Xinran: Das heutige China wie ich es sehe
Meiner Meinung nach bin ich überhaupt nicht in der Lage dazu, eine qualifizierte Aussage über das heutige China zu machen, denn:1. China besteht aus 56 ehnischen Gruppen, die jeweils eine ganz unterschiedliche Geschichte, unterschiedliche Sprachen und Kulturen aufweisen. Geographisch erstreckt es sich über eine Fläche, die 42 mal größer ist als Großbritannien. Über seine 5000 jährige Geschichte hinweg hat es so großen Reichtum wie im modernen Europa und so große Armut wie in der Sahara-Region erfahren, und ungefähr 1,4 Milliarden Menschen arbeiten, handeln und lieben sich in hunderten von Dialekten verschiedener Sprachen. Aus diesem Grund hört wahrscheinlich jeder unterschiedliche Nachrichten und Berichte aus China.
2. Ich lebe seit 5 Jahren nicht mehr in China. Während dieser Zeit haben nahezu täglich gewaltige Veränderungen stattgefunden. Die östlichen Regionen des heutigen China entwickeln sich so schnell, dass von den Bewohnern der Region kaum präzises Kartenmaterial für Besucher dieser Gegenden zur Verfügung gestellt werden kann.
3. Die Erfahrungen, die ich persönlich in China gemacht habe, können nur zu einem minimalen Teil die Erfahrungen anderer Chinesen wiederspiegeln so wie man einen Tropfen Wasser nicht mit dem Ozean vergleichen kann, können meine Erfahrungen auch nicht als repräsentativ betrachtet werden.
Um das heutige China aus welcher Perspektive auch immer verstehen zu können, sollte man vier soziale Phänomene berücksichtigen, die weltweit verbreitet und akzeptiert sind, in China jedoch nie Fuß fassen konnten: Religion, öffentliche Kommunikation / freie Medien, ein Rechtssystem und sexuelle Aufklärung.
Religion
In den vergangenen 3000 Jahren betrachteten die Chinesen ihre Kaiser und politischen Führer als Götter, deren jedes Wort Leben oder Tod bedeuten konnte. Im frühen 20. Jahrhundert geriet China in Aufruhr, als das feudale Gesellschaftssystem zerbrach. Während dieser blutigen Umwälzungen übernahmen die Warlords die Rolle der Retter. Sie begriffen, dass das chinesische Volk nicht ohne die Götter existieren konnte, die ihm spirituelle Kraft gaben. So unterschiedlich die politischen Theorien von Demokratie, Sozialismus und Kommunismus auch waren, die von Sun Yat-sen, Chiang Kai-Shek und Mao Tse Tung vertreten wurden die meisten Chinesen betrachteten diese Männer während ihrer Herrschaft nicht als politische Führer, sondern als neue Kaiser, mit moderneren Namen, und wiederum als ihre Götter.
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