Weinen, lachen, verstehen – leben!

Was macht uns zum Menschen? Matt Haig versammelt Gedankensplitter, Erinnerungen und Beobachtungen. Mal sind sie Ausdruck von Verzweiflung, mal von Hoffnung – ihn selbst haben sie durch die schwere Zeit seiner Depression getragen und ihm Halt gegeben. Dabei bestechen sie nicht nur mit einem tiefen Verständnis seiner eigenen Gefühlswelt, sondern sind zugleich berührende und anregende Erkenntnisse darüber, was uns alle im Innersten verbindet. Die poetischen Texte inspirieren dazu, uns selbst besser kennenzulernen und unsere Ängste, unseren Schmerz und unsere Wünsche mit anderen Augen zu sehen. Matt Haigs Buch ist ein täglicher Begleiter, der uns zeigt, dass wir nicht allein sind, wenn der Schmerz unerträglich scheint. Es lässt uns die schönen Seiten des Lebens erkennen.

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Matt Haig

Matt Haig

Matt Haig, Jahrgang 1975, ist ein britischer Autor. Seine eigenen Erfahrungen mit Depressionen und Angststörungen sind auch stets ein zentrales Thema in seinen Büchern. Zuletzt sind von ihm die Romane "Ich und die Menschen" (2014) und "Wie man die Zeit anhält" (2018) und "Die Mitternachtsbibliothek" (2021), sowie die Sachbücher "Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben" (2016) und "Mach mal halblang" (2019) erschienen. Matt Haig lebt mit seiner Familie in Brighton.

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Ein Wort vorab

Manchmal schreibe ich etwas auf, um mich selbst zu trösten. Erkenntnisse aus schwierigen Zeiten. Gedanken. Betrachtungen. Listen. Beispielhaftes. Etwas, an das ich mich erinnern möchte. Etwas, was ich von anderen Menschen erfahren habe. Oder etwas, was ich aus dem Leben anderer Menschen gelernt habe.
Es ist ein seltsames Paradox, dass wir die deutlichsten und tröstlichsten Lektionen des Lebens erst dann lernen, wenn wir ganz unten sind. Andererseits denken wir auch erst dann besonders intensiv an Essen, wenn wir hungrig sind, und wir denken erst dann intensiv an Rettungsinseln, wenn wir über Bord gegangen sind.
Hier sind also einige meiner Rettungsinseln. Jene Gedanken, die mich über Wasser gehalten haben. Ich hoffe, dass einige davon auch dich ans rettende Ufer bringen.

Eine Anmerkung zur Struktur des Buches

Dieses Buch ist so chaotisch wie das Leben selbst.
Es besteht aus einer Menge kurzer Kapitel und einigen längeren. Es enthält Listen und Lebensweisheiten und Zitate und Erfahrungsberichte und noch mehr Listen und hier und da sogar ein Kochrezept.
Es beruht auf persönlicher Erfahrung, lässt sich aber auch immer wieder von allem Möglichen inspirieren – von Quantenphysik und Philosophie über Filme, die ich mag, bis hin zu alten Religionen und Instagram.
Wie du dieses Buch liest, liegt ganz bei dir. Du kannst vorn anfangen und es bis zum Ende durchlesen, oder du kannst hinten anfangen und am Anfang enden, oder du kannst es einfach irgendwo mittendrin aufschlagen.
Du kannst Knicke in die Seiten machen. Du kannst Seiten herausreißen. Du kannst es einer Freundin oder einem Freund leihen (vielleicht nicht gerade, wenn du Seiten herausgerissen hast). Du kannst es neben deinem Bett aufbewahren oder neben die Toilette legen. Du kannst es aus dem Fenster werfen. Alles ist erlaubt.
Zufällig hat sich allerdings doch eine Art Leitmotiv ergeben: das Verbundensein. In gewisser Weise sind wir alle Dinge. Und Dinge stehen miteinander in Verbindung. Der Mensch mit dem Menschen. Ein Moment mit dem nächsten. Schmerz mit Freude. Verzweiflung mit Hoffnung.
In schwierigen Zeiten brauchen wir eine besonders innige Art von Trost. Etwas Elementares. Einen verlässlichen Halt. Einen Felsen, an den wir uns klammern können.
Diese Art von Trost tragen wir bereits in uns. Aber manchmal brauchen wir ein bisschen Unterstützung, um das zu erkennen.

Baby

Stell dir dich als Baby vor. Du betrachtest dieses Baby und denkst dir, dass nichts fehlt. Dieses Baby ist vollkommen. Sein Wert ist ihm angeboren, vom ersten Atemzug an. Sein Wert hängt nicht von äußeren Umständen ab wie Reichtum oder Aussehen oder von politischen Einstellungen oder Beliebtheit. Es ist der unschätzbare Wert eines Menschenlebens. Und dieser Wert bleibt uns, selbst wenn wir es im Laufe des Lebens gern einmal vergessen. Wir bleiben genauso lebendig und genauso menschlich wie am Tag unserer Geburt. Wir müssen einfach nur leben. Und hoffen.

Du bist das Ziel

Du musst dich nicht ständig selbst optimieren, um dich lieben zu können. Liebe verdient man nicht erst dann, wenn man ein bestimmtes Ziel erreicht hat. In unserer Welt herrscht viel Druck, aber lass dir davon nicht das Mitgefühl mit dir selbst abdrücken. Du bist liebenswert auf die Welt gekommen, und du bleibst es wert, geliebt zu werden. Gehe liebevoll mit dir um.

Was mein Dad zu mir sagte, als wir uns einmal im Wald verlaufen hatten

Vor langer Zeit haben mein Vater und ich uns einmal in Frankreich in einem Wald verlaufen. Ich war damals etwa zwölf oder dreizehn Jahre alt. Jedenfalls war es vor der Ära, als die meisten Menschen ein Handy besaßen. Wir machten dort Urlaub, die Art von einfachem, bürgerlichem Urlaub auf dem Land ohne Meer in der Nähe, die mir nicht so recht einleuchtete. Wir waren also im Tal der Loire und sind zum Joggen aufgebrochen. Nach einer guten halben Stunde dämmerte meinem Dad etwas: »Oh, sieht ganz danach aus, als hätten wir uns verlaufen.« Wir sind im Kreis gelaufen und haben versucht, den Pfad wiederzufinden, aber vergeblich. Mein Dad fragte zwei Männer – Wilderer – nach dem Weg, und die beiden schickten uns in die falsche Richtung. Mein Dad geriet sichtlich in Panik, obwohl er sich bemühte, es vor mir zu verheimlichen. Wir waren nun schon seit Stunden im Wald unterwegs, und uns beiden war klar, dass meine Mum sich bereits schreckliche Sorgen machte. In der Schule hatten wir gerade die biblische Geschichte von den Israeliten durchgenommen, die in der Wildnis umgekommen waren, und ich konnte mir leicht ausmalen, dass uns ein ebensolches Schicksal bevorstand. »Wenn wir einfach immer geradeaus gehen, werden wir hier wieder herauskommen«, sagte mein Dad.


Und er hatte recht. Schließlich hörten wir Autos und erreichten eine Hauptstraße. Wir waren fast achtzehn Kilometer von unserem Dorf entfernt, aber zumindest hatten wir nun Wegweiser. Wir waren nicht mehr umgeben von Bäumen. An diese Strategie muss ich oft denken, wenn ich nicht mehr weiterweiß – buchstäblich oder im übertragenen Sinn. Ich habe während eines Zusammenbruchs daran gedacht. Als ich immer wieder Panikattacken hatte, die nur von depressiven Phasen abgelöst wurden, als mein Herz vor Angst hämmerte, als ich kaum noch wusste, wer ich war, und nicht wusste, wie ich weiterleben sollte. Wenn wir einfach immer geradeaus gehen, werden wir hier wieder herauskommen. Einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne die Richtung zu ändern, wird dich weiter bringen, als im Kreis herumzurennen. Unbeirrt einfach weiterzugehen – darum geht es.

Es ist okay

Es ist okay, völlig fertig zu sein.
Es ist okay, von seinen Erlebnissen gezeichnet zu sein.
Es ist okay, ein einziges Chaos zu sein.
Es ist okay, die Teetasse mit dem Sprung zu sein. Genau die weiß nämlich eine Geschichte zu erzählen.
Es ist okay, sentimental zu sein und überspannt und bittersüße Tränen zu weinen bei Liedern und Filmen, die man eigentlich gar nicht mögen sollte.
Es ist okay, das gut zu finden, was du gut findest.
Es ist okay, etwas aus buchstäblich keinem anderen Grund zu mögen als dem, dass du es magst, und nicht etwa, weil es cool ist oder intelligent oder weil andere es mögen.
Es ist okay, dass Menschen auf dich zugehen. Du musst dich nicht so verausgaben, dass du niemandem mehr gerecht wirst. Du musst nicht immer die Person sein, die auf andere zugeht.
Manchmal darfst du dir auch zugestehen, darauf zu warten, dass jemand auf dich zugeht. Die großartige Autorin Anne Lamott hat es einmal so formuliert: »Leuchttürme hasten nicht ständig über die ganze Insel, um Schiffe zu retten; sie stehen einfach da und leuchten.«
Es ist okay, nicht jeden Sekundenbruchteil bestmöglich zu nutzen.
Es ist okay, so zu sein, wie du bist.
Es ist okay.

Matt Haig: The Comfort Book

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