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Fantasy Genres – Die Vielfalt der Fantasy

Magisch begabte Kinder, die durch die Zeit reisen, elementare Grisha umgeben von Schatten und Licht, heldenhafte Zwerge und humorige Orks im Kampf gegen das Böse und Küsse, die die Welt zerstören – phantastische Literatur ist so vielfältig und breit gefächert wie die Fantasie der Menschen.

hellbrauner Hintergrund mit Uhrenemblem. Im Vordergrund der Schriftzug "Fantasy Genres"

Die Vielfalt der Fantasy zeigt sich vor allen Dingen in den unterschiedlichen Genres und Subgenres, die die Fantasy im deutschsprachigen Raum prägen und sie umfasst weit mehr als die typischen Hauptströmungen High Fantasy und Urban Fantasy vermuten lassen.

Eigene Welten, epische Schlachten und die Rettung der Welt – High Fantasy

Lange Zeit hat die klassische High Fantasy in der Tradition J.R.R. Tolkiens das öffentliche Bild der Fantasy geprägt. Dabei werden mit dem Begriff High Fantasy gerne stellvertretend alle Fantasyromane benannt, deren Geschichten in einer eigen konstruierten Welt spielen.
Eine komplex ausgestaltete Welt, die nicht unsere ist und nach eigenen Regeln funktioniert, ist eines der wichtigsten Merkmale der High Fantasy. Hierzulande überwogen in den vergangenen Jahren – der Tradition Tolkiens folgend – dabei Welten, die mehr oder weniger vage an ein europäisches Mittelalter angelehnt sind. Die Geschichte bedient sich komplexer Strukturen und baut mythologische, magische, aber oft auch politische Handlungsstränge ein. Nicht selten müssen sich die Held*innen großen Aufgaben stellen und ihre Welt retten. Folgen wir dabei einer epischen Heldenreise, so wird auch gerne von Epischer Fantasy gesprochen.

In jüngster Zeit bricht diese Tradition mehr und mehr auf, sodass neue „Welten“ erschlossen und andere kulturelle und zeitliche Bezüge hergestellt werden. Stefanie Hasses Der verbotene Wunsch orientiert sich zum Beispiel an einer römisch-griechischen Antike. Knochenblumen welken nicht von Eleanor Bardilac führt uns in eine Stadt, die an Wien um 1900 erinnert. Und Leigh Bardugo nimmt uns in ihrem Grishaverse mit in slavisch inspirierte Welten.

Die Beispiele zeigen, dass High Fantasy nicht immer lange Reisen durch undurchdringliche Wälder oder verschneite Landschaften bedeutet. In den Fantasywelten gibt es Städte, in denen sich Menschen und Wesen aller Art, Hautfarbe, Sexualität und magischer Begabungen tummeln. 

Aus der Auseinandersetzung mit High Fantasy haben sich einige weitere Subgenres des Fantastischen entwickelt, etwa die Völkerfantasy, die ihren Fokus auf die Erzählung unterschiedlicher, nicht immer menschlicher Völker richtet (Zwerge, Orks und Elfen sind dabei besonders beliebt), oder auch die Dark Fantasy oder Grimdark Fantasy.

Völkerfantasy, High Fantasy, Dark Fantasy: Was passiert, wenn sich diese Genres vermengen, zeigt Markus Heitz in der lange ersehnten “Rückkehr der Zwerge”. Dort vereinen sich spannende Questen, epische Schlachten, uralte Intrigen und brutale Machtkämpfe zwischen den Völkern der heldenhaften Zwerge, der skrupellosen Menschen, der geheimnisvollen Albae – und den Drachen!

Kein Schwarz, kein Weiß – Dark Fantasy

Der Kampf Gut gegen Böse ist überholt. In der Dark Fantasy zeigen sich Figuren mit all ihren menschlichen oder nichtmenschlichen Abgründen. Es wird blutig, düster und gewaltvoll. Nicht selten sehen sich die Figuren Situationen gegenüber, die sie nur durch moralisch fragwürdige Entscheidungen lösen können. Beispiele dafür finden sich etwa bei Markus Heitz’ Die dunklen Lande oder in Katharina V. Haderers Black-Alchemy-Trilogie beginnend mit Das Schwert der Totengöttin.

Das Magische in unserer Welt – Urban Fantasy

Urban Fantasy ist neben der High Fantasy eine der größten Strömungen in der Phantastik. Gemeint sind damit Geschichten, deren Handlungsort in unserer Welt liegt, wobei jedoch magische und fantastische Elemente im Vordergrund stehen und sich mit dem Realen vermischen

Nicht nur Hier, nicht nur Jetzt: Historische Urban Fantasy und Zeitreisen

Doch Urban Fantasy heißt nicht nur, das Fantastische im Hier und Jetzt zu finden. Auch die Vergangenheit ist voller Magie und rätselhaft Übernatürlichem – wie Kai Meyer und Lisanne Surborgs Imperator zeigt, in dem die römischen Kaiser ins Rom der 1960er zurückkehren. 

Aber auch Zeitreisen – sofern man diese als Teil der Urban Fantasy, oder auch als eigenständiges Subgenre bezeichnen möchte – sind möglich: Die Fans von Ransom Riggs‘ Reihe, beginnend mit Die Insel der besonderen Kinder, erleben dank Zeitschleifen und atmosphärischer Fotografien viele historische Momente.

Genregrenzen überschreiten – Paranormal Mystery und Supernatural Crime

Grummelige Polizeibeamte in langen Mänteln, vereinsamte, dem Alkohol nicht abgeneigte Privatdetektive, die weder beruflich noch privat sonderlich erfolgreich wirken. Ein Fall, der sie aus dem Loch zieht und anfängliche Abneigung in exzessive, fast manische Obsession auf der Suche nach der Lösung führt. Klingt bekannt? Warum das dann nicht in einer Stadt voller Vampire, Drachen, Sirenen, Elfen oder Fae spielen lassen? Das Genre des Supernatural Crime oder paranormalen Mysterythrillers verbindet Detektivgeschichte mit einem magischen Setting, wie etwa in Der letzte Held von Sunder City und Totengraben von Luke Arnold. 

Dass auch dabei mit Traditionen gespielt und gebrochen werden kann, zeigt Sonja Rüther in ihrer Geistkrieger-Reihe. Statt eine eigene oder unsere Welt, erzählt Geistkrieger eine alternative Geschichte der Eroberung Amerikas. Denn diese hat in dieser Welt nie stattgefunden und die amerikanischen Ureinwohner, dort Powtankaner genannt, konnten sich zu einer starken Weltmacht entwickeln – auch, weil sie auf die Magie der Naturgeister zurückgreifen und Fremden gegenüber mehr als misstrauisch sind. (Anti-)Held Finnley hat sich in die Häuptlingstochter verliebt und ist bereit, alles für sie zu tun. Als ehemaliger Personenschützer schließt er sich der Sondereinheit “Geistkrieger” an, die immer dann gerufen werden, wenn spirituelle Mächte am Werk sind. So auch in seinem neuesten Fall, der sich bald zu etwas viel Größerem entwickelt.

Das Klassische im Fantastischen – Märchen- und Klassikeradaptionen

Dass Fantasy-Schreiberlinge belesen sind und mit den Klassikern der Weltliteratur ebenso gekonnt umgehen können wie mit eigenen Welten, zeigen zahlreiche Neuerzählungen von Klassikern, Märchen und Legenden. Mit einem queer-modernen, düsteren Retelling des Trojakrieges und die Legenden um die Amazonen bringt Nora Bendzko ihren Lesenden die griechische Antike näher. 

Wer wissen möchte, wie ein Märchen wie das der schlafenden Prinzessin in einer Welt voller tyrannischer Herrscher und magischer Dornenhecken enden kann, kann das in der märchenhaften Dilogie von Boris Koch (Dornenthron und Narrenkrone) nachlesen. Und die Märchenliebenden unter uns finden neben Dornröschen sicher noch die eine oder andere Anspielung auf bekannte Sagen und Legenden.

Und auch französische Klassiker wie Victor Hugos Les Miserables werden in andere Welten, ja auf andere Planeten transferiert, wie das Autorinnenduo Jessica Brody und Joanne Rendell in Die Rebellion von Laterre vornehmen – auch wenn es sich hierbei eher um Science-Fiction handelt, dürften Fantasyleser*innen davon nicht abgeneigt sein.

Unsterbliche Liebe, magischer Kuss – Romantasy oder Romantische Fantasy

Die Liebe – nein, die Liebe darf natürlich nicht fehlen. Romantasy – eine Wortschöpfung aus Romantisch/Romance und Fantasy stellt die Zärtlichkeit und romantische Liebe in den Vordergrund, sei es nun von heterosexuellen oder queeren Paaren. 

Stefanie Hasse über Romantasy und warum ihre Dilogie beginnend mit Der verbotene Wunsch perfekt dazu passt:

»Ich halte die Liebe in all ihren Facetten für eine der stärksten Motivationen überhaupt, nicht nur in der uns bekannten Welt. Daher spielt neben Geschwisterliebe auch die romantische Liebe in Der verbotene Wunsch eine zentrale Rolle. Wer zwischen den Seiten eintauchen will, um an der Seite der Figuren erst zarte Gefühle zu entwickeln, sich trotz widriger Umstände anzunähern und für jeden romantischen Moment und die Liebe selbst zu kämpfen, ist bei den »Vier Göttergaben« definitiv richtig.«

Zeit, der grausamen Wirklichkeit ins Auge zu blicken – Dystopische (Science) Fantasy

Von der Liebe zum Ende der Welt. Dystopische Fantasy zeigt (post-)apokalyptische Welten, die vor dem Aus stehen – sei es durch Kriege, Klimakatastrophen und übermächtig gewordene Intelligenzen. Paradetitel dafür sind wohl Zerrissene Erde von N. K. Jemisin und Erde 0 von Micaiah Johnson. 

Erstere zeigt uns in ihrer Trilogie eine Welt im Ausnahmezustand. Seit sich im Herzen des Landes Sanze ein gewaltiger Riss voll brodelnder Lava aufgetan hat, dessen Asche den Himmel verdüstert, scheinen immer mehr Menschen dem Wahnsinn zu verfallen. So lässt der Herrscher seine eigenen Bürger ermorden. Doch nicht Soldaten haben Essuns kleinen Sohn erschlagen und ihre Tochter entführt – sondern ihr eigener Ehemann! Jemisins Roman erforscht menschliche Abgründe und die Liebe einer Mutter in einer Welt, in der man niemandem vertrauen kann.

Micaiah Johnson dagegen setzt sich intensiv mit hoch aktuellen gesellschaftlichen Themen wie Diversität, Armut und Ausgrenzung auseinander. Ihr Roman bleibt dabei ein spannender Pageturner mit Wendungen und Twists ohne je belehrend zu werden. 

Die Grenzen zur Science-Fiction sind gerade in Dystopien fließend, wie sich bei Laura Lams Das ferne Licht der Sterne zeigt. Der dystopische Thriller setzt sich gekonnt mit Frauenrechten und klimapolitischen Themen auseinander und erschafft dabei eine düstere, aber am Ende hoffnungsvolle Zukunftsvision. Das ferne Licht der Sterne erzählt die Geschichte einer Gruppe von Wissenschaftlerinnen, die  für ihre Rechte als Frauen kämpfen und bereit sind, alles zu geben, um das Überleben der Menschheit zu sichern und eine neue Heimat zu finden.

Ohne Fortschritt kein Bestehen – Progressive Fantasy

Die Grenzen der Phantastik sind fließend, und auch wenn vielfach noch die traditionellen Wege erkennbar sind, so hat sich die Fantasy in den vergangenen Jahren sehr stark entwickelt, ihre eigenen Genregrenzen reflektiert und erweitert. Wer Progressive Phantastik schreibt, hat sich das auf die Fahnen geschrieben. Unter anderem sagt Nora Bendzko über die Progressive Phantastik:

»Progressive Phantastik ist ein Dachbegriff für Genres, die sich von konservativer Phantastik wegbewegen. Darunter fallen etwa Afrofuturismus, Hope- und Solarpunk, queernormative Science-Fiction, und vieles mehr.

Das Progressive kann politisch verstanden werden, durch die Inklusion von marginalisierten Figuren, Themen wie Antirassismus oder Feminismus. Aber es schließt auch experimentelle Textstrukturen mit ein. Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff u. a. von James Sullivan und Judith C. Vogt popularisiert.

Die Götter müssen sterben lässt sich in vieler Hinsicht als Progressive Phantastik begreifen. Anders als in klassischer Dark Fantasy spielen nicht düstere Antihelden die Hauptrollen, auch Frauen und weitere Geschlechter metzeln mit. Statt eurozentrischen Settings mit vornehmlich weißen Figuren treffen wir Menschen verschiedenster Herkünfte an, die Erzählstruktur wird durch Perspektivbrüche und Zwischenspiele erweitert.«