Im Gespräch

Bestseller-Autor Daniel Holbe über die Krimi-Hauptstadt Frankfurt

Frankfurt am Main – eine Metropole der extremen Gegensätze. Wo tagsüber im gleißenden Licht der Glasfassaden Milliarden bewegt werden, kriechen nachts die Schatten durch die Gassen von Sachsenhausen und das Bahnhofsviertel. Kaum jemand kennt diese janusköpfige Stadt und ihre kriminellen Energien so gut wie Daniel Holbe. Seit Jahren führt er das literarische Erbe von Andreas Franz und dessen Kult-Ermittlerin Julia Durant mit phänomenalem Erfolg fort.

Daniel Holbe über die Krimi-Hauptstadt Frankfurt
© Bild Daniel Holbe = Gaby Gerster / Feinkorn

 Ein Gespräch über Heimat, den rasanten Wandel einer Großstadt, die eigentlich keine sein will, und die unbarmherzige Finsternis, die in den Seelen der Menschen lauert.

 


Das Porträt einer Stadt: Zwischen Kindheitserinnerungen und nacktem Beton

Droemer Knaur:  Lieber Daniel, Frankfurt ist in deinen Kriminalromanen weit mehr als nur eine bloße Kulisse – die Stadt atmet, bedroht und lebt wie eine eigene, unberechenbare Figur. 

Wie tief reicht deine persönliche Verbindung zu dieser Metropole, die du in deinen Büchern so schonungslos sezierst?

 

Daniel Holbe: Es ist eine Verbindung, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Auch wenn ich nie direkt im Herzen Frankfurts gewohnt habe, bin ich doch untrennbar mit dieser Stadt groß geworden. 

Meine ersten bewussten Erinnerungen sind die klassischen Familienausflüge: das bunte Treiben im Zoo, das geschäftige Rauschen auf der Zeil, die Gerüche in der Kleinmarkthalle oder der Blick auf die Skyline bei einer Schifffahrt auf dem Main. 

Meine Tante wohnte damals in einem echten Hochhaus – für mich als Kind war das purer Nervenkitzel, ein gigantisches „Wow“-Erlebnis.

Später, als Jugendlicher und junger Erwachsener, verschoben sich die Koordinaten. Da waren es die bebende Kurve im Waldstadion, die legendären Nächte beim Sound of Frankfurt, die großen Kinos und natürlich die urigen Apfelweinkneipen in Sachsenhausen.

Ich habe in Frankfurt studiert, ich habe hier gearbeitet. Uns verbindet eine geteilte Biografie. Ich kenne ihre schönen, glänzenden Seiten ebenso wie ihre rauen, ungeschminkten Ecken.

 

„Frankfurt hat diese seltsame Eigenart: Es kämpft mit waschechten Großstadtproblemen, ohne von seiner reinen Definition her überhaupt eine echte Großstadt zu sein.“

 

Droemer Knaur:  Wenn wir dreißig Jahre zurückblicken – in die Ära, in der Andreas Franz die ersten Meilensteine der Julia-Durant-Reihe legte –, war Frankfurt ein anderes Pflaster als heute. Wie hast du diesen rasanten Wandel miterlebt, und wie spiegelt sich diese neue Realität in deinen Büchern wider?

 

Daniel Holbe: Ich habe diese Metamorphose quasi in Echtzeit und hautnah miterlebt. Zuerst ganz pragmatisch als Pendler zur Fachhochschule: das ständige Ringen um Verkehrskonzepte, neue Bahngleise, Busspuren. Und parallel dazu dieser unaufhaltsame, vertikale Hunger der Stadt – überall schossen neue Gebäude aus dem Boden, allen voran die weithin sichtbaren Wolkenkratzer.

Doch der Wandel war nicht nur architektonischer Natur. Die diversen globalen Krisen, angefangen bei der Finanzkrise, haben tiefe Spuren im sozialen Gefüge hinterlassen.

Frankfurt ist ein hochsensibles Seismografen-Zentrum: Hier prallen extreme Internationalität, unermesslicher Reichtum und tiefste soziale Brennpunkte direkt aufeinander. 

Genau mit diesem strukturellen und gesellschaftlichen Wandel habe ich mich während meines Studiums der Sozialarbeit intensiv beschäftigt.

Frankfurt hat diese seltsame Eigenart: 

Es kämpft mit waschechten Großstadtproblemen, ohne von seiner reinen Definition her überhaupt eine echte Großstadt zu sein. Aber bei all dieser permanenten Veränderung ist eine Konstante erschreckenderweise immer gleich geblieben: die menschlichen Abgründe. 

Und genau diese scharfen Kontraste bieten mir die perfekte Bühne, um diese Abgründe in meinen Krimis abzubilden.

Der Blick des Jägers: Wenn die vertraute Heimat zum Tatort wird

Droemer Knaur: Deine Romane führen uns oft an Orte, die man nach der Lektüre lieber meiden möchte. Kannst du dich selbst eigentlich noch unbefangenen Schrittes durch Frankfurt bewegen, oder lauert für dich hinter jeder Biegung bereits die nächste Leiche?

 

Daniel Holbe: (lacht) Zum Glück kann ich mich noch ohne ständiges Gruseln durch die Straßen bewegen! Meine Morde sind – Gott sei Dank – alle rein fiktiver Natur. 

Und wir müssen eines festhalten: Die wahre Finsternis wohnt nicht in den Betonpfeilern einer Brücke oder in einer dunklen Gasse. Sie herrscht in den Menschen selbst, auf den Seelen der Täter. Natürlich gibt es finstere Orte, an denen man sich unwohl fühlt. 

Und natürlich hat sich Andreas Franz damals bei Jung, blond, tot von einer realen Frankfurter Mordserie inspirieren lassen. 

Aber oft verhält es sich auch so, dass Verbrechen, die ganz woanders passiert sind, von mir oder ihm vor die atmosphärische Kulisse Frankfurts verlegt werden. Die Stadt bietet dafür einfach die perfekte, dramatische Bühne.

Dennoch hat sich mein Blick fundamental verändert. 

Als ich nach Andreas‘ plötzlichem Tod das Manuskript zu Todesmelodie vollendet habe, stand ich an der Hauptwache und am Roßmarkt und habe diese Orte zum ersten Mal mit den Augen eines aktiven Krimiautors betrachtet. 

Ich konnte das alles längst, aber dieser Blick war nochmal ein ganz anderer. Ich bekam keine Angst vor den Treppenabgängen zur U-Bahn oder vor den Schatten, die dort lauern könnten. Aber der Blick blieb geschärft.

Seitdem sind unzählige Schauplätze dazugekommen. 

Für meine Recherchen bin ich über Brücken geklettert, habe verlassene, unheimliche Hauseingänge betreten, Hinterhöfe inspiziert und stand auf den Dächern von Hochhäusern.

 Ich durfte das alte und das neue Polizeipräsidium von innen sehen. 

Wenn ich heute durch die Stadt fahre, ist das wie eine Reise durch mein eigenes fiktives Universum: 

An fast jeder Ecke denke ich mir: „Da hast du damals recherchiert“ oder „Genau hier hast du einen Mord geschehen lassen“.

Julia Durant: Die Suche nach Heimat in der Fremde

Droemer Knaur:  Deine Ermittlerin Julia Durant ist eine waschechte Münchnerin, die es ins raue Frankfurt verschlagen hat. Ein echter Kulturschock. Wie spiegelt sich ihre innere Zerrissenheit in ihrer Beziehung zu dieser neuen Heimat wider?

 

Daniel Holbe: Im aktuellen Band Unter Toten durfte ich Julias Anfänge in Frankfurt noch einmal in Rückblenden ganz neu beleuchten. 

Als die Reihe damals mit Jung, blond, tot startete, war sie ja bereits ein Jahr in der Stadt und hatte sich arrangiert. Aber ihr Start war alles andere als leicht und ihr Blick auf Frankfurt von Anfang an schwer vorbelastet. 

Sie flüchtete aus München, weil ihre Ehe in Scherben lag. Sie vermisste ihren Vater, einen Pfarrer in einer kleinen bayerischen Gemeinde. Und kaum kommt sie in ihrer neuen Wohnung in Frankfurt-Sachsenhausen an, begrüßt sie diese mit einem kapitalen Rohrbruch.

Dazu kam eine neue Arbeitsstelle in einem absolut männerdominierten Präsidium – das war in den Neunzigerjahren noch eine ganz andere, härtere Realität als heute. Am Anfang sah Julia verständlicherweise nur das Negative. 

Ein Pflaster wie das Frankfurter Bahnhofsviertel gab es in ihrem behüteten München schlichtweg nicht; dort ging man mit solchen sozialen Brennpunkten ganz anders um. Sie vermisste die vertraute Großstadtidylle.

Aber Julia ist eine Kämpferin. Sie will es schaffen: eine erfolgreiche Karriere bei der Mordkommission, ein funktionierendes Privatleben und ein Team, das ihr Rückhalt bietet. 

Um das zu erreichen, musste sie sich öffnen – für sich selbst und vor allem für diese sperrige, laute Stadt. 

Und das ist ihr über die Jahre hinweg bravourös gelungen. Heute bedeutet Frankfurt für Julia weitaus mehr „Zuhause“, als München es je hätte sein können. Sie liebt gewiss nicht jeden Zentimeter dieser Stadt, aber sie kann sich beim besten Willen nicht mehr vorstellen, jemals wieder woanders zu sein.

 

„Frankfurt ist für mich schlichtweg niemals auserzählt. Es gibt noch so viele unentdeckte Winkel, so viele düstere Geheimnisse, die darauf warten, ans Licht geholt zu werden.“

Das ungeschriebene Buch: Die unendliche Inspiration der Metropole

Droemer Knaur: Gibt es für dich eigentlich jemals ein Entkommen aus dem Bannkreis dieser Stadt, oder ist Frankfurt als literarischer Kosmos für dich unerschöpflich? Welche dunklen Winkel reizen dich noch?

 

Daniel Holbe: Das ist die klassische „Sowohl-als-auch“-Frage! Ich liebe es, schöpferische Ausflüge zu machen. 

Mit Julia Durant habe ich das bereits dreimal gewagt: In Julia Durant. Die junge Jägerin durfte sie zurück in ihre Heimat nach München reisen, um in den 90er-Jahren zu ermitteln – das war ein fantastischer Tapetenwechsel!

 In Unter Toten sind wir tief in ihre Anfänge im Frankfurt der Jahrtausendwende eingetaucht. Und drittens gab es dieses großartige Crossover, bei dem Julia einen Gastauftritt in unserer Hessen-Krimireihe um Sabine Kaufmann hatte. 

In Glutstrom führte der Fall die Ermittler direkt aus der tiefsten hessischen Provinz in die glitzernde Metropole.

Man sieht also: Ohne Frankfurt komme ich einfach nicht aus. Ich suche immer wieder neue, kreative Wege, um dorthin zurückzukehren. 

Den maximalen Kontrast dazu hole ich mir in den Büchern um Sabine Kaufmann und Ralph Angersbach, die mein geschätzter Kollege Ben Tomasson und ich bewusst außerhalb der Großstadt, quer durch die hessische Provinz, jagen lassen. 

Ein weiteres großes Crossover in der Main-Metropole behalten wir uns aber definitiv vor – die Sehnsucht ist einfach zu groß.

Ich glaube fest daran, dass Frankfurt niemals „auserzählt“ sein wird. 

Es gibt so unendlich viele Facetten, so viele kontrastreiche Schauplätze. In Dunkles Netz stand Julia Durant zum Beispiel auf einer Brücke im schicken Westhafen – direkt dort, wo die teuren Segel- und Motorjachten im Wasser schaukeln. 

Ich stand selbst an genau dieser Stelle und habe die Stimmung aufgesaugt. 

Der Kontrast zwischen diesem glamourösen Lifestyle und dem eiskalten Verbrechen, das direkt darunter schwimmt... ich fand das unfassbar inspirierend. 

Man darf – nein, man sollte also sehr gespannt sein, was Frankfurt und ich in Zukunft noch gemeinsam aushecken werden!

 

Über Daniel Holbe

Daniel Holbe, geboren 1976, führt seit dem plötzlichen Tod des Erfolgsautors Andreas Franz dessen populäre Reihe um die Frankfurter Ermittlerin Julia Durant fort. 

Mit großem Gespür für psychologische Tiefe und regionale Details fesselt er regelmäßig eine riesige Fangemeinde an der Spitze der Bestsellerlisten.

 

 

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