Ein Gespräch über Heimat, den rasanten Wandel einer Großstadt, die eigentlich keine sein will, und die unbarmherzige Finsternis, die in den Seelen der Menschen lauert.
Das Porträt einer Stadt: Zwischen Kindheitserinnerungen und nacktem Beton
Droemer Knaur: Lieber Daniel, Frankfurt ist in deinen Kriminalromanen weit mehr als nur eine bloße Kulisse – die Stadt atmet, bedroht und lebt wie eine eigene, unberechenbare Figur.
Wie tief reicht deine persönliche Verbindung zu dieser Metropole, die du in deinen Büchern so schonungslos sezierst?
Es ist eine Verbindung, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Auch wenn ich nie direkt im Herzen Frankfurts gewohnt habe, bin ich doch untrennbar mit dieser Stadt groß geworden.
Meine ersten bewussten Erinnerungen sind die klassischen Familienausflüge: das bunte Treiben im Zoo, das geschäftige Rauschen auf der Zeil, die Gerüche in der Kleinmarkthalle oder der Blick auf die Skyline bei einer Schifffahrt auf dem Main.
Meine Tante wohnte damals in einem echten Hochhaus – für mich als Kind war das purer Nervenkitzel, ein gigantisches „Wow“-Erlebnis.
Später, als Jugendlicher und junger Erwachsener, verschoben sich die Koordinaten. Da waren es die bebende Kurve im Waldstadion, die legendären Nächte beim Sound of Frankfurt, die großen Kinos und natürlich die urigen Apfelweinkneipen in Sachsenhausen.
Ich habe in Frankfurt studiert, ich habe hier gearbeitet. Uns verbindet eine geteilte Biografie. Ich kenne ihre schönen, glänzenden Seiten ebenso wie ihre rauen, ungeschminkten Ecken.
„Frankfurt hat diese seltsame Eigenart: Es kämpft mit waschechten Großstadtproblemen, ohne von seiner reinen Definition her überhaupt eine echte Großstadt zu sein.“
Droemer Knaur: Wenn wir dreißig Jahre zurückblicken – in die Ära, in der Andreas Franz die ersten Meilensteine der Julia-Durant-Reihe legte –, war Frankfurt ein anderes Pflaster als heute. Wie hast du diesen rasanten Wandel miterlebt, und wie spiegelt sich diese neue Realität in deinen Büchern wider?
Ich habe diese Metamorphose quasi in Echtzeit und hautnah miterlebt. Zuerst ganz pragmatisch als Pendler zur Fachhochschule: das ständige Ringen um Verkehrskonzepte, neue Bahngleise, Busspuren. Und parallel dazu dieser unaufhaltsame, vertikale Hunger der Stadt – überall schossen neue Gebäude aus dem Boden, allen voran die weithin sichtbaren Wolkenkratzer.
Doch der Wandel war nicht nur architektonischer Natur. Die diversen globalen Krisen, angefangen bei der Finanzkrise, haben tiefe Spuren im sozialen Gefüge hinterlassen.
Frankfurt ist ein hochsensibles Seismografen-Zentrum: Hier prallen extreme Internationalität, unermesslicher Reichtum und tiefste soziale Brennpunkte direkt aufeinander.
Genau mit diesem strukturellen und gesellschaftlichen Wandel habe ich mich während meines Studiums der Sozialarbeit intensiv beschäftigt.
Frankfurt hat diese seltsame Eigenart:
Es kämpft mit waschechten Großstadtproblemen, ohne von seiner reinen Definition her überhaupt eine echte Großstadt zu sein. Aber bei all dieser permanenten Veränderung ist eine Konstante erschreckenderweise immer gleich geblieben: die menschlichen Abgründe.
Und genau diese scharfen Kontraste bieten mir die perfekte Bühne, um diese Abgründe in meinen Krimis abzubilden.