Die Meisterin - Die neue Fantasy-Buchreihe von Markus Heitz

»Wir sind Scharfrichter, Ausgestoßene. Wenn wir uns nicht helfen, wer tät’s sonst? Diese Hexen und Zauberer und jene, denen du halfst, kommen nicht, um dich zu retten, wenn’s dir schlecht erginge.«

»Ich bin keine Henkerin«, beharrte sie. »Und werd’s niemals sein.«

»Das weiche Herz. Dachtest du, ich weiß nicht, dass du den Hexen hilfst, die Schmerzen der Befragung zu ertragen? Mit deinen Mittelchen? Damit sie nicht gestehen und in Freiheit kommen?« Jacob lächelte. »Ein ewiger Wettstreit zwischen unserer beider Können. Aber dieses Mal wirst du ihn verlieren.«    

[...]

Seit Jahrhunderten bemüht sich die Heilerin Geneve Cornelius um Neutralität in der ewigen Fehde ihrer Familie mit der Scharfrichter-Dynastie der Bugattis. Doch dann wird ihr Bruder im Hinterhof eines Londoner Pubs brutal enthauptet. Ein Racheakt, der den uralten Zwist zwischen 
den Scharfrichter-Familien Bugatti und Cornelius anfachen soll – so scheint es zumindest. 


Denn zur gleichen Zeit häufen sich in Geneves Heimatstadt Leipzig unheimliche Vorfälle. Die Anderswelt mit ihren mystischen Kreaturen ist in Aufruhr. Die unsterbliche Heilerin ahnt, dass ihr eine Entscheidung bevorsteht: Behält sie ihre Neutralität bei, oder nimmt sie gegen all ihre Überzeugungen den Kampf gegen die unbekannte Bedrohung auf und findet dabei vielleicht den Tod? 

Leseprobe

Die Meisterin

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die Sie so noch nicht kennen.

Sollten Sie bislang keine Angst vor der Dunkelheit haben, die mehr ist als Schwärze in der Nacht oder das bloße Fehlen von Licht, wird sich das ändern. Und wenn Sie glauben, Sie seien schreckhaft, wird Ihre Furcht wachsen.

Denn sämtliche Wesen, die Sie aus Horrorfilmen, alten Büchern und Märchen kennen, existieren. Diese und mehr. Sowohl die guten als auch die schlechten Kreaturen. Verborgen und doch vor Ihren Augen. Manche wenige Auserwählte kennen und erkennen sie, aber die meisten Menschen der Moderne sind ahnungslos ...

Wer ich bin? Das erfahren Sie früh genug oder werden es sich ab einem gewissen Punkt der Erzählung denken können.

Meine Geschichte beginnt in Deutschland, in der Stadt Leipzig, und noch genauer in Schleußig, einem Stadtteil, in den man als Tourist eher selten gerät. Die meisten besuchen das Zentrum mit seinen Gässchen und Höfen, schauen sich Museen und das Völkerschlachtdenkmal an, lassen weder Auerbachs Keller noch den Steilen Zahn aus, wie das Hochhaus genannt wird, das abends rot beleuchtet in den Himmel sticht, und erkunden den Zoo.

Dabei ist Leipzig so viel mehr, würde meine Tochter jetzt sagen. 

Mir gefällt die Stadt nicht. Aber das liegt daran, dass ich keine guten Erinnerungen an sie habe. Doch das ist eine andere Geschichte.

Nehmen Sie sich ein gutes Getränk Ihrer Wahl, suchen Sie sich einen gemütlichen Platz, mit dem Rücken zur Wand und den Blick auf Türen und Fenster, und folgen Sie meinen Worten.

Sie werden Ihnen zeigen, dass ... nein, ich verrate lieber nicht mehr.

Nur eines noch: Achten Sie auf die Schatten in Ihrer Umgebung!

 

Geneve Cornelius blätterte die vollgeschriebene Seite des Notizblocks um, der auf dem antiken Schreibtisch lag, und warf einen Blick in das aufgeräumte Behandlungszimmer.

Es sah etwas anders aus als die Räume, in denen Geneves Kollegen in der Naturheilkunde ihre Patienten empfingen. Die Liege, die Schränke mit den Milchglasfenstern, in denen die verschiedenen Tinkturen, Salben, Einreibemittel und Arzneien lagerten – die gesamte Einrichtung erinnerte an ein Museum oder eine auf alt getrimmte Gastwirtschaft. Die moderne Wandgestaltung sowie die indirekte Beleuchtung durch seitliche Wandspots hingegen brachen das gepflegte Altertümliche und erschufen einen spannenden Kontrast; so stand auch neben dem Notizblock ein Laptop der neusten Generation.

Geneve, eine brünette Frau mit dem Äußeren einer Dreißigjährigen, erhob sich und öffnete die bodentiefen Fenster, um frische Luft hereinzulassen.

Sofort drang das niemals endende Geräusch von fließendem Wasser herein. Die Weiße Elster zog unmittelbar am Haus vorbei, in dem Geneve lebte und ihre Praxis betrieb. Kinderlachen tönte vom benachbarten Spielplatz herüber, Kanus zogen über den träge gleitenden Fluss, die Ruderer folgten den lauten Anweisungen ihrer Trainer. Hunde bellten, es wurde gerufen und gelacht.

Geneve lächelte in die Sonnenstrahlen und atmete tief ein. Sie richtete ihre Kleidung, die eine Nummer zu groß und damit sehr bequem war, dann wandte sie sich um, ging zur Tür und drückte die Klinke hinab.

Freundlich schaute sie ins Wartezimmer, in dem eine ältere Dame saß und strickte. Ein Babyschühchen. »Was machen die Schmerzen, liebe Frau Tirinack? Haben sie wie versprochen nachgelassen?«

Die Frau, gekleidet in Rentnerbeige mit einem bunten Schal als Accessoire, erhob sich und verstaute dabei Nadeln sowie Wolle in ihrer großen Handtasche. »Ich weiß ja, Sie haben mir das alles erklärt, was in meiner Salbe drin ist. Verstanden habe ich es nicht, aber schauen Sie mal.« Sie streckte die Arme aus, ging langsam in die Knie und kam wieder hoch, runter und hoch, runter und hoch.

Geneve lachte. »Das ist ganz großartig, liebe Frau Tirinack!«

»Meine Gelenke tun nicht mehr weh. Keine Spur von Rheuma.« Die ältere Frau kam auf Geneve zu und kramte aus der Handtasche eine Schachtel Pralinen. »Sie junges Ding essen das bestimmt nicht, weil Sie auf Ihre Linie achten. Wollte Ihnen aber unbedingt was mitbringen.«

Geneve nahm das Geschenk entgegen und gab die Tür frei. »Das ist lieb von Ihnen. Und ich esse alles auf, versprochen. Das trainiere ich wieder runter. Dauerlauf ist zum Glück eine anstrengende Sache.«

»Waren Sie nicht Schwimmerin?«

»Das haben Sie sich gut gemerkt. Doch es musste was Neues her. Ich versuche mich jetzt im Halbmarathon.«

»Dann wünsche ich Ihnen ... gute Puste?« Die Frau lächelte. »Die Salbe ist so gut wie aufgebraucht. Wenn Sie noch ein Döschen hätten?«

»Ich fülle Ihnen gleich einen Tiegel ab.«

»Tiegel. Du meine Güte! Dass jemand Junges wie Sie so ein Wort überhaupt kennt.« Frau Tirinack betrat das Behandlungszimmer und setzte sich gleich auf die Liege. »Leider habe ich noch etwas, das mein Hausarzt einfach nicht behandelt bekommt.« Sie streifte sich den rechten, flachen Schuh ab, dessen Sohle abgelaufen war.

»Der Leberfleck. Der entzündet sich immer.«

»Ich schaue es mir gerne an.« Geneve schloss die Tür und hockte sich vor die alte Dame, zog den hellgrauen Nylonstrumpf behutsam herab. Darunter kam ein centgroßer Fleck zum Vorschein, der obendrauf verkrustet war. Die Ränder waren ausgefranst und unregelmäßig.

»Frau Tirinack, was soll denn das?« Geneve hob den Blick, richtete das braune und das grüne Auge auf die Patientin, die versuchte, unschuldig zu tun.

»Was meinen Sie denn damit, Frau Cornelius?«

»Jeder Erstsemestler in Medizin erkennt das als möglichen Hautkrebs. Ihr Hausarzt erst recht. Der ist ein guter.« Geneve wandte sich um und zog eine Schublade auf, um ein Pflaster herauszuholen.

»Sie ... Sie haben ja recht.« Frau Tirinack gab ihr schlechtes Schauspiel auf und seufzte. »Ich dachte, wenn Sie was gegen Rheuma machen können, dann auch gegen das Geschwür.«

»Wenn ich Krebs heilen könnte, liebe Frau Tirinack, hätte ich schon den Nobelpreis für Medizin bekommen.« Geneve klebte das Pflaster behutsam auf den Fleck. »Jetzt scheuert es nicht mehr. Und morgen gehen Sie bitte zum Hausarzt und lassen sich eine Überweisung geben. Das sollen sich die Experten anschauen.«

»Die Überweisung habe ich schon«, gab sie zerknirscht zu. »Aber Sie waren meine Hoffnung, Frau Cornelius.«

»Naturheilkunde und altes Wissen vermögen vieles. Aber das«, Geneve deutete auf die Stelle am Fuß, »müssen die Kolleginnen und Kollegen von der konservativen Medizin lösen. Sobald Sie eine weitere Diagnose haben, zaubere ich Ihnen ein Mittel, das unterstützend wirkt.«

»Danke.« Frau Tirinack klang enttäuscht.

»Ich kann leider keine Wunder vollbringen.« Geneve schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. »Sie werden Oma?« Die Frage sollte die alte Dame ablenken.

Mit etwas Schönem.

»Ja. Mein vierter Enkel. Ich freue mich so!«

»Oh, wie schön! Das Leben ist nicht aufzuhalten.«

Geneve öffnete einen Aufbewahrungsschrank und gab in rascher Folge Zutaten in den Mörser, zerstieß sie zu Pulver und rührte es in die neutrale Trägercreme, welche die Haut pflegen würde. »Wie soll er denn heißen?«

»Augustus.«

»Oha. Ein mittlerweile seltener Name.« Geneve füllte die Creme mit einem breiten Spatel in eine Plastikschraubdose. »Der Tiegel sollte für sechs bis acht Wochen reichen. Einmal morgens dünn einreiben, und Sie kommen schmerzfrei durch den Tag. Nachts brauchen Sie die Salbe nicht mehr.«

Die alte Dame legte einen Fünfziger auf den Tisch.

»Lassen Sie mal«, entgegnete Geneve. »Das schenke ich Ihrem Enkel.«

»Das ist sehr nett!« Frau Tirinack strahlte über das Omagesicht. »Sie sind eigentlich viel zu nett. So verdienen Sie doch nichts. Wenn Sie wegen mir Ihre Praxis schließen müssten, dann ...« Sie machte Anstalten, den Fünfziger liegen zu lassen.

»Unterstehen Sie sich! Das geben Sie dem kleinen Augustus von mir.« Geneve schloss den Schrank. »Ich bringe Sie noch zur Tür, Frau Tirinack.«

Die Rentnerin schlüpfte in ihren Schuh. »Dass es solche aufmerksamen jungen Leute wie Sie noch gibt«, sagte sie leise. »Wann haben Sie das alles geschafft, Sie tüchtige Frau?«

»Wie meinen Sie das?«

»Na, die Ausbildung zur Naturheilkunde-Expertin, das Apothekenstudium ... sagt man das so?«

»Ähnlich, Frau Tirinack. Ähnlich.«

»Die ganzen Zulassungen.« Frau Tirinack deutete auf die Urkunden an der Wand. »Sie armes Kind haben kein bisschen Spaß gehabt, glaube ich.«

Geneve lachte und legte ihrer Patientin eine Hand auf die Schulter. »Den hatte ich. Ich war dabei nur sehr zielstrebig.«

Gemeinsam verließen sie das Behandlungszimmer in der alten Villa, gingen plaudernd durch den Flur und erreichten die Haustür.

»Nicht wieder versuchen zu schummeln, Frau Tirinack«, sagte Geneve und öffnete den Eingang. Eine Rampe ermöglichte Menschen mit Beeinträchtigungen das einfache Betreten des kleinen Anwesens. »Ab zum Hautarzt mit Ihnen. Morgen!« Sie drückte die Dame leicht zum Abschied. »Sie werden sehen: Das ist im Handumdrehen verschwunden und geheilt.«

»Sehen wir uns bei der Obdachlosenhilfe? Wissen Sie, die Tippelbrüder vertrauen Ihnen.«

»Natürlich. Ich bin gerne dabei.«

Frau Tirinack erwiderte ihr Lächeln. »Sie sind ein echtes Phänomen, Frau Cornelius. Ich weiß gar nicht, wie ich das anders sagen soll.« Sie ging die Rampe hinab.

»Schönen Tag!«

»Ihnen auch.« Geneve winkte ihr nach. Sobald ihre letzte Patientin hinter dem zugewucherten Schmiedeeisenzaun verschwunden war, zog Geneve ihr Smartphone aus der Tasche. Das Vibrieren zwischendurch hatte sie bemerkt, aber solange sie sich in einer Behandlung befand, war das Nutzen des Telefons tabu.

Eine verschlüsselte Nachricht hatte sie über ihre Website erreicht, von einem Ehepaar. Ein Eric und eine Sia fragten nach einer alternativen Behandlungsmethode für eine pubertierende Jugendliche mit auffälligen Wachstumsstörungen.

Der Zahlencode in der Nachricht verdeutlichte, dass es sich nicht um eine herkömmliche Anfrage handelte, sondern nach mehr verlangte. Nach speziellem Wissen.

Geneve kehrte ins Haus zurück und schloss den Eingang. Die restlichen Zeilen des Ehepaars las sie nicht. Für heute hatte sie genug gearbeitet, die Beantwortung der Anfrage musste warten.

Die Meisterin: Der Beginn

Eine uralte Familien-Fehde, eine unbekannte Bedrohung aus der Anderswelt und eine Frau, die alles aufs Spiel setzen muss – fesselnder Mix aus Fantasy und Thriller-Elementen von Bestseller-Autor Markus Heitz Seit Jahrhunderten bemüht sich die Heilerin Geneve Cornelius um Neutralität in der ewigen Fehde ihrer Familie mit der Scharfrichter-Dynastie der Bugattis. Doch...

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Markus Heitz

Markus Heitz

Markus Heitz, geboren 1971, studierte Germanistik und Geschichte. Er schrieb über 50 Romane und wurde etliche Male ausgezeichnet. Mit der Bestsellerserie um "Die Zwerge" gelang dem Saarländer der nationale und internationale Durchbruch. Dazu kamen erfolgreiche Thriller um Wandelwesen, Vampire, Seelenwanderer und andere düstere Gestalten der Urban Fantasy und Phantastik. Die Ideen gehen ihm noch lange nicht aus.

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