollte.
Eine Frau?
Bisher hatte ich immer nur die Schicksale und Abenteuer von Männern beschrieben – was mir als Mann naturgemäß nicht sonderlich schwerfiel. Aber würde ich mich auch in die Gedanken und Gefühle einer Frau hineinversetzen können? Zumal, wenn es sich – natürlich – um eine ganz besondere Frau handeln sollte?
Ich mache es kurz: Hans-Peter Übleis und meine Frau mussten mich nicht lange überzeugen, dass ich es könnte, denn die Aufgabe reizte mich.
Blieb nur die Frage, was das Besondere an dieser „besonderen“ Frau sein konnte. Mir fiel ein, dass mich schon immer die Ars reparatoria, die Technik der Rekonstruktion von Nasen, Ohren und Lippen, fasziniert hatte. Es handelt sich dabei um eine Kunst, die ihre Ursprünge im alten Indien hat, eine Kunst, die sich über Arabien, Sizilien bis nach Oberitalien verbreitete, wo sie im 16. Jahrhundert von fähigen Ärzten am Archiginnasio zu Bologna praktiziert wurde.
Es muss recht seltsam ausgesehen haben, als ich meinen beiden Gesprächspartnern mit lebhaften Gesten deutlich machte, wie seinerzeit aus einem Lappenstiel des Oberarms eine neue Nasenspitze wurde, denn zu diesem Zweck musste der Patient den Arm über den Kopf legen und mit Hilfe von starken Bandagen in dieser Position für drei lange Wochen verharren. Er durfte sich nicht rücken und rühren und musste die ganze Zeit aufrecht im Bett sitzen, wobei ihm eine Stützweste, die eher einer Zwangsjacke glich, festen Halt verlieh. Nach dieser Leidenszeit hatte die copulatio, die Vereinigung von Lappenstiel und Nasenstumpf, stattgefunden, und eine neue Nase konnte aus dem Lappenstiel geformt werden.
Wie gesagt, es muss recht seltsam ausgesehen haben, als ich dies alles erklärte, und die Reaktion am Tisch war wie erwartet: Sie bestand in einer Mischung aus Überraschung und Erstaunen. War eine so komplizierte Operation damals wirklich schon möglich?
Ja, sie war es.
Und diese Operation sollte in meinem neuen Buch beschrieben und von einer Frau durchgeführt werden?
Warum nicht?
Aber Frauen war es doch damals gar nicht erlaubt, als Ärztinnen zu arbeiten?
Ja, das stimmt.
Also ist die Idee gut, aber sie lässt sich nicht umsetzen?
Auch das stimmt.
Gäbe es nicht trotzdem Mittel und Wege …?
Meine Frau und ich lernen die Heimat der Medica kennen
An dieser Stelle, liebe Leserinnen und liebe Leser, unterbrechen wir die Szene in Kopenhagens Nyhavn und machen einen Zeitsprung in die Zukunft. Umfangreiche Vorbereitungen und literarisches Studium liegen bereits hinter mir, und wir schreiben den 19. Oktober 2008. Meine Frau und ich haben soeben im Al Cappelo Rosso eingecheckt, einem kleinen, typisch italienischen Hotel unweit der Piazza Maggiore in Bologna. An dem Namen der Stadt mögen Sie erkennen, dass die Idee mit einer Ärztin, die trotz Verbot die Ars reparatoria durchführte, so weit Konturen angenommen hatte, dass eine umfangreiche Recherche vor Ort notwendig geworden war.
Carla Maria Castagnolo, kurz Carla, wie meine neue Heldin heißen sollte, musste in das Leben und Treiben, in die Kultur und die Lebensart Bolognas im 16. Jahrhundert integriert werden. Nahtlos und wie selbstverständlich.
Dazu musste ich die Stadt kennenlernen, ihre alten Straßen und Bauwerke, ihre Paläste und Verwaltungsgebäude, dazu ihre Bräuche, ihre Feste, ihre Märkte, die sich bis heute erhalten haben. Ich musste ihre geschichtlichen Hintergründe erforschen und die Politik ihrer Honoratioren nachvollziehen – und ich musste vor allem die Wesensart ihrer damaligen Einwohner verstehen. Wie waren sie? Welche Berufe übten sie aus? Welche Waffen trugen sie, welche Tänze tanzten sie, welche Speisen aßen sie?
Wer einen historischen Roman schreiben will, stellt immer wieder fest, dass er trotz all seines Wissens viel zu wenig weiß.
Viel Arbeit wartete deshalb in Bologna auf meine Frau und mich. Wir hatten uns einen Plan zurechtgelegt, wie wir in den wenigen Tagen, die wir für unsere Recherche Zeit hatten, am besten vorgehen sollten.
Eine Zeitreise in das Bologna des 16. Jahrhunderts
Am nächsten Morgen zog es mich als Erstes zum Archiginnasio, dem altehrwürdigen Gebäude, in dem seinerzeit die Universität Bolognas ihren Sitz hatte, und das heute die Stadtbibliothek beherbergt. Staunend stand ich vor dem nahezu quadratischen Bau, ging in den Innenhof und schaute mich um. Zum Glück waren nur wenige Touristen anwesend, so dass ich Muße hatte, mich genau umzusehen. Ich stellte mir vor, wie damals die Studenten in den Hof hineinströmten, um morgens vor der Lesung die halbstündige Messe in der Kapelle Santa Maria de’ Bulgari zu besuchen. Ich sah, wie die Professoren, die ebenfalls zugegen waren, sich in den Seitenhallen der Kapelle versammelten und nach dem Ende des Gottesdienstes feierlich als Erste hinausschritten. Ich sah, wie sie daherkamen in ihren wallenden Togen, mit den weiten Ärmeln und dem Umhängen aus Hermelin, den Mittelgang und die Flure entlang, vorbei an den zahllosen Wappen der Adeligen und ehemaligen Studenten, bis in den großen Vorlesungsraum hinein, die ganze Zeit begleitet von ausgewählten Bediensteten. Ich sah die schwarzen Jacken und Kniehosen der Bediensteten und ihre Umhänge aus Seide und staunte über die prächtigen Silber-Tamboure, die sie über ihren Schultern trugen … Alles das sah ich und noch viel mehr, und jeder Stein, der mir begegnete, atmete für mich Geschichte.
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