Sommernachtstod - Der Nummer-1-Bestseller aus Schweden

Seit der kleine Billy an einem Sommerabend vor zwanzig Jahren spurlos verschwand, liegt ein Schatten über dem Dorf in Südschweden. Nun kehrt Billys Schwester, die Therapeutin Vera, in ihren Heimatort zurück. Ihr neuer Patient Isak hat ihr eine beun­ruhigende Geschichte über einen verschwundenen Jungen erzählt, und sie hofft, endlich zu erfahren, was damals geschah. Doch längst nicht jedem im Dorf gefallen ihre hartnäckigen Fragen … 

 

»Ein absolut brillanter Krimi! So scharfsinnig und einfühlsam, und gleichzeitig so unendlich spannend.«
Kristina Ohlsson

»Ein packender Krimi mit atmosphärischem Setting, starken Figuren und spannender Story! Mit ›Sommernachtstod‹ hat Anders de la Motte bewiesen, dass er einer der begabtesten Krimi-Autoren Schwedens ist!«
Erik Axl Sund

Sommernachtstod

Ein Kind verschwindet, ein Dorf schweigt - ein fesselnder Kriminalroman von Schwedens peisgekröntem Autor Anders de la Motte Ein Schatten scheint über einem Dorf in Südschweden zu liegen, seit dort vor 20 Jahren der kleine Billy Lindh spurlos verschwand. Die Mutter des Jungen nahm sich daraufhin das Leben, ein Verdächtiger, dem...

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Leseprobe

Sommernachtstod

Das Kaninchen hockte im hohen Gras. Sein Fell war vom Tau, der sich soeben zur Dämmerung in den Garten gesellt hatte, feucht und glänzend.

Eigentlich sollte er reingehen. Mama mochte es nicht, wenn er allein draußen war, schon gar nicht, wenn es dunkel wurde. Aber schließlich war er schon groß, in ein paar Wochen wäre er fünf, und er liebte die Dämmerstunde. Bald würden die Nachttiere hervorkommen, Igel würden vorsichtig unter den großen Büschen hervorlugen und in kleinen, lustigen Schlangenlinien durch das Gras tapsen. Fledermäuse würden zwischen den hohen Bäumen umherflattern, und von der Kastanienallee auf der anderen Seite des Wohnhauses konnte er schon die ersten Eulen rufen hören.

Vor allem aber wollte er die Kaninchen sehen. Ein eigenes Kaninchen stand ganz oben auf seiner Wunschliste. Ein junges, weiches Kaninchen, genauso eines wie dasjenige, das dort drüben im Gras saß. Das kleine Tier sah ihn an, es rümpfte ein wenig die Nase, als ob es sich unsicher wäre, was seinen Geruch anging. Ob er gefährlich oder ungefährlich war. Er ging ein paar vorsichtige Schritte auf das Tier zu. Das Kaninchen blieb hocken, es wirkte unentschlossen.

Er wartete schon seit ein paar Monaten sehnsüchtig auf seinen Geburtstag. Von Mattias wünschte er sich einen Drachen. Er hatte gesehen, wie sein großer Bruder in Papas Werkstatt stundenlang an einem Drachen gebaut hatte. Wie er sorgfältig die Stäbe für das Gerüst abgemessen, Schnüre zwischen den Enden gespannt und alles mit einem glänzenden, dichten Stoff verkleidet hatte, geklaut aus einer der Schubladen oben auf dem Dachboden. Dort hingen Kleider, die einmal ihrer Großmutter gehört hatten und von denen sich die Mutter noch nicht hatte trennen können.

Er hatte diesen Sommer mehrmals zugeschaut, wenn Mattias und seine Freunde ihre selbstgebauten Drachen um die Wette fliegen ließen. Mattias’ Drachen flog jedes Mal am höchsten. Er schwebte ruhig über den Feldern wie ein Milan.

Das Kaninchen drüben im Gras sah ihn weiter an, und er ging noch ein paar Schritte vor. Als das Tier den Kopf hob, blieb er stehen. Eigentlich würde er am liebsten losrennen. Auf das Kaninchen zustürzen und sich daraufwerfen, es packen. Aber Onkel Harald sagte immer, dass ein guter Jäger nicht zu eifrig sein durfte, deshalb blieb er stehen, stand ganz ruhig da und dachte an seine Wunschliste.

Von seiner großen Schwester wünschte er sich ein rotes Auto, wie er es unten in der Stadt im Laden gesehen hatte. Das Auto hatte Flammen auf den Seiten, und wenn man es nach hinten zog und dann losließ, fuhr es ganz von selbst. Das Auto war bestimmt teuer, aber Vera würde es ihm trotzdem kaufen. Papa würde ihr das Geld dafür geben. Wenn sie darum bäte. Er wusste nicht genau, ob sie ihm die Sache mit den Habichteiern noch übel nahm, an die er am liebsten gar nicht denken wollte. Mattias hatte ihm verziehen, aber bei Vera wusste er nie so genau.

Das junge Kaninchen senkte den Kopf und begann an einem Grashalm zu mümmeln. Die Schnurrhaare bewegten sich dabei so niedlich, dass er kurz davor war, Onkel Haralds Regeln zu brechen. Aber er musste noch ein wenig ausharren. Den Augenblick abwarten, in dem das Kaninchen sich entspannte und nicht mehr zu ihm herübersah.

Von Mama und Papa wünschte er sich ein Fahrrad. Er hatte schon angefangen, auf Mattias’ altem Rad zu üben, obwohl er das eigentlich nicht allein durfte. Neulich war er gestürzt und hatte sich das Knie aufgeschlagen. Nicht schlimm, aber doch so, dass es geblutet hatte. Er hatte geweint und war in den Holzschuppen gekrochen, um sich zu verstecken. Onkel Harald hatte ihn gefunden und mit ihm geschimpft: »Was wird deine Mama sagen? Weißt du nicht, dass sie sich Sorgen macht?«

Doch, das wusste er. Mama machte sich fast dauernd Sorgen um ihn. »Weil du meine kleine Maus bist«, sagte sie dann. »Weil ich den Gedanken nicht ertrage, dass dir etwas passieren könnte.« Deshalb hatte er sich versteckt und nicht gewagt, ins Haus zu gehen. Nachdem er mit Schimpfen fertig war, hatte Onkel Harald ein Pflaster auf sein Knie geklebt und der Mutter gesagt, er sei auf dem Kiesweg zwischen Scheune und Wohnhaus hingefallen. Kein Wunder, wenn man in Holzpantoffeln herumrennt. Er hatte nicht seinetwegen gelogen, sondern wegen Mama. Damit sie sich keine Sorgen machte. Seitdem durfte er keine Holzpantoffeln mehr tragen wie Mattias und Vera. Er fand das ungerecht.

Plötzlich bewegte sich das kleine Kaninchen. Es machte ein paar Hopser in seine Richtung, auf der Jagd nach höherem Gras. Anstatt auf das Tier zuzulaufen, blieb er ganz still stehen. Er wartete ab, genau wie Onkel Harald es gesagt hatte.

Onkel Harald war der beste Jäger in der Gegend, das wussten alle. In seinem Heizkeller hingen fast immer tote Tiere von der Decke. Fasanen, Rehe, Hasen, mit leerem Blick und steifem Körper. Onkel Harald hatte grobe Hände. Er roch nach Tabak, Öl, Hund und noch etwas anderem, von dem er nicht wusste, was es war. Aber vermutlich etwas Gefährliches. Viele Leute hatten Angst vor Onkel Harald. Vera und Mattias fürchteten sich auf jeden Fall vor ihm, obwohl Vera sich nichts anmerken lassen wollte. Manchmal widersprach sie ihm, aber man hörte, dass ihre Stimme dabei ein bisschen zitterte. Mattias sagte dagegen nichts, sah nur zu Boden und tat, was vom ihm verlangt wurde. Holte Onkel Haralds Pfeife oder fütterte seine Hunde. Die Hunde waren keine, mit denen man spielen konnte. Sie lebten draußen in großen Zwingern und fuhren auf der Ladefläche mit anstatt im Auto. Raues Fell, wachsam, ängstlicher Blick, mit dem sie jede kleinste Bewegung Onkel Haralds verfolgten. Diese Woche war er mit Papa und Mattias im Schwimmbad gewesen. Hatte mit in der Sauna gesessen und dem Gerede der Erwachsenen zugehört. Als Onkel Harald kam, rutschten alle zur Seite, sogar Papa. Sie gaben ihm den besten Platz in der Mitte und sahen ihn genauso an wie die Hunde.

Die Einzige, die keine Angst vor Onkel Harald hatte, war Mama. Mama hatte vor niemandem Angst, außer vielleicht vor Gott. Manchmal stritten sie und Onkel Harald. Er hatte gehört, wie sie einander Dinge sagten. Schwierige Wörter, die er nicht richtig verstand, außer dass sie nicht nett waren.

Trotzdem hoffte er am allermeisten auf Onkel Haralds Geburtstagsgeschenk. Ein kleines Kaninchen, das nur ihm gehören sollte, hatte der Onkel ihm versprochen. 

Vielleicht genauso eins wie das, welches nur wenige Meter von ihm entfernt saß. Wenn er das fangen könnte, hätte er zwei. Und Onkel Harald wäre stolz auf ihn. Stolz darauf, dass er ein richtiger Jäger war.

Er hatte jetzt lange genug gewartet, also machte er vorsichtig einen großen Schritt. Das Kaninchen knabberte weiter an den hohen Grashalmen und merkte nicht, dass er näher kam. Er machte noch einen Schritt, streckte langsam die Hände aus. Es könnte klappen.

»Billy, Zeit zum Reinkommen!«

Das Kaninchen hob den Kopf und schien auf die Stimme zu horchen, die vom Wohnhaus kam. Dann drehte es sich um und sprang davon.

Er spürte, wie die Enttäuschung ihm die Brust zuschnürte. Aber dann blieb das Kaninchen stehen und sah sich zu ihm um, fast als wunderte es sich, wo er geblieben war. Er zögerte. Mama würde unruhig werden, wenn er nicht käme. Die Schreie der Eulen wurden jetzt lauter, die Außenbeleuchtung war angegangen, wodurch sich die Schatten drüben im Garten verdichteten. Das Kaninchen sah ihn immer noch an. »Kommst du?«, schien es zu fragen.

Er machte ein paar Schritte, dann noch einige.

»Billy«, rief Mama. »Billy, komm jetzt rein!«

Die Jagd war nun im vollen Gange. Das Kaninchen sprang vor ihm her, und wenn er richtig Glück hatte, würde es ihn zu seinem Bau führen. Einen Ort voller kleiner dichten Zweigen einen Kiefer gefunden, einen weißen Knochen mit vier gelblichen Backenzähnen. Onkel Harald hatte erzählt, dass Opa dort Sachen vergraben hatte. Solche, die er für immer los sein wollte. Dass der Kieferknochen bestimmt von einem Schwein stamme und dass man manche Sachen richtig tief begraben müsse, wenn die Füchse sie nicht finden sollten.

Er hatte in seinem Leben erst einmal einen Fuchs gesehen. Nämlich als Onkel Harald, Papa und die anderen Männer im Herbst ihre Jagdbeute auf dem Hof ausgelegt hatten. Schmale Augen, glänzendes rotes Fell und spitze Zähne, die unter der blutbefleckten Schnauze hervorblitzten. Die Hunde hatten einen Bogen um ihn gemacht. Sie hatten unruhig, beinahe ängstlich gewirkt. Füchse muss man schießen, wann immer man die Chance hat, hatte Onkel Harald gesagt. Es war die Pflicht eines jeden Jägers, bei den wenigen Gelegenheiten, die sich boten. Denn Füchse waren listig, genau wie im Märchen. Sie wussten, wie man sich bewegt, ohne Spuren zu hinterlassen.

»Sie haben fantastische Nasen«, sagte er. »Und Füchse lieben den Geruch von Kaninchen und kleinen Jungs. Also, bleib innerhalb der Umzäunung, Billy!«

Dann hatte Onkel Harald gelacht, dieses dröhnende Lachen, das zwar herzlich, aber zugleich auch gefährlich klang, und nach einer Weile hatte Billy mitgelacht. Aber er hatte trotzdem an die Füchse denken müssen, die im Garten tief in der Erde nach Skeletten gruben. Manchmal hatte er sogar nachts von ihnen geträumt. Scharfe Zähne, Pfoten, die in der Erde scharrten, blanke, feuchte Schnauzen, die Witterung aufnahmen. Die in der Nähe des Wohnhauses einen kleinen Jungen witterten.

Seitdem hatte er diesen Teil des Gartens gemieden und kein bisschen protestiert, als Isak den Schweinekiefer mitnehmen wollte, obwohl er eigentlich ihm zugestanden hätte.

Aber jetzt gerade konnten ihn weder Skelette noch Füchse abhalten. Das Kaninchen umrundete die Stämme der trockenen Sträucher, und er verfolgte es immer weiter ins Dickicht hinein. Ein tief sitzender Ast verfing sich im Ärmel seines Pullovers und zwang ihn, ein paar Sekunden stehen zu bleiben. Als er sich befreit hatte, war das Kaninchen verschwunden.

Kaninchen mit großen Augen und weichem Pelz. Kaninchen, die er mit nach Hause nehmen könnte. Die in dem Käfig wohnen könnten, den Onkel Harald ihm versprochen hatte.

»Billy!« Mamas Rufe verloren sich in der Ferne. Das Kaninchen hoppelte weiter vor ihm her, und obwohl er seine besten Laufschuhe anhatte, könnte es ihm bestimmt ohne Weiteres entkommen. Vielleicht wollte das Kaninchen, dass er es fing? Es in die Arme nahm, es zu seinem machte.

Er verfolgte es durch die Reihen knorriger alter Obstbäume. Dann weiter zwischen den wild wuchernden Sträuchern hindurch. Eigentlich mochte er diesen hinteren Teil des Gartens nicht. Diesen Sommer hatte sein Freund Isak auf dem Boden unter den Kaninchen verschwunden.

Er zögerte einen Moment, überlegte, umzukehren und zum Haus zurückzulaufen. Aber er war noch immer im Jagdfieber. Das verlieh ihm den Mut weiterzugehen. Tiefer ins Gestrüpp hinein. Wie ein echter Jäger.

Noch mehr Äste reckten sich ihm entgegen, tasteten mit stacheligen Fingern nach seinen Kleidern. Irgendwo dort vorn im Dunkeln glaubte er einen kleinen weißen Schwanz zu sehen, der sich bewegte. Vielleicht war er jetzt beim Bau? Der Gedanke daran ließ ihn schneller werden, und er wäre beinahe in den hohen Zaun gerannt, an dem der Garten endete.

Er blieb abrupt stehen. Nur wenige Meter hinter dem Maschendrahtzaun wuchs dicht der Futtermais. Noch war es lange hin bis zur Ernte. Erst wenn er getrocknet und ganz gelb geworden war, hatte Papa gesagt.

Im Blattwerk zirpten die Grillen, verwoben ihre Melodien zu einem kreischenden Klangteppich, der fast seine Gedanken übertönte. Das Kaninchen befand sich auf der anderen Seite. Es saß genau vor der grünen Wand aus Maispflanzen und beobachtete ihn. Wartete auf ihn.

Der Zaun war hoch. Vielleicht sogar höher als Onkel Harald und in jedem Fall zu hoch für Billy, um hinüberzuklettern. Die Jagd war zu Ende. Er würde nie diesen Kaninchenbau sehen. Trotzdem fühlte er sich ein wenig erleichtert. Er war noch nie allein so weit in den Garten vorgedrungen. Von der Abendsonne sah man nur noch einen schwachen Streifen am Himmel, und die Schatten zwischen dem Gestrüpp hatten sich, wie er jetzt erst bemerkte, in eine kompakte Finsternis verwandelt.

Er beschloss nach Hause zu gehen und wollte sich gerade umdrehen, als er etwas entdeckte. Eine Furche unter dem Zaun, wo ein kleiner Junge ganz gut hindurchkriechen konnte. Er sah zu dem Kaninchen hinüber. Es saß noch an derselben Stelle.

Ein Windstoß fuhr durch das Maisfeld, blies dann durch die rostigen Maschen des Drahtzauns und in die dunklen Büsche hinter ihm. Er sah sich um, kniete sich hin und legte sich dann auf den Bauch. Er schob sich vorsichtig unter dem braunen Maschendraht hindurch, stand auf und wischte sich die Erde von Knien und Handflächen. Sein ganzer Körper kribbelte vor Aufregung. Er zögerte einen Moment, überlegte, umzukehren und zum Haus zurückzulaufen. Aber er war noch immer im Jagdfieber. Das verlieh ihm den Mut weiterzugehen. Tiefer ins Gestrüpp hinein. Wie ein echter Jäger.

Noch mehr Äste reckten sich ihm entgegen, tasteten mit stacheligen Fingern nach seinen Kleidern. Irgendwo dort vorn im Dunkeln glaubte er einen kleinen weißen Schwanz zu sehen, der sich bewegte. Vielleicht war er jetzt beim Bau? Der Gedanke daran ließ ihn schneller werden, und er wäre beinahe in den hohen Zaun gerannt, an dem der Garten endete.

Er blieb abrupt stehen. Nur wenige Meter hinter dem Maschendrahtzaun wuchs dicht der Futtermais. Noch war es lange hin bis zur Ernte. Erst wenn er getrocknet und ganz gelb geworden war, hatte Papa gesagt.

Im Blattwerk zirpten die Grillen, verwoben ihre Melodien zu einem kreischenden Klangteppich, der fast seine Gedanken übertönte. Das Kaninchen befand sich auf der anderen Seite. Es saß genau vor der grünen Wand aus Maispflanzen und beobachtete ihn. Wartete auf ihn.

Der Zaun war hoch. Vielleicht sogar höher als Onkel Harald und in jedem Fall zu hoch für Billy, um hinüberzuklettern. Die Jagd war zu Ende. Er würde nie diesen Kaninchenbau sehen. Trotzdem fühlte er sich ein wenig erleichtert. Er war noch nie allein so weit in den Garten vorgedrungen. Von der Abendsonne sah man nur noch einen schwachen Streifen am Himmel, und die Schatten zwischen dem Gestrüpp hatten sich, wie er jetzt erst bemerkte, in eine kompakte Finsternis verwandelt.

Er beschloss nach Hause zu gehen und wollte sich gerade umdrehen, als er etwas entdeckte. Eine Furche unter dem Zaun, wo ein kleiner Junge ganz gut hindurchkriechen konnte. Er sah zu dem Kaninchen hinüber. Es saß noch an derselben Stelle.

Ein Windstoß fuhr durch das Maisfeld, blies dann durch die rostigen Maschen des Drahtzauns und in die dunklen Büsche hinter ihm. Er sah sich um, kniete sich hin und legte sich dann auf den Bauch. Er schob sich vorsichtig unter dem braunen Maschendraht hindurch, stand auf und wischte sich die Erde von Knien und Handflächen. Sein ganzer Körper kribbelte vor Aufregung. Er war jetzt draußen, außerhalb des Gartens, zum ersten Mal allein. Das würde er am Montag Isak erzählen. Vielleicht auch Mattias und Vera. Er würde erzählen, wie mutig er war, dass er ein eigenes Kaninchen gefangen hatte, aber dass sie nichts Mama sagen durften.

Es raschelte im Mais, und zuerst dachte er, es wäre wieder der Wind. Da sah er den weißen Schwanz zwischen den hohen Pflanzen verschwinden. Das Kaninchen hoppelte jetzt nicht mehr, es rannte ganz schnell. Die Ohren lagen eng zurückgelegt am Kopf, die Erde spritzte um die Pfoten auf. Erst als das Kaninchen außer Sichtweite war, begriff er, was passiert war: dass die empfindliche Nase des Kaninchens einen anderen Duft als seinen aufgefangen hatte. Von jemandem, der sich leicht unter dem Zaun hindurchgraben konnte. Jemandem mit rotem Fell und spitzen Zähnen, der den Kaninchengeruch liebte. Und den Geruch kleiner Jungen …

Sein Herz schlug wie wild, es raste wie das Herz eines erschreckten Kaninchens. Die Maispflanzen türmten sich vor ihm auf wie dunkle, wehende Riesen und drängten ihn zurück an den Zaun. Tränen stiegen in ihm auf. Aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung, etwas Rotes. Er drehte sich um und bemerkte im selben Moment, dass die Grillen verstummt waren.

Mama!, konnte er gerade noch denken. Mama …

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Anders de la Motte

Anders de la Motte

Anders de la Motte, geboren 1971, arbeitete mehrere Jahre als Polizist in Stockholm und in der Security-Branche, bevor er Schriftsteller wurde. 2010 erhielt er für sein Debüt »Game« den Preis der Schwedischen Akademie der Krimiautoren. Sein Roman »UltiMatum« wurde 2015 als bester schwedischer Kriminalroman ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Malmö.