Verlagsgruppe Droemer Knaur



Renate Ahrens über Fremde Schwestern

21.03.2011

Vier Fragen an die Autorin

Sie haben zahlreiche Mut machende Kinderbücher geschrieben. Doch in FREMDE SCHWESTERN ist die Kindheit eine Hölle, die Wunden für das ganze Leben schlägt. Woher stammt die Grundidee?

Mein Ausgangspunkt war die Frage, was geschieht, wenn ein Kind in einer Familie nicht willkommen ist. Im Fall meiner Protagonistinnen ist die Ehe der Eltern gescheitert, die Mutter psychisch nicht in der Lage, für ihre Kinder zu sorgen und der Vater nicht interessiert am Schicksal seiner jüngeren Tochter Lydia. So übernimmt Franka, die Ältere, schon sehr früh Lydia gegenüber die Rolle der Mutter, womit sie völlig überfordert ist. In meinen Romanen, wie auch in meinen Kinderbüchern, beschäftigt mich die Tatsache, dass Kindern sehr viel zugemutet wird, oft ohne dass es den Erwachsenen bewusst ist. Kinder sind erfindungsreich und entwickeln Strategien, um zu überleben, manchmal um den Preis einer inneren Verhärtung, wie bei Franka, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird.

Die heimliche Heldin in FREMDE SCHWESTERN ist die kleine Merle. Sind Kinder manchmal klüger als Erwachsene?


Ja. Kinder haben eine untrügliche Intuition und sie sind sehr ehrlich in ihren Reaktionen. Es ist eine emotionale Klugheit, die sie auszeichnet – vorausgesetzt, sie leben in einer Welt, die ihre Entfaltung fördert. Diese Welt kann durchaus ungewöhnlich sein. Merle hat mit ihren sieben Jahren schon in mehr oder weniger prekären Verhältnissen in Südafrika, Indien und Nepal gelebt, aber ihre Mutter hat ihr eine große innere Stärke vermittelt. Der schweren Kindheit der beiden Schwestern steht hier also eine andere Kindheit gegenüber. Merle verkörpert Hoffnung, allein in der Art, wie sie Mutter und Tante zwingt, sich aufeinander zu zu bewegen. Sie ist am entwicklungsfähigsten und mit ihr ist am ehesten eine Identifikation möglich. Somit wird sie zur eigentlichen Hauptfigur.

Die Vergangenheit, vor allem das, was vergessen und verdrängt wurde, spielt eine wichtige Rolle in FREMDE SCHWESTERN. Wie findet man eine Form, so etwas darzustellen?

Die Frage, wie Erinnerung funktioniert und in welcher Weise ein solcher Prozess literarisch umgesetzt werden kann, hat mich lange beschäftigt. Die für Franka jahrzehntelang verschüttete Kindheitsebene wird im Verlauf des Romans in Form von Erinnerungsbildern und -szenen freigelegt und zwar in einem Bewusstseinsstrom, der ein Gegenstück zu ihrer knappen, pragmatischen Sprache darstellt. Diese disparat in den Text eingewobenen Erinnerungsfragmente folgen keinem linearen zeitlichen Ablauf; ihre Anordnung entspricht eher der Heimsuchung von verdrängten Gefühlsschichten. Ausgelöst werden die Erinnerungsbilder und -szenen durch die Begegnungen mit ihrer kranken, erwachsenen Schwester Lydia, insbesondere aber durch die Konfrontation mit ihrer Nichte Merle, die Franka in ihrer kindlichen Offenheit, ihrem Zutrauen und ihrer Verletzlichkeit auf sich selbst und ihre problematische Familiengeschichte zurückwirft. Ziel war es, durch die Integration der Rückblenden in die Gegenwart eine der Geschichte eigene Spannung entstehen zu lassen: Ist auf dem Hintergrund der beklemmenden Konkurrenzsituation und der verzweifelten Racheakte in der Vergangenheit eine wirkliche Annäherung der Schwestern überhaupt möglich? Wie wirkt sich dieser Konflikt auf Merle aus? Was geschieht mit ihr, falls ihre Mutter nicht überleben sollte? Erst im Zusammenklang ihrer Kindheits- und Erwachsenenstimme, also im Verweben der zeitlichen Ebenen, erschließt sich die Figur der Franka.

Schreiben Sie schon an einem neuen Buch? Wovon wird es handeln?

Ja, ich schreibe an einem neuen Roman. Er handelt von einer Frau, deren Leben aus den Fugen gerät, als sie ihrer Tochter begegnet, die sie vor zwanzig Jahren zur Adoption freigab.

 

Die Autorin

Renate Ahrens

Portrait von  Renate Ahrens

Renate Ahrens, 1955 geboren, studierte Anglistik und Romanistik und war einige Jahre als Lehrerin tätig, bevor sie 1986 als freie Autorin zu arbeiten begann. Sie schreibt Romane, Kinderbücher und Theaterstücke.

zur Autorin

Das Buch

Fremde Schwestern

Friedrich Ani – Süden

Fremde Schwestern von Renate Ahrens: auch im eBook erhältlich!
In ihrer Kindheit waren sich die Schwestern Franka und Lydia einmal sehr nah – bis es zum Bruch kam.

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