Im Gespräch

Interview: Markus Heitz und das Geheimnis der „Villa“

Was macht eine prachtvolle Stadtvilla im beschaulichen Leipzig-Gohlis zum idealen Schauplatz für schleichendes Grauen? Bestseller-Autor Markus Heitz verrät im Interview, wie ihn ein Spaziergang am Poetenweg zu seinem neuen Gothic-Horror-Roman "Die Villa" inspirierte. Er spricht über düstere Geheimnisse hinter schicken Fassaden, den unbewussten Pakt mit dem Bösen in unserer modernen Konsumgesellschaft und warum für ihn das eigene Zuhause manchmal die größte Bedrohung darstellt.

Markus Heitz im Interview zu seinem Buch
© Autorenfoto: Manuel Gutjahr

Der Reiz des Lokalen: Warum Leipzig-Gohlis?

Frage: Herr Heitz, Ihr neuer Roman Die Villa ist im Leipziger Stadtteil Gohlis angesiedelt – einem Viertel, das eigentlich für seine wunderschönen, prachtvollen Bürgerhäuser und das Gohliser Schlösschen bekannt ist. 

Was hat Sie gereizt, genau diesen historisch und architektonisch so glanzvollen Ort als Schauplatz für ein schleichendes Grauen zu wählen? 

MH: Das ist ganz einfach – ich war dort spazieren, als ich wieder mal in Leipzig war und zum Schlösschen wollte. 
Der Poetenweg führt tatsächlich dort hin. 

Dabei kommt man wirklich an vielen schönen Häusern vorbei. 

Auch älteren Gebäuden, denen man die Historie entweder noch ansehen kann oder immer noch ansieht. 
Das beflügelt natürlich die Vorstellung, was sich darin alles in der Vergangenheit abspielte und bis heute nachhallt.

Frage: Gibt es vielleicht sogar eine reale Villa in Gohlis, die Sie zu dieser Geschichte inspiriert hat?

MH: Tja… Viel Spaß beim Suchen! 

Die Hausnummer jedenfalls stimmt nicht. Nur als Hinweis. Bitte nicht klingeln!

 

Die Anatomie eines unheimlichen Ortes

Frage: Als Horror-Autor haben Sie schon viele düstere Schauplätze erschaffen. Was macht für Sie persönlich einen Ort im echten Leben „unheimlich“? 

MH: Es muss eine unangenehme Stimmung herrschen. 

So etwas bringen manche Orte mit, ohne dass man etwas über die Historie wissen muss. Die Vergangenheit kann durchaus völlig harmlos sein – und doch gibt es da etwas, das Nervosität, Unbehagen und Fluchtreflexe auslöst.

Frage: Müssen dort historische Tragödien stattgefunden haben, oder reicht manchmal schon die falsche Architektur zur falschen Tageszeit, um bei Ihnen das Kopfkino zu starten?

MH: Exakt DAS! 
Der Mensch neigt dazu, die neuste Geschichte eines Ortes heranzuziehen. 

Aber vermutlich gibt es wenige besiedelte Orte auf der Erde, an denen beispielsweise noch kein Mensch ums Leben gekommen ist. Damit könnte man annehmen, dass fast überall Geister existierten. Sofern man daran glaubt. 
 

Andere sind von Erdabstrahlung überzeugt, wieder andere haben komplett unterschiedliche Erklärungen für das Unangenehme, Schauderhafte eines Ortes.
Natürlich sind historische Tragödien, Schlachtfelder, Bestattungsstätten und dergleichen immer eine feine Zutat, aber man braucht sie nicht.

 

Der Pakt mit dem Teufel im modernen Gewand

Frage: „Besitzt du sie oder besitzt sie dich?“ – Dieser Kernsatz des Buches deutet auf das klassische Motiv des Teufelspaktes hin. 

MH: Vorausgesetzt, man glaubt an das christliche Teufelsmodell. So viele Religionen in der Vergangenheit, die man gerne mal vergisst

Und ist der Tauschhandel nicht die älteste Form des Handels? 
Aber ist es überhaupt ein Handel, wenn man gar nichts davon weiß?

Doreen und Marina bekommen die Villa bei einer Zwangsversteigerung als Schnäppchen, doch der Preis, den sie zahlen, ist immens. 

MH: Da können alle Menschen mit alt-antiken Gebäuden nicken. Man erinnere sich an die historischen Bauwerke im Osten Deutschlands, die für einen symbolischen Euro verkauft wurden und Millionen in der Renovierung kosten?
Und natürlich gibt es noch den geheimen Extrapreis, den man unter Umständen zahlt.

Frage: Wie viel gesellschaftskritischer „Faust“ steckt in Ihrer Geschichte über den unbewussten Pakt mit dem Bösen für ein bisschen Lebensglück?

MH: Aus der Sicht der westeuropäischen Konsumgesellschaft könnte man drüber nachdenken, wer für unsere Dinge bezahlt. 

Und mit was? 
Elektronik, Kleidung, Luxusgüter – jemand stellt es oft am anderen Ende der Welt her, und nicht selten unter fragwürdigen Bedingungen.

Unser „Glück“ ist definitiv oft das Unglück von anderen. Aber das schrammt nur auf der Meta-Ebene durchs Bild. 

 

Die Hommage an Poe und del Toro

Frage: Wie sehr hat Sie die Arbeit von Edgar Allan Poe und Guillermo del Toro inspiriert?

MH: Poe und Lovecraft gehören mich zu den Meistern der Schauergeschichten. Deren Storys funktionieren heute noch. Und ich glaube, ich habe wirklich alles von den beiden hier herumstehen. 

Del Toro? Eher nein. Aber er kann sehr gerne Regie bei einer Verfilmung führen. Das fände ich mega!

Frage:  Das sind zwei absolute Ikonen des Unheimlichen: Poe steht für den psychologischen Verfall und die Melancholie, del Toro für bildgewaltige, fast schon poetische Monster. 

Frage: Haben Sie versucht, diese beiden Welten – den klassischen Schauer und die moderne, visuelle Dark Fantasy – in „Die Villa“ miteinander zu verschmelzen?

MH: Generell „sehe“ ich die Szenen beim Schreiben vor mir. Kopfkino im besten Sinne. 

Und als Gothic, als Grufti bin ich ohnehin dicht an der Ästhetik des Finsteren gebaut, die man auch auf alten Gemälden des Barock (Memento Mori) oder bei Caspar David Friedrich findet. Ein ziemlicher Vorteil. 

Mein Job ist es, meine Bilder schriftstellerisch so umzusetzen, dass bei den Leserinnen und Lesern möglichst ähnliche Filme entstehen.

 

Das Haus als eigenständiger Charakter

Frage: Im klassischen Gothic Horror (von The Haunting of Hill House bis Crimson Peak) ist das Haus selten nur eine Kulisse, sondern oft ein lebendiger, bösartiger Charakter mit einer eigenen Agenda. 

MH: Ich mag die Umkehrung der Klassiker von „Home Sweet Home“ und „My Home is my castle“ – der eigentliche Rückzugs- und Schutzort des Menschen wird zur größten Bedrohung.

Hach, herrlich perfide.

Frage: Wie haben Sie der Villa in Gohlis ihre ganz eigene, bedrohliche Persönlichkeit eingehaucht? 

MH: Indem ich sie ähnlich wie ein Lebewesen darstelle. 

Das beginnt schon beim ersten Zusammentreffen mit Doreen: Es kommt zu einer Art Luftzug, der an ein Ein- und Ausatmen, an ein Wittern erinnert, mit dem die Villa den Geruch der Frau aufnimmt. Damit ist es entschieden.

Frage: Welche „Sinne“ hat dieses Haus?

MH: Es hört, es nimmt wahr… und ihm entgeht nichts.

 

 Algorithmen und Alpträume: Das Grauen des Erfolgs

Frage: Die Tochter Marina startet nach dem Einzug in die Villa als YouTube-Star durch. Das Grauen schleicht sich hier also nicht durch den Verfall ein, sondern durch plötzlichen Erfolg und glänzenden Schein.

MH: Verführung ist immer ein Hebel. Ich möchte nicht mal vom Bösen sprechen.

Frage: Ist der Horror heute subtiler geworden? 

MH: Horror barg schon immer zig Spielarten, von Anfang der menschlichen Erzählung an.

Solche Elemente, von subtil bis deftig, finden sich in ältesten Storys – und in Märchen, bitte nicht vergessen. 

Autorinnen und Autoren entscheiden, wo sie ihren Schwerpunkt setzen möchten, von leise-sneaky bis zu Werkzeugeinsatz und hektoliterweise Blut.

Frage: Gruseln wir uns in Zeiten von Social Media mehr vor der unheimlichen Macht von Algorithmen, Klicks und plötzlicher Aufmerksamkeit als vor klappernden Ketten im Keller?

MH: Horror ist persönliches Empfinden. 

Für manche ist es Brokkoli, für andere Mathe. Oder niedrige Abrufzahlen, eine Fahrt in der Achterbahn oder eine Spinne oder das Kratzen von Kreide über eine Tafel.

Eins meiner Lieblingsmärchen ist genau deswegen „Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“. 

Darin wird schon gezeigt, wie unterschiedlich Gruseln beim Menschen entsteht.

Noch dazu kommen die Umstände: Jemand im SM-Keller mag das Klirren von Ketten, würde ich sagen.

 

Der Kontrast: Leipzig vs. London

Frage: Neben der Geschichte von Doreen und Marina in Leipzig gibt es den Handlungsstrang um den Musiker Ethan in London, der den brutalen Mord an seiner Mutter aufklären will. 

MH: Ich bin großer Fan von mehreren Handlungssträngen!

Frage: Wie balancieren Sie diese beiden Schauplätze atmosphärisch aus? 

MH: In beiden Fällen geht es um Horror. Ethan hat den Verlust seiner Mutter zu beklagen, was in dem Fall Horror und keine Freude ist (man weiß ja nie…). 

Und gerade als er denkt, es kann nicht mehr schlimmer kommen… 

Aber es ist eine andere Art von dem, was Doreen und Marina erleben. Mehr möchte ich gar nicht verraten.

 

Die Rolle der Musik im Horror

Frage: Musik spielt in der Geschichte eine große Rolle: Marina ist YouTube-Musikerin, Ethan sucht in London als Musiker nach Antworten. 

Musik kann trösten, aber in der Schauerliteratur ist sie oft auch ein Einfallstor für das Übersinnliche (man denke an Poes Der Untergang des Hauses Usher). 

MH: Auch Lovecraft nutzte das Motiv, womit sie natürlich nicht alleine sind. 

Musik kann verzaubern und verzücken im besten Sinne – oder in die Falle locken, wenn man an den Rattenfänger von Hameln denkt. Die meisten Dinge haben mehr als eine Seite.

Frage: Welche Rolle spielt der Sound, das Auditive, in der Bedrohung, die von der Villa ausgeht?

MH: Wir haben das beständige, allgegenwärtige Tick-Tack der verhüllten Standuhr der Villa, was nicht umsonst an einen Herzschlag erinnert. 

Oder das Ächzen und Knarren. Ein ganz besonderer Sound. 

Ich mag beispielsweise das Knarren von Dielen. Auch nachts.


Der Switch der Genres: Von High Fantasy zu Gothic Horror

Frage: Ihre Fans lieben Sie für epische High-Fantasy-Sagas wie „Die Zwerge“, aber Sie kehren immer wieder zum Horror und der Dark Fantasy zurück. 

MH: Phantastik in vielen Facetten, Horror in unterschiedlichen Themen, Kinderbuch, politische Kurzgeschichten, Lyrics – ich mag und brauche die Vielfalt.

Es sind jetzt über 80 Bücher, und warum sollte ich mich limitieren, solange Ideen vorhanden sind?

Überraschung: Ideen sind nie mein Problem. 
Die Zeit ist es, wie bei uns allen.

Und wenn ich was als Grufti genau weiß: Memento Mori, Leute! Schiebt nichts auf, was euch am Herzen liegt. Und wenn es euer Herz ist.

Frage: Wie unterscheidet sich Ihr kreativer Zustand, wenn Sie sich in diese düsteren, intimen Kammerspiele begeben? 

MH: Der kreative Zustand ist identisch – purer Spaß an dem, was ich tue! Hell, yeah!

… würde ich jetzt auch nicht unbedingt psychologisch analysieren wollen, aber nun ja.

Frage: Müssen Sie sich selbst beim Schreiben in eine melancholischere, unheimlichere Stimmung versetzen?

MH: Soundtracks helfen immer, aber ich kann mich sehr schnell in die jeweilige Stimmung versetzen. 

An so ziemlich jedem Ort. 
Horror schreiben im vollbesetzten Zug funktioniert übrigens extrem gut.

 

Die Warnung an die Leserinnen und Leser

Frage: Zum Abschluss: Wenn Sie Ihren Leserinnen und Lesern eine einzige Warnung mit auf den Weg geben müssten, bevor sie die erste Seite von „Die Villa“ aufschlagen und virtuell die Schwelle dieses Hauses übertreten – welche wäre das?

MH: Mehr ein friendly reminder: memento mori. 

Jeden Tag, bis irgendwann… nicht mehr. 

Also ran an die Pläne! 

Zum Beispiel … eine alte Villa kaufen und sie renovieren. 

Das Haus wird sich erkenntlich zeigen. 

Und wenn man zwischen den Wänden zu lesen weiß, entdeckt man noch mehr… Darauf wette ich!