Ein Friedhof – der sicherste Ort zum Sterben

Etwas stimmt ganz und gar nicht, als ich um Punkt ­sieben Uhr morgens den Zentralfriedhof betrete.  Jemand hat ein Grab geöffnet. Und der Schädel des Toten liegt auf dem Grabstein. Mit einem abgeschnittenen Hühnerkopf zwischen den Zähnen. 

Carolin ist zurück im Blumenladen am Wiener  Zentralfriedhof. Sie weiß, dass ihre Verfolger sie nicht mehr für tot halten, doch wie es aussieht, haben sie ihre Spur in München verloren. Kaum beginnt sie sich wieder ein wenig sicherer zu fühlen, wird der Friedhof von Grabschändern heimgesucht. Immer wieder werden nachts Gräber geöffnet, die Überreste der Toten herausgeholt und die Grabsteine mit satanistischen Symbolen beschmiert. Nicht lange, und auf einem der Gräber liegt eine frische Leiche – ist jemand den Grabschändern in die Quere gekommen?

Die öffentliche Aufmerksamkeit und das Polizeiaufkommen rund um den Friedhof sind Carolin alles andere als recht – doch fast noch mehr irritiert sie ein junger Mann, der seit kurzem täglich den Blumenladen besucht.

Leseprobe

VANITAS - Grau wie Asche

Ich merke schon, dass etwas nicht stimmt, als ich um Punkt sieben Uhr morgens den Zentralfriedhof betrete. Heute durch Tor 11. Ich habe mir angewöhnt, nie zwei Tage hintereinander denselben Weg zu nehmen. Nicht mehr, seit die falschen Leute wissen, dass ich noch am Leben bin.

Normalerweise ist um diese Zeit alles ruhig, man hört höchstens die Bagger, die erste Gräber ausheben, aber heute hastet ein Friedhofsmitarbeiter im Arbeitsoverall an mir vorbei, auf den Ausgang zu. Seine Miene ist starr, er würdigt mich keines Blickes. Alarmiert sehe ich mich um, doch der alte jüdische Friedhof, neben dem ich mich befinde, ist verlassen. Hier schmieren immer wieder mal Idioten Hakenkreuze auf die Grabsteine, doch darum scheint es heute nicht zu gehen. In einiger Entfernung kann ich Polizeisirenen hören.

Ich beschleunige meine Schritte, allmählich kann ich den Ort des Geschehens erahnen. Gruppe 16D, dort hat sich eine etwa zehnköpfige Menschentraube gebildet, alles Leute, die auf dem Friedhof arbeiten und schon vor dem Öffnen der Tore Zugang haben. Ich erkenne Albert und Milan – zwei der Totengräber – und eine Baumpflegerin, die anderen sind vermutlich Saisonarbeiter. Drei oder vier haben ihre Handys gezückt und fotografieren. Einer der anderen Totengräber schüttelt den Kopf und wendet sich ab.

Das Atmen fällt mir schwerer. Es sieht ganz so aus, als wäre etwas wirklich Ungewöhnliches passiert, und das lässt mich automatisch denken, dass es mit mir zu tun haben muss. Ich bin jetzt fast da. Die Ursache für den Menschenauflauf befindet sich offenbar in Reihe sieben und scheint eines der Gräber dort zu betreffen. Ich sehe den Grabstein nur von hinten, aber ganz offensichtlich liegt etwas obenauf.

Ohne jede Neugierde, nur voller dunkler Vorahnungen steuere ich auf das Grab zu. »Was ist denn los?«, frage ich heiser, doch anstelle einer Antwort rücken die anderen ein Stück zur Seite, damit ich besser sehen kann.

Das Szenario ist schaurig, es hat etwas Unwirkliches. Mit Sicherheit bin ich die Einzige hier, die bei dem Anblick nicht Entsetzen, sondern Erleichterung empfindet. Was hier passiert ist, hat mit mir nichts zu tun. Jemand hat das Grab geöffnet. Nicht nur das Grab, auch den Sarg; er wurde zertrümmert, morsche Holzteile wurden nach oben geworfen, und der Tote ...

Es ist sein Kopf, der auf dem Grabstein liegt. Vollständig skelettiert, ein paar Haare kleben noch auf der Schädeldecke. Ich kann nicht gleich erkennen, was da zwischen den gelblichen Zähnen steckt, doch auf den zweiten Blick wird mir klar, dass es sich um einen abgeschnittenen Hühnerkopf handelt. Der Körper des Tieres liegt in der Grube, auf den Resten der Leiche, zwischen Stofffetzen und den verbliebenen Trümmern des Sargs.

Ich gehe ein Stück zur Seite, stelle mich neben einen Haufen ausgehobener Erde, aus dem ein Knochen herausleuch tet. Auf dem Grabstein finden sich drei Namen: Karl, Theresa und Roland Klessmann; die Inschriften sind schwer zu lesen.

Nicht weil sie schon so verblasst wären, sondern weil jemand den hellgrauen Marmor des Grabsteins mit roter und schwarzer Farbe beschmiert hat. Ein Pentagramm, darunter ein Omega, zweimal die Zahl 666 und ein Symbol, dessen Bedeutung ich nicht kenne. Liegende Achten und ein Kreuz. Das, was zerquetscht daneben klebt, sind wohl die Organe des toten Huhns. 

Die Polizeisirenen heulen nun in unmittelbarer Nähe, im nächsten Moment verstummen sie. Zeit für mich, zu verschwinden. Ich will nicht befragt werden, ich will in keinem Protokoll auftauchen, sondern mich in der Blumenhandlung verschanzen.

Mit gesenktem Kopf mache ich mich auf den Weg. So schauderhaft das Bild auch ist, das sich bietet, es hätte viel schlimmer kommen können. Der exhumierte Tote hat nichts mit mir oder meiner Vergangenheit zu tun; sollte die Grabschändung eine Drohung sein, richtet sie sich gegen jemand anderen. Aber wahrscheinlich haben nur ein paar besonders dämliche Jugendliche ein pseudo-satanistisches Ritual abgehalten. Ich frage mich, an welcher Stelle sie über die Friedhofsmauer geklettert sind, ohne Leiter geht das nämlich nirgends.

Das Bild des Schädels mit dem Huhn zwischen den Zähnen lässt mich nicht los, während ich den Friedhof durchquere. Logisch überlegt, muss der Tote Roland Klessmann gewesen sein. 1937–2004, von den drei Personen im Grab war er der Jüngste und somit der, der zuoberst lag. Die anderen beiden sind bereits über vierzig Jahre tot; von ihnen kann nichts mehr übrig sein.

Ich schließe die Blumenhandlung auf und hinter mir sofort wieder ab – wir öffnen erst um acht, und bis Eileen, Matti und vielleicht auch Paula aufkreuzen, möchte ich friedlich Kaffee trinken.

Die Espressomaschine im Hinterzimmer erwacht auf Knopfdruck zum Leben, fauchend und zischend. Durch die trüben Fensterscheiben sehe ich einen Wagen vor dem Haupteingang parken und drei Männer aussteigen. Ich würde wetten, dass es Polizisten sind. Keiner trägt Uniform, aber die Art, wie sie sich umsehen, die Zielstrebigkeit ihrer Bewegungen ist mir vertraut.

Als Nächstes werden Journalisten eintreffen. Der Gedanke vertreibt sofort jeden Ansatz von Entspanntheit. Ich ziehe mich mit meinem Kaffee und dem Bestellbuch in den düstersten Winkel der Werkstatt zurück und blättere die heutigen Aufträge durch: Grabgestecke, Kränze, ein großes Herz aus roten Rosen. Das soll Eileen übernehmen, sie trifft sich seit zwei Wochen mit einem ganzkörpertätowierten Maschinenschlosser und ist so verliebt, dass es kaum auszuhalten ist.

Der Kaffee ist heiß und bitter. Ich frage mich, wie lange die Grabschänder gebraucht haben, bis sie auf den vermoderten Sarg plus Inhalt gestoßen sind. Sie müssen mit Spaten gearbeitet haben, also wohl mehrere Stunden. Es ist Juni, der Boden ist weich, trotzdem erfordert es Kraft und Ausdauer, ein solches Loch auszuheben, das heißt ...

Die Ladentür wird aufgesperrt; Matti und Eileen treten gemeinsam ein. Sie wirken fröhlich. »Caro, du bist schon wieder so früh da? Hast du die Maschine angelassen?«

Ich deute nickend auf den Vollautomaten. »Und Wasser nachgefüllt.«

Eileen nimmt sich ihre Tasse aus dem Regal. »Weißt du, was draußen los ist? Da parken zwei Sendewagen, wird wieder irgendwas gedreht heute?«

Ihre Frage kommt nicht von ungefähr, der Zentralfriedhof ist ein beliebtes Filmset. »Nein. Jemand hat letzte Nacht ein Grab geöffnet und den Grabstein beschmiert. Ich bin zufällig vorbeigegangen, Gruppe 16D. Sieht nach satanistischem Ritual aus – Pentagramme, ein totes Huhn und verstreute Leichenteile.«

Eileens Augen sind groß geworden. »Ist ja abartig.« Sie zaust sich durchs pechschwarze Haar und nimmt den Rucksack von den Schultern. »Denkst du echt, hier sind Teufelsanbeter unterwegs?«

»Sieht ganz so aus.« Ich versuche, ein wenig mehr Erschrockenheit in meine Stimme zu legen. Weniger abgebrüht zu wirken. Tatsächlich finde ich die Inszenierung am Grab der Familie Klessmann bloß geschmacklos. Das Opfer der Aktion war bereits tot, man konnte es weder quälen noch ein zweites Mal töten. Und ein Pentagramm ist nichts weiter als ein paar Striche, die einen Stern bilden. Aber mir ist klar, dass meine gelassene Sicht der Dinge nicht normal ist.

VANITAS - Grau wie Asche

Seit wann muss man auf dem Friedhof um sein Leben fürchten? Der neue Erwachsenen-Thriller von Ursula Poznanski um die Wiener Blumenhändlerin ist da: die Fortsetzung zu VANITAS - Schwarz wie Erde! Carolin ist zurück in Wien, zurück in der Blumenhandlung am Zentralfriedhof. Sie weiß, dass ihre Verfolger sie nicht mehr für...

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Ursula Poznanski wurde 1968 in Wien geboren, wo sie mit ihrer Familie auch heute lebt. Die ehemalige Medizin-Journalistin ist eine der erfolgreichsten Autorinnen deutscher Sprache: Mit ihren Jugendbüchern (zuletzt «Erebos 2») steht sie Jahr für Jahr ganz oben auf den Bestsellerlisten, ihre Thriller für Erwachsene erfreuen sich ebenso großer Beliebtheit. ...

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