Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Tobias Micke

"Erinnerungen, die Glücksgefühle hervorrufen"

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Tobias Micke, geboren 1971 in Wien, arbeitete schon mit 18 als Journalist. Nach mehreren Jahren in seinem Beruf nahm sich Micke eine Auszeit und durchquerte die USA mit dem Fahrrad, schrieb gemeinsam mit seinem Bruder sein erstes Abenteuer-Reisebuch „Bikers Barbecue“ und verdiente sich eine Saison lang als Ski- und Snowboardlehrer sowie als Club-Animateur in der Schweiz. 2006 entdeckte er schließlich die Viehhüterei. Seit dem ist er bis dato jedes Jahr in den Sommermonaten umringt von Kühen auf dem Berg anzutreffen.

Wie kommt man als Stadtmensch – noch dazu als Technik-Journalist – auf die Idee, Kühe zu hüten?

Ich habe einen Schriftstellerfreund, der jeden Sommer auf der Alm seines Bruders beim Viehhüten seine Texte schreibt. Er hat mich für ein paar Tage zu dieser abgelegenen Hütte in der Steiermark mitgenommen. Der Kontrast war heftig. Es hat drei Jahre gedauert, bis ich wirklich begriffen habe, wie toll so eine Zeit auf der Alm sein kann und bis der Wunsch sich verfestigte, selbst auf die Alm zu gehen.

Was haben Sie sich vom „Almgehen“ versprochen?

Ich wollte – wie so viele Menschen – eine Auszeit von meinem Alltag. Den Horizont erweitern, etwas dazu lernen, selbst anpacken. Und vor allem das Tempo aus meinem Leben nehmen. Hören, was übrig bleibt, wenn Fernsehen, Internet, Zeitung, Kino und Mobiltelefon einmal eine zeitlang schweigen.
Hat die Alm Ihnen diese Dinge gebracht?

Es war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Viehhüten ist Verantwortung. Es ist (vor allem für ein Stadtei) anstrengend! Und auch nach Wochen neu und ungewohnt. Ich war zwischendurch verzweifelt, weil die erhoffte Ruhe, die Stille im Kopf nicht kommen wollte. Beim „Ausstieg auf Zeit“ ist es nicht möglich, jeden Kontakt zur „anderen Welt“ wirklich abzubrechen. Es gibt Familienangelegenheiten, man muss finanziell über die Runden kommen, die Wohnung daheim bezahlen, dringende Post erledigen. Das macht den Wechsel in ein Paralleluniversum schwer und erfordert Planung und Kompromisse. Doch als ich diesen klischeehaften Idylle-Traum aufgegeben habe und mir dachte: „Nimm es doch einfach so, wie es kommt, genieß zumindest die Abwechslung und die Verrücktheit dieser Aktion“, wurde plötzlich der Kopf frei. Das Loslassen war der Schlüssel. Das mag philosophisch klingen. Ist es wohl auch – eben auf eine viehhüterische Weise.
Haben Sie also doch die Idylle und die Ruhe gefunden, die sich alle in ihrem persönlichen Aussteiger-Traum wünschen?

Ich habe über den intensiven Kontakt mit der Natur zu einem neuen Lebensgefühl gefunden. Auch wenn das Gefühl zu verschwinden droht, wenn mich der Alltag wieder überrollt. Dann hilft nur durchatmen, Augen schließen und sich in Gedanken zurück auf die Alm beamen, zu meinen freilaufenden, grasenden, wiederkäuenden Jungkühen in den Bergen. Das ist wie Kurzurlaub.
Können Sie demnach Viehhüten als Meditations- und Entspannungshilfe empfehlen?

Definitiv! Allerdings sollte man sich wirklich keine Illusionen machen, was einen da erwartet. Der dreitägige Viehhüterkurs, den ich zur Vorbereitung auf die Alm gemacht habe, hat sehr deutlich gemacht, dass hier harte, teilweise unberechenbare Arbeit auf mich zukommt. Ungewohnte Arbeit, auf die kein Fitnesscenter der Welt dich vorbereiten kann. Aber für diejenigen, die bereit sind, zuzupacken und sich den rauen Regeln der Alm und der Viehbesitzer unterordnen können, gibt es kaum etwas Besseres.

Wie sind Sie mit den Menschen klargekommen, deren Vieh Sie hüten durften? War da nicht großes Misstrauen?

Am Anfang auf jeden Fall. Circa fünfzehn Bauern haben mir ihr Jungvieh anvertraut – rund 80 Tiere – ein enormer finanzieller Wert! Das bedeutet Verantwortung. Nicht jeder hat mich seine Skepsis spüren lassen. Aber ich bin sicher, dass viele zweifelten, ob so ein Stadtmensch, noch dazu ein Journalist, ein Schreibtischtäter das richtig machen kann. Das Tolle an den Menschen in „meinem Dorf“ im Kärntner Gailtal war aber, dass sie mir von Anfang an geholfen haben. Sie waren mir gegenüber offen und haben mich an Ihren Erfahrungen teilhaben lassen. Als Viehhüter ist man gleich Mitglied der Gesellschaft. Eine Ansprechperson, mit der man sich nicht mit Smalltalk herumquälen muss. Das ist großartig. Jetzt, nach der mittlerweile zweiten Saison, in der die Rattendorfer mir und meiner Freundin ihr Vieh anvertrauen, zweifelt, glaube ich, keiner mehr an unserer Fähigkeit, Vieh zu hüten.
Hatten Sie auf der Alm auch mal Besuch von anderen Stadteiern?

Ich hatte auf der Alm natürlich Besuch von Freunden und Verwandten aus der Stadt. Diese Erinnerungen an die Gesichter der Besucher, das Beobachten, wie sie sich binnen weniger Tage aus ihren Alltagssorgen entführen ließen, sich veränderten und ruhiger wurden, diese Erinnerungen sind schon etwas ganz besonderes. Auch das kann die eigenen Schwerpunkte im Leben verschieben.

Was nimmt man denn nach so einem Almsommer ins Tal mit?

Selbstgemachten Käse, Speck als Dank von den Bauern für die Arbeit, getrocknete Steinpilze, Kräuter, einen selbst geschnitzten Hirtenstock. Aber natürlich nicht nur materielle Dinge. Der Blick auf die Landwirtschaft hat sich zum Beispiel geändert. Das fängt bei der Lebensmittelproduktion an und hört bei den Schwierigkeiten, mit denen Bauern zu kämpfen haben auf. Die Erkenntnis, dass Kühe auch Individuen sind, ist ebenfalls nicht unbedeutend.
Was sich total verändert hat, ist mein Zugang zum Essen. Probier eine hauchdünne Scheibe vom Bauern geräucherten Speck, dazu selbst gemachte Almbutter auf selbst gebackenem Brot! Eine Aromaexplosion! Das ist geschmacklich mit nur wenigen Dingen vergleichbar, die man zwischen all der Massenware in einem Supermarkt kaufen kann. Lebensmittel sind seither für mich nicht mehr nur Treibstoff. Sie sind etwas, das eine Geschichte hat. Und die schmeckt man – oder eben nicht.
Was bleibt übrig, außer Fernweh?

Die Alm hat bei mir wieder eine sehr lebendige Verknüpfung zu meinen Kindheitserinnerungen geschaffen. Erinnerungen, die Glücksgefühle hervorrufen, die mein Leben nicht nur als Abfolge von Augenblicken erscheinen lassen. Familie und Freunde bekommen wieder einen ganz anderen Stellenwert.

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