Cassie Raven rockt die Gerichtsmedizin!

Als Assistentin der Rechtsmedizin ist Cassie Raven schräge Blicke gewöhnt. Möglicherweise ist auch ihr Gothic-Look mit zahlreichen Piercings und Tattoos nicht ganz unschuldig daran – ebenso wie ihre Überzeugung, dass die Toten mit uns sprechen, wenn wir nur ganz genau hinhören. Obwohl Cassie schon unzählige Körper seziert hat, war noch nie jemand darunter, den sie kannte, oder der ihr gar etwas bedeutet hätte. Bis eines Tages ihre geliebte Mentorin auf dem Seziertisch landet. Cassies Chef behauptet, deren Tod in der Badewanne sei ein Unfall gewesen. Doch der Körper der Toten erzählt eine andere Geschichte ...

»A.K. Turner kombiniert Naturwissenschaft und exzellentes Storytelling.«

Val McDermid

A. K. Turner - Tote schweigen nie
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1. Kapitel

Der Reißverschluss des Leichensacks öffnete sich und gab den Blick auf Cassies ersten Fall dieses Tages frei. Die halb offenen Augen der Frau, von verblüffend leuchtendem Blau, starrten blicklos zu ihr empor.
»Hallo, Mrs Connery.« Ihre Stimme wurde sanfter, wenn sie mit den Toten sprach. »Ich bin Cassie Raven, und ich kümmere mich um Sie, solange Sie bei uns sind.« Cassie zweifelte nicht daran, dass die Tote sie hören konnte, und hoffte, dass ihre Worte ihr ein kleiner Trost waren.
Am Vorabend war Kate Connery in ihrem Badezimmer zusammengebrochen und gestorben, als sie sich hatte bettfertig machen wollen, eine Woche vor ihrem fünfzigsten Geburtstag. Lachfältchen durchzogen ihr offenherziges Gesicht unter einem Haarschopf, dessen Farbe zu einheitlich brünett war, um natürlich zu sein.
Cassie schaute kurz zur Uhr hinauf und fluchte. Heute kam ein neuer Pathologe, um die Autopsien durchzuführen, und da Carl, der weniger erfahrene Sektionsassistent, krank war und sie drei Leichen auf dem Tisch hatten, würde sie alle Hände voll zu tun bekommen.


Trotzdem ließ sie sich Zeit dabei, Mrs Connery das Nachthemd über den Kopf zu ziehen. Ein schwacher Ammoniakgeruch, Schweiß oder Urin, stieg ihr in die Nase, als sie es zusammenfaltete und sorgfältig in einer Plastiktüte verstaute. Die Sachen, die jemand angehabt hatte, als er gestorben war, bedeuteten ihren Lieben viel, manchmal mehr als der Leichnam selbst, zu dem die trauernden Hinterbliebenen nur schwer eine Verbindung fanden. Ein Leichnam konnte einem wie ein leerer Koffer erscheinen.»Wir müssen rauskriegen, was mit Ihnen passiert ist, Mrs C«, erklärte Cassie ihr. »Damit wir Antworten für Declan und Ihre Jungs finden können.« Seit ihrem ersten Tag in der Leichenhalle des Instituts für Rechtsmedizin vor fünf Jahren fand sie es vollkommen normal, mit den Leichen in ihrer Obhut zu sprechen, sie zu behandeln, als seien sie noch am Leben – als seien sie immer noch Menschen. Manchmal antworteten sie sogar.
Es war nicht so, als spräche jemand Lebendiges – zum Beispiel bewegten sich die Lippen der Toten nicht – , und es ging immer so schnell, dass es fast Einbildung sein könnte. Fast. Normalerweise sagten sie so etwas wie »Wo bin ich?« oder »Was ist passiert?« – schlichte Verwirrung angesichts des unbekannten Ortes, an dem sie sich wiederfanden – , aber hin und wieder war Cassie überzeugt, dass ihre Worte einen Hinweis darauf enthielten, wie sie ums Leben gekommen waren.


Cassie hatte nie einer Menschenseele von diesen »Gesprächen« erzählt; die Leute fanden sie auch so schon merkwürdig genug. Aber die wussten eben nicht, wovon sie tief in ihrem Innern überzeugt war: Die Toten konnten sprechen – wenn man sich nur darauf verstand, ihnen zuzuhören.
Das einzige äußerliche Zeichen dafür, dass irgendetwas mit Mrs Connery nicht stimmte, waren ein paar rote Flecken auf ihren Wangen und ihrer Stirn sowie ein faustgroßer blauer Fleck auf ihrem Brustbein, wo entweder ihr Mann oder ein Rettungshelfer verzweifelt versucht hatte, sie zu reanimieren. Cassie sah ihre Akte durch. Nach einem Abend im Pub, wo er sich ein Fußballspiel angesehen hatte, war Declan Connery nach Hause gekommen und hatte seine Frau bewusstlos auf dem Boden ihres Badezimmers vorgefunden. Ein Notarztwagen hatte sie eilends ins Krankenhaus gebracht, doch als sie dort ankam, war sie bereits tot gewesen.


Da Kate Connery unerwartet verstorben war – anscheinend hatte sie sich bester Gesundheit erfreut und war seit Monaten nicht beim Arzt gewesen – , war nur eine einfache Autopsie angesetzt, auch »Routine-Autopsie« genannt, um die Todesursache zu ermitteln.
Cassie legte Mrs Connery die Hand auf den kühlschrankkalten Unterarm und wartete, bis ihre eigene Körperwärme die Kälte vertrieb. »Können Sie mir sagen, was passiert ist?«, fragte sie halblaut.
Ein paar Sekunden lang geschah nichts. Dann spürte sie jenes vertraute Schlingergefühl, gefolgt von zerstreuter Verträumtheit. Gleichzeitig waren alle ihre Sinne plötzlich extrem geschärft: Das Summen des Leichenkühlschranks wuchs zum Brüllen eines Düsenflugzeugs an, die Deckenbeleuchtung war auf einmal schmerzhaft grell.
In der Luft über Mrs Connerys Leichnam schien der letzte Funken jener Energie zu knistern, die sie fünf Jahrzehnte lang belebt hatte. Und aus diesem Rauschen hörte Cassie ein leises, heiseres Flüstern heraus.
»Ich kriege keine Luft!«

2. Kapitel

Wie immer war es sofort wieder vorbei. Das Ganze erinnerte Cassie an das Erwachen aus einem sehr lebhaften Traum, wenn der Verstand sich mühte, Details festzuhalten – nur um zu spüren, dass sie ihm entglitten, wie Wasser durch offene Finger rinnt.
Jedenfalls waren Mrs Connerys Worte nicht besonders hilfreich. In der Akte stand nichts von Asthma oder einem Emphysem. Sie überlegte noch, ob sie irgendetwas damit anfangen konnte – und wenn ja, was – , als sie hörte, wie die Tür aufging. Es war Doug, der Institutsleiter, gefolgt von einem hochgewachsenen jüngeren Mann mit weichen Ponyfransen, den er als Dr. Archie Cuff vorstellte, den neuen Pathologen.
Cassie streifte den Handschuh ab und streckte ihm die Hand hin.


»Cassie Raven ist unsere erfahrenste Sektionsassistentin«, verkündete Doug strahlend. »Sie sorgt dafür, dass hier alles glatt läuft.«
Obwohl er Manschettenknöpfe und Krawatte trug (Manschettenknöpfe?!), konnte Cuff höchstens dreißig sein, kaum fünf Jahre älter als Cassie. Ein einziger Blick verriet ihr, dass seine Wachsjacke wirklich von Barbour war und kein Imitat – auf dem Metallplättchen am Reißverschluss war der Firmenname eingraviert. Und nach seiner Krawatte zu urteilen – dunkelblaue Seide mit dicken weißen Schrägstreifen – , war er auf die Harrow School gegangen. Solche Dinge fielen Cassie auf, schon immer.
»Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen, Cathy.« Er hatte diesen unechten, semi-umgangssprachlichen Akzent drauf, den die jungen Mitglieder der Königlichen Familie so gern benutzten, sein Lächeln war so oberflächlich wie das eines Ministers, und daran, wie sein Blick über sie hinwegglitt, erkannte Cassie, dass er sie bereits in einer Schublade mit dem Etikett »Lakai« abgelegt hatte.

Es passierte nicht oft, dass Cassie jemanden vom ersten Moment an nicht leiden konnte, aber bei Archie Cuff machte sie eine Ausnahme.
»Ich mich auch«, antwortete sie. »Vor allem, wenn Sie das mit meinem Namen noch richtig hinkriegen.«
Röte stieg aus Cuffs gestreiftem Hemdkragen bis zu den rötlich blonden Koteletten empor, aber wenigstens sah er sie diesmal richtig an. Und nach dem kurzen Aufflackern des Abscheus zu urteilen, das über seine Züge huschte, gefiel ihm nicht besonders, was er sah – auch wenn es schwer zu sagen war, ob es an den schwarz gefärbten Haaren mit dem hochrasierten Undercut oder ihren Gesichtspiercings lag oder einfach nur an der Art und Weise, wie sie seinem Blick standhielt. Sie musste gegen den pubertären Impuls ankämpfen, ihren Kasack anzuheben, um ihm ihre Tattoos zu zeigen.
Dougs Blick huschte zwischen ihnen hin und her wie der eines unerfahrenen Schiedsrichters bei einem Käfigkampf, sein Lächeln geriet ins Wanken. »Na schön, dann lass ich euch mal machen.« Cassie war klar, dass er sie wahrscheinlich später an seine goldene Regel erinnern würde: »Denken Sie immer daran, der Pathologe kann Ihnen Ihren Job versüßen – oder zum Albtraum machen.«

Nachdem Cuff Mrs Connery kurz untersucht hatte, wobei sie außer dem Notwendigsten kaum etwas miteinander sprachen, überließ Cuff es Cassie, den Leichnam auszuräumen.
Sie setzte das Messer direkt unterhalb von Mrs Connerys Hals an. Dies war der Moment, wo sie aufhören musste, Kate Connery als Menschen zu sehen, und anfangen musste, sie als ein Rätsel zu betrachten, das gelöst werden musste, als unkartierte Landschaft. Wie könnte man ohne diesen Perspektivwechsel einen seiner Mitmenschen aufschneiden?
Nach dem ersten Einschnitt ließ ein entschlossener Zug mit dem Messer am Brustbein entlang das Gewebe so leicht aufklaffen wie einen alten Seidenvorhang. Sie hielt nicht inne, als sie die Weichteile des Bauches erreichte, nahm jedoch den Druck weg, um die Organe darunter nicht zu beschädigen, und beendete den Einschnitt direkt oberhalb des Schambeins.
Binnen fünf Minuten hatte die Knochenschere Mrs Connerys Brustkorb eröffnet, sodass Herz und Lunge frei lagen, und Cassie löste die Organe geschickt aus. Nachdem das erledigt war, hob sie mit beiden Händen sämtliche Eingeweide, von der Zunge bis zur Harnröhre, auf einmal heraus – sie waren verblüffend schwer – und legte sie behutsam in eine bereitstehende Plastikwanne. Dies war ein feierlicher Moment, sie kam sich dabei immer vor wie eine Hebamme des Todes.


Nun zum Gehirn. Cassie trat hinter den Kopf der Toten, rückte den Block zurecht, der ihren Nacken stützte, und machte sich daran, die Kopfhaut zu durchtrennen. Der Schnitt wurde von Ohr zu Ohr geführt, quer über den Scheitel, damit die Naht später von Mrs Connerys Haar verdeckt werden konnte – das war besonders wichtig, weil die Connerys eine Trauerfeier mit offenem Sarg geplant hatten. Als sie das dicke dunkle Haar scheitelte und einen Teil über die Stirn nach vorn kämmte, entdeckte sie einen glänzenden roten Fleck auf der Kopfhaut. Ein Ekzem? Wenn ja, dann war das in der Krankenakte nicht erwähnt worden, aber Ekzeme brachten einen ja auch nicht um.
Nachdem sie die aufgeschnittene Kopfhaut nach vorne und hinten auseinandergeklappt hatte, griff Cassie zur oszillierenden Knochensäge. Kurz darauf hatte sie die Schädeldecke vorsichtig abgehoben und löste das Gehirn aus. Während sie es einen Moment lang in den beiden Händen hielt, stellte sie sich vor, wie Kate Connery als lebendiger Mensch gewesen sein mochte – eine bodenständige, fröhliche Matriarchin, umgeben von Freunden und Familie bei einer Kneipentour durch Camden Town.

Als Archie Cuff in OP-Kleidung zurückkehrte, blieb die Atmosphäre zwischen ihnen frostig: In den gut vierzig Minuten, die er brauchte, um Mrs Connerys Organe zu sezieren, richtete er nur ein einziges Mal das Wort an Cassie – um sich zu beschweren, dass sein Skalpell stumpf sei. Das bestätigte ihren ersten Eindruck von ihm: Nur ein weiterer in der langen Reihe vornehmer Jüngelchen, für die Sektionsassistenten knapp über Schlachthausgehilfen rangierten. Ein erfahrenerer Pathologe hätte sie nach ihrer Einschätzung hinsichtlich der Todesursache gefragt, und das nicht nur aus Höflichkeit: Sektionsassistenten verbrachten sehr viel mehr Zeit mit den Leichen und bemerkten manchmal Hinweise, die sonst leicht übersehen werden konnten.

Während Cuff zum Waschbecken ging, um sich die blutigen Handschuhe abzuspülen, machte Cassie sich daran, Mrs Connerys Organe in einen Plastikbeutel zu packen, bereit, wieder mit ihrem Körper vereint zu werden.
»Und, wie lautet die Diagnose?«, fragte sie.
»Da gibt’s keine schlüssige Todesursache«, antwortete er achselzuckend. »Wir müssen abwarten, ob das Labor was Brauchbares findet.« Mrs Connerys Körperflüssigkeiten würden histopathologisch auf Drogen und Gewebeproben ihrer Organe auf Krankheitsanzeichen untersucht werden.
»Haben Sie in der Lunge Petechien gefunden?«, erkundigte sich Cassie beiläufig.
Cuff drehte sich zu ihr um. »Wieso?« Also hatte er welche gefunden.
Sie hob eine Schulter. »Ich fand nur, dass ihr Gesicht ziemlich verkrampft aussah.«
Ich kriege keine Luft.
Petechien – winzige geplatzte Blutgefäße – konnten ein Zeichen von Sauerstoffmangel sein.

Cuff wirkte plötzlich nervös. »Sie lag auf dem Bauch, als sie gefunden wurde. Nach dem neuesten Forschungsstand kann eine Bauchlage post mortem durchaus zu petechialen Einblutungen führen.« Er brachte ein herablassendes Lächeln zustande. »Falls Sie scharf auf einen saftigen Mord sind, haben Sie Pech, fürchte ich. Es gibt keinerlei Anzeichen für Strangulation oder gewaltsam herbeigeführtes Ersticken.«
Cassie wusste genau wie er, dass Ersticken durchaus auch eine medizinische Ursache haben konnte, doch sie verkniff sich eine Erwiderung. Als sie ein kleines Stück Niere für das Labor in ein Gefäß mit Formaldehyd fallen ließ, fiel ihr Blick auf Mrs Connerys Leichnam auf dem Autopsietisch: der Brustkorb lag aufgespreizt da wie ein offenes Buch, finstere Leere dort, wo ihre Organe hingehörten. Über dem geschändeten Körper wirkte ihr glänzendes, brünettes Haar fehl am Platze.
Das Licht der Deckenbeleuchtung flackerte grell und zwang Cassie, die Augen zu schließen. Der allgegenwärtige Formaldehydgestank war plötzlich stark genug, um hinten im Rachen zu brennen. Hinter ihren Augenlidern flackerten Bilder: Mrs Connerys rotfleckiges Gesicht, dieser schuppige Fleck auf ihrer Kopfhaut. Ihre Kehle wurde eng wie aus Mitgefühl – und jäh fiel jedes Puzzleteil an seinen Platz.
»Ich geh nur mal schnell aufs Klo«, sagte sie zu Cuff, ehe sie in den Flur hinausschlüpfte und dort ihr Handy zückte.
»Mr Connery? … Hier ist Cassie Raven, von der Pathologie.«

Zehn Minuten später war sie zurück. »Entschuldigung, dass es so lange gedauert hat«, sagte sie zu Cuff. »Aber ich hatte gerade ein sehr interessantes Gespräch mit Mrs Connerys Mann.«
»Ihrem Mann … ?« Er klang verwirrt. Die Vorstellung, dass ein Leichnam einen Ehepartner haben könnte, schien ihm fremd zu sein.
»Ja. Bevor er gestern Abend aus dem Haus gegangen ist, hatte sie ihm gesagt, dass sie sich die Haare färben wollte.«
»Ich verstehe nicht, was … «
»Er sagt, sie hätte schon zwei Mal allergisch auf ihr Haarfärbemittel reagiert. Nichts allzu Ernstes. Aber es sieht aus, als hätte es diesmal einen tödlichen anaphylaktischen Schock ausgelöst.«

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